Alexej hat geschrieben:Welche Bedeutung hat Kultur für den Glauben?
Zu diesem Thema könnte man vermutlich Bücher schreiben.
Für mich ist das durchaus ein Thema, zumal meine Frau und ich uns in zwei Kulturen bewegen, sie in meiner (der deutschen) und ich in ihrer (der rumänischen).
Derzeit (wohnortbedingt) bewegen wir uns allerdings hauptsächlich in meiner Kultur. Ich kann mich aber auch sehr schnell in ihrer Kultur "versenken", z.B. dann, wenn ich rumänische Nachrichten anschaue. Dann bin ich plötzlich "weg", stört mich dann jemand, antworte ich plötzlich mit "Da ...!?" (Ja !), sind wir in Rumänien, sprechen wir fast ausschließlich rumänisch (deutsch nur dann, wenn das Gespräch unter uns bleiben soll), sind wir wieder in Deutschland, geht´s dann auf deutsch weiter....
Für mich hat Kultur also sehr entscheidend mit Sprache zu tun. Vor allem dann, wenn es um Glauben geht. Ich habe schon als Kind nie verstehen können, warum z.B. in der katholischen Tradition vieles auf lateinisch ist bzw. war. Da ich nie katholisch war, musste ich mich praktisch nie damit auseinandersetzen, aber die Vorstellung, gerade wenn es um den christlichen Glauben geht, die Bibel oder das Gebet nicht mehr auf deutsch zu haben, hat mich schon immer befremdet.
Um den Bogen zur Orthodoxie zu spannen (darum geht es uns ja) - ich nehme Glauben ganz anders auf bzw. wahr, wenn ihn in meiner Muttersprache habe.
Zur Zeit besuche ich relativ regelmäßig in Frankfurt die deutsche Liturgie, die 1x im Monat stattfindet. Ich würde die rumänische Liturgie (fast) genauso gut verstehen, wenn ich sie aber auf deutsch habe, habe ich das Gefühl, dass sie in meiner Kultur angekommen ist und mich persönlich anspricht.
Habe ich sie in einer anderen Sprache (auch wenn ich diese vielleicht oder tatsächlich verstehe), bleibe ich Gast - denn meine Kultur ist nunmal deutsch.
Nicht jedem muss es genauso gehen. Wir diskutieren hier ja auch.
Für mich war die Orthodoxie früher eben der "Glaube der Ostkirche" - und hatte mit mir folglich nichts zu tun, da sich der Osten folglich außerhalb meiner Kultur befand. Aufgewachsen bin ich in einer mittelhessischen Arbeiterstadt, wir hatten viele "Gastarbeiter" und auf dem Weg zu Kindergarten und Spielplatz kam ich regelmäßig an einer Barracke vorbei, wo sich die Griechen trafen. Viel bekam ich nicht mit, aber soweit ich weiß nutzen die Griechen ihre Räumlichkeiten damals auch für Gottesdienste. Hin und wieder sah ich auch mal einen Priester. Als ich längst in der Schule war, wurden wir mal (meine Mutter war Kinderkrankenschwester) zu einer Taufe eines Babys in ein koptisches Kloster eingeladen. Dort sah ich zum ersten Mal im Leben eine Ikone. Das war für mich natürlich total fremd. Ich musste auch meine Schuhe ausziehen, als uns der Priester im Kloster herumführte. Natürlich weiß ich heute um die Unterschiede zwischen Kopten und Orthodoxen, aber darum geht es mir hier überhaupt nicht, die Orthodoxie war für mich schon als Kind fremd - obwohl christlich, hatte für mich aber nichts mit meiner Kultur zu tun.
Jetztmal abgesehen von allen "tollen" Diskussionen über Protestanten usw., für mich liegt ein Schlüssel für eine letztendlich breite Akzeptanz der Orthodoxie in Deutschland darin, dass wir u.a. durch die Sprache verstehen und auch spüren, dass die Orthodoxie für uns auch kulturell relevant ist.
Ich meine hier jetzt nicht das theologische, mir fällt es aber vor allem mental schwer zu akzeptieren, dass der "griechische oder der russische Glaube" für mich eine Bedeutung haben soll (für diejenigen, die mir jetzt widersprechen möchten, wiederhole ich nochmal, dass es mir jetzt hier nicht um Theologie geht).
Es geht nicht um "Richtigkeit" oder "Wissen", sondern ausschließlich um eine Art "Heimatgefühl", das für mich deutsch als Sprache voraussetzt.
Alles andere (die Theologie) kommt dann, wenn spüre, dass das, worum es geht, in meiner Kultur angekommen ist.
Für mich hat Glaube was mit mir zu tun und das ist praktisch und gefühlt nunmal deutsch. Alles, was mich erreichen soll, d.h. wirklich erreichen soll, muss auf deutsch sein und somit in meiner Kultur ankommen. Versteht das jemand ?
Gottes Segen !
Doamne ajuta !
"Das Buch der Bücher gleicht einer Quelle, die beständig fließt und um so reichlicher strömt, je mehr man daraus schöpft."
(Hl. Johannes Chrysostomus)
"Cartea Cărţilor se aseamănă cu un izvor care curge in continuu şi care cu atât mai bogat va curge, cu cât cineva va lua din el ."
(Sf. Ioan Gură de Aur)