Das Caritative und Seelsorgerische als Gottesdienst

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talitaNeu
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Das Caritative und Seelsorgerische als Gottesdienst

Beitrag von talitaNeu » 14.09.2006, 13:31

Meine Lieben,

kürzlich erst hat sich ein Jugendlicher in Rissen (Vorort von Hamburg) von einer Brücke geschmissen(sich umgebracht). Die Einsamkeit und seelische Probleme stellen für Menschen immer größere Bedrohung. Neben den seelischen sind die Probleme, die mit der Armut z. B kommen aber auch nicht unterzubewerten.

Meine Fragen:
Gehört die Sellsorge in der Orthodoxie nicht auch zum Auftrag des Gottesdienstes?
Gehört das Karitative nicht auch dazu?

ICh finde schon bemerkenswert, wie sehr die katholische Nonnen und Klöster sich der Pflege der bedürftigen zuwenden, wie z. B. Mutter Tereza.
Während meine Freundin als Nonne im Kloster in Griechenland sich den Olivenbäumen widmet :-( Dabei hat sie Sozialpädagogik studiert und könnte den Menschen damit auch dienen.

Der pure Glaube und die Suche nach Gott in der Einsamkeit sind die Quellen der Kraft aus der unsere Mönche und Glaubensvertreter schöpfen. Heißt es aber nicht, dass das von Gott besonders geschätzte Fasten eher bedeutet, die Armen in sein Haus zu holen und Essen zu geben und gegen die Ungerechtigkeit zu sein?

Ein paar praktische Fragen dazu, vielleicht könnt ihr mir weiter helfen:
Gibt es eine Einrichtung der orthodoxen Kirche, die Laien zu Seelsorgern ausbildet? Ich werde das nun wahrscheinlich bei den Evangelischen machen.

In der Hoffnung auf viel Feedback und Eigeninitativen ihrerseits.

Lieben Gruß und Gottes Segen von Aleksandra
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Herr Gott mein Vater, (Psalm 61. V.5)
ich m?chte weilen in deinem Zelt in Ewigkeit, mich bergen im Schutz deiner Fl?gel.

protopeter
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Beitrag von protopeter » 14.09.2006, 14:16

Liebe Aleksandra !

Die von Ihnen getroffenen Feststellungen sind zu einem großen Teil sicher richtig - es hat viel zu oft den Anschein, daß die Orthodoxe Kirche gleichsam einer "Spiritualisierung" der menschlichen Existenz das Wort reden und die sozial-praktische Dimension des alltäglich praktizierten Glaubens dabei viel zu kurz kommen würde. Dabei ist dies von den Grundlagen aus gesehen vollkommen unzutreffend - so erwiesen große Kirchenväter der Frühzeit, wie z.B. Basilios d. Große oder Johannes Chrysostomos durch Wort und Tat die tatsächlich "faßbar-heilsame" Dimension des Glaubens.

Für das (noch immer in viel zu großem Ausmaß festzustellende) Fehlen sozialer Einrichtungen sind zum wiederholten Male historische Entwicklungsaspekte zu nennen: Auf dem Gebiet des ehemaligen Byzantinischen Reiches, in den orthodoxen Zivilisationen auf dem Balkan führte die über ein halbes Jahrtausend dauernde Osmanenherrschaft zu einer wesentlichen Zäsur im kirchlichen Leben - die Orthodoxie war in ihrem Wirkungskreis massiv beeinträchtigt und veranlaßt, sich lediglich um ihre eigenen Belange zu bemühen; späterhin unterband die politische Entwicklung (Kommunismus) demgemäße Tätigkeiten. Dies alles galt in analoger Weise für Rußland, wo nach den gesellschaftlichen Reformen Peters I. zu Beginn des 18. Jhds. die Kirche im Wesentlichen auf ihre "kultische" Aufgabe reduziert werden sollte; zur Zeit der Sowjetunion war dann jegliche sozial-caritative Tätigkeit von kirchlicher Seite durch entsprechende Staatsgesetze ausdrücklich verboten.

Aus all dem resultiert leider eine gewisse "Entwöhnung" von diesen ureigensten Pflichten der christlichen Gemeinschaft - so hat heute einzig Griechenland mit seiner "Apostoliki Diakonia" eine wirklich umfassende Institution, die sich (neben anderen Tätigkeiten) der Sozialarbeit widmet; in den anderen orthodoxen Mehrheitsgesellschaften ist es heute - Gott sei Dank ! - zwar wieder möglich, daß von Klöstern (hier sind mir Beispiele vor allem aus Rumänien und Serbien bekannt) in bescheidenem Rahmen soziale Werke verrichtet werden, doch bestehen daneben lediglich kleinere Privatinitiativen (wohl auch aufgrund der fehlenden Geldmittel!).

Mit brüderlichen Grüßen,
Erzpr. Peter

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Sebastian
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Beitrag von Sebastian » 14.09.2006, 18:27

Hallo Aleksandra,

sicherlich hast du recht, wenn du fehlende karikative Einrichtungen seitens der Kirche beklagst. Das Gebot Jesu barmherzig zu sein unterstreicht dies. Aber der primäre Auftrag der Kirche zielt doch auf ein viel größeres Ziel, welches nicht von dieser Welt ist, oder?

Gruss
Sebastian

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Beitrag von protopeter » 14.09.2006, 21:58

Lieber Sebastian !

Grundsätzlich haben Sie mit Ihrer Feststellung - gerade auch, wenn man die Worte des Erlösers: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt !" bedenkt - recht; doch ist in der orthodoxen Tradition die Auffassung über die Dimensionierung des Heilsmysteriums auch entsprechend weit gefaßt. Der Gottmensch Jesus Christus stellte durch Seinen Tod und Seine lebensspendende Auferstehung das Gleichgewicht von Diesseits und Jenseits, von Geist und Materie wieder her; sämtliche Erlösungsaspekte sind solchermaßen in Sein allumfassendes Mysterium hineingenommen.

Die Worte der Gottes-, und Nächstenliebe werden genau in dieser Perspektive zu den zwei größten Geboten, die der Christ zu erfüllen hat - alles im Bewußtsein der umfassenden Erneuerung des gesamten Kosmos. Wenn die Kirchenväter also zur Nächstenliebe, zum Einsatz für den leidenden Mitmenschen aufrufen, so tun sie dies nicht im Bewußtsein, einer "Soziallehre" das Wort zu reden, sondern um der Strahlkraft der gottmenschlichen Erlösungsdynamik besonderen Ausdruck zu verleihen; wenn die Kirche im Kanon des Osterfestes singt: "Nun ist alles mit Licht erfüllt - der Himmel, die Erde und das Unterirdische...", so weist dies auf die All-Einheit des Heiles, auf deren Grundlage es für den Gläubigen keine wie auch immer geartete Trennung der Seinsbereiche geben kann, hin.

Es grüßt Sie herzlich in der Liebe Christi
Erzpr. Peter

orthohans
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Karitative Tätigkeit der orthodoxen Kirchen

Beitrag von orthohans » 06.12.2007, 20:20

Liebe Schwestern und Brüdern

Die orthodoxen Kirchen widmen sich - so gut sie nur können - den sozialdiakonischen Belangen.

Das ist auch sehr gut so, besteht doch hiefür die biblische Verpflichtung und auch Berechtigung.

Ich bete dafür, dass die orthodoxen Kirchen immer mehr sozialdiakonische Werke leisten. Als Vorbild diene Johannes von Kronstadt.

Indem wir Sozialdiakonie leisten, imitieren wir Christus, das will Er, das ist gut so.

Auch die einzelnen Kirchenglieder müssen dies unbedingt tun, darum fasten sie auch, u.a. damit sie Fastenersparnisse sozialdiakonisch einsetzen.

LG orthohans
Die senkrechte, himmelw?rts zielende Gottesverehrung lebe ewig.

danadoina_3
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Registriert: 06.02.2007, 19:32

Re: Karitative Tätigkeit der orthodoxen Kirchen

Beitrag von danadoina_3 » 08.12.2007, 23:28

orthohans hat geschrieben:... darum fasten sie auch, u.a. damit sie Fastenersparnisse sozialdiakonisch einsetzen.
LG orthohans
:shock: !

Lieber Orthohans, woher hast du das her ?

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