O - wie Oikonomia

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Nassos
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Beitrag von Nassos » 01.09.2009, 00:46

Hallo Anastasis+,

was kannst denn Du hierzu sagen? Oder wartest Du noch ein bißchen? ;-)

Gruß,
Nassos

Anastasis+
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Beitrag von Anastasis+ » 01.09.2009, 11:03

Ich denke, der Einsatz von Oikonomia durch unsere Orthodoxe Kirche bzw. den Bischof oder Priester darf nicht als Aufweichen oder als Widerspruch zu den Kanones gesehen werden.

Ist die Anwendung von Oikonomia nicht ein Akt der Barmherzigkeit Gottes in Anbetracht unserer Unzulänglichkieten und Schwächen?

So finde ich es sehr hart, dass in der römischen Kirche, geschiedene Gläubige auf immer und ewig von der Kommunion ausgeschlossen sind. Hier scheinen die Lateiner das furchtbare Gericht unseres Herrn schon vorwegzunehmen. Denn was gibt es schrecklicheres als nicht unseren Herrn und Gott empfangen zu dürfen?

Auch bei uns Orthodoxen ist eine Bußzeit nach einer Scheidung (welche ja eigentlich nicht erlaubt ist) vorgesehen, in der man die göttliche Eucharistie nicht empfangen darf - aber nur für eine begrenzte Zeit.

Ich glaube, durch die Anwendung der Oikonomia hat der betroffenen Gläubige die Chance innerhalb der Kirche wieder umzukehren und er erlebt die Kirche als fürsorgliche Mutter, die ihre Kinder nicht verstößt sondern mit geeigneten Mitteln einen Weg zur Umkehr zeigt.

Mit Liebe Christi
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Mary
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Beitrag von Mary » 01.09.2009, 14:17

Anastasis+ hat geschrieben: So finde ich es sehr hart, dass in der römischen Kirche, geschiedene Gläubige auf immer und ewig von der Kommunion ausgeschlossen sind.
Hallo, Anastasis,

das ist so nicht korrekt.

Die Scheidung an sich führt nicht zum Ausschluss von der Kommunion.
Wenn allerdings geschiedene erneut heiraten wollen, verweigert ihnen die römische Kirche den Segen für die zweite Ehe. Wird diese Ehe nur zivil geschlossen, hat dies dann den Kommunionausschluss zur Folge.

Ich glaube, dass die wenigsten wiederverheirateten Geschiedenen sich daran halten. Man kann in der röm.kath. Kirche leicht die Kommunion empfangen, sie wird kaum einmal verweigert, und wenn, dann kann einer leicht in eine andere Gemeinde gehen, wo man ihn nicht kennt. Es ist also in der Praxis dem Einzelnen überlassen, ob er sich enthält oder nicht.

Es gibt auch die Praxis, die erste Ehe für nichtig erklären zu lassen. Find ich persönlich schrecklich, vor allem, wenn Kinder da sind. Aber so ist man dann frei für eine neue, kirchlich geschlossene Ehe.
Ebenso häufig ist aber wohl auch der Fall, dass Menschen die römische Kirche aus diesen Gründen verlassen...

Für mich war es immer schwer zu akzeptieren, dass so hart mit Menschen aus gescheiterten Beziehungen umgegangen wird und dass man die Menschen gewissermassen in die Sünde (ungeregelte Beziehungen) hineinmanövriert... statt Reue, Umkehr und Neuanfang zu begleiten.

LG Maria
Let Your mercy, O Lord, be upon us, as we hope in You.

Mops
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Beitrag von Mops » 01.09.2009, 14:52

Hallöchen,
ein Freund von mir ist römisch katholisch und darf seit seiner Scheidung nicht mehr zur Kommunion. So lange seine geschiedene Frau noch lebt, darf er nicht zur Kommunion! So hat das sein Pfarrer erklärt, ist so.

HIER wurde schon einiges zum Thema Ehe/Scheidung (die es so ja nicht gibt) geschrieben, lohnt sich da nachzublättern....
L.G. Rene

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Mary
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Beitrag von Mary » 01.09.2009, 18:47

Rene hat geschrieben:Hallöchen,
ein Freund von mir ist römisch katholisch und darf seit seiner Scheidung nicht mehr zur Kommunion. So lange seine geschiedene Frau noch lebt, darf er nicht zur Kommunion! So hat das sein Pfarrer erklärt, ist so.

HIER wurde schon einiges zum Thema Ehe/Scheidung (die es so ja nicht gibt) geschrieben, lohnt sich da nachzublättern....
L.G. Rene

Lieber René,

da muss ein Irrtum vorliegen, bei wem auch immer.


Ich war lange genug r.k., dass ich weiss, wie es ist.

Der Katechismus lehrt darüber:

1650 In vielen Ländern gibt es heute zahlreiche Katholiken, die sich nach den zivilen Gesetzen scheiden lassen und eine neue, zivile Ehe schließen. Die Kirche fühlt sich dem Wort Jesu Christi verpflichtet: „Wer seine Frau aus der Ehe entläßt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet" (Mk 10,11-12). Die Kirche hält deshalb daran fest, daß sie, falls die Ehe gültig war, eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen kann. Falls Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetze Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen. Aus dem gleichen Grund können sie gewisse kirchliche Aufgaben nicht ausüben. Die Aussöhnung durch das Bußsakrament kann nur solchen gewährt werden, die es bereuen, das Zeichen des Bundes und der Treue zu Christus verletzt zu haben, und sich verpflichten, in vollständiger Enthaltsamkeit zu leben.
und
1665 Geschiedene, die zu Lebzeiten des rechtmäßigen Gatten wieder heiraten, verstoßen gegen den Plan und das Gesetz Gottes, wie Christus es gelehrt hat. Sie sind zwar nicht von der Kirche getrennt, dürfen aber die heilige Kommunion nicht empfangen. Sie können ihr Leben dennoch christlich führen, vor allem dadurch, daß sie ihre Kinder im Glauben erziehen.

Liebe Grüsse
Maria
Let Your mercy, O Lord, be upon us, as we hope in You.

Nassos
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Beitrag von Nassos » 01.09.2009, 19:39

Wie wurde doch im kreuzgang gesagt:

bei der römisch-katholischen Kirche handelt man eher wie ein Jurist
bei der orthodoxen Kirche handelt man eher wie ein Arzt.

Mops
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Beitrag von Mops » 01.09.2009, 20:01

Liebe Maria,

ich verstehe nicht ganz... :shock:
du bestätigst doch mit den Zitaten nur was ich geschrieben habe... :roll:
Ausnahme, man lebt zölibatär. Wenn ich aber eine neue Partnerin oder einen neuen Partner (als Frau) gefunden habe und mit diesem leben möchte, darf ichg es nicht, darf auch nicht zur Kommunion...
L.G. Rene

Metanoia
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Beitrag von Metanoia » 01.09.2009, 22:37

Hallo,
Ich denke, der Einsatz von Oikonomia durch unsere Orthodoxe Kirche bzw. den Bischof oder Priester darf nicht als Aufweichen oder als Widerspruch zu den Kanones gesehen werden.
Kommt Oikonomia immer durch Bischöfe und Priester zum Einsatz oder kann es auch vom einzelnen Laien angewendet werden?

bei der römisch-katholischen Kirche handelt man eher wie ein Jurist
bei der orthodoxen Kirche handelt man eher wie ein Arzt.
Da teile ich eher die orthodoxe Auffassung, wenn auch mehr auf evangelische Art. Gott ist gekommen, um die Menschen zu erlösen, von ihren Fesseln zu befreien und in Seiner Liebe zur neuen Herrlichkeit zu führen. Das alles kann den Menschen nicht zukommen, wenn sie durch neue Gesetzlichkeiten geknechtet werden, ohne Aussicht haben, die errettende Liebe Gottes irgendwie zu erfahren.
Trotzdem glaube ich aber auch, dass im "Kirchenvolk" mehr Selbstbeherrschung nötig ist, was die Fragen von Heiraten, Scheidung etc. angeht. Es gibt zu viel Gottlosigkeit in diesen Dingen.

Nassos
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Beitrag von Nassos » 02.09.2009, 01:01

Da teile ich eher die orthodoxe Auffassung, wenn auch mehr auf evangelische Art.
Hallo Metanoia, ähm, kannst Du beides mal explizit gegenüber stellen? Ansonsten ist das für mich fast ein Oxymoron.

Oikonomia kann nicht vom Laien kommen, da würden wir sehr schnell im Chaos enden. Ob es jetzt von einem einzelnen Bischof, ... kommen kann, weiß ich leider nicht...

Aber bestimmt weiß das jemand hier besser als ich.

Gruß,
Nassos

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Mary
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Beitrag von Mary » 02.09.2009, 05:30

Rene hat geschrieben:Liebe Maria,

ich verstehe nicht ganz... :shock:
du bestätigst doch mit den Zitaten nur was ich geschrieben habe... :roll:
Ausnahme, man lebt zölibatär. Wenn ich aber eine neue Partnerin oder einen neuen Partner (als Frau) gefunden habe und mit diesem leben möchte, darf ichg es nicht, darf auch nicht zur Kommunion...
L.G. Rene
Lieber René,

Du hattest geschrieben, dass Dein Freund WEGEN SEINER SCHEIDUNG an sich nicht mehr kommunizieren darf.
Richtig ist, dass derjenige, der nach einer Scheidung EINE NEUE BEZIEHUNG hat, nicht mehr kommunizieren darf.

Das ist ein kleiner Unterschied, nicht?

Du hast richtig verstanden, dass die römische Kirche von den Geschiedenen verlangen würde, zölibatär zu leben. Da dies wohl selten durchführbar ist und auch garnicht das Ziel der Scheidung ist, kommt es in der Praxis natürlich fast aufs selbe hinaus.
Ich habe aber schon Menschen erlebt, die nach einer Scheidung solo blieben (oder ihre neue Beziehung nicht "legitimiert" haben oder die erste Ehe für ungültig erklären liessen) und da wars dann auch kein Problem mit der Kommunion.

Ich find halt, wenn wir schon über die römische Kirche reden, dann sollten wir das genauso korrekt und detailliert tun, wie der Katechismus selbst... wir wollen uns ja nichts vorwerfen lassen von wegen falschem Zeugnis, oder?

Lg Maria
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Mops
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Beitrag von Mops » 02.09.2009, 15:56

Liebe Maria,

du hast völlig Recht! Natürlich habe ich es so geschrieben und mir das andere "nur" gedacht, weil ich ihn ja kenne und auch den Sachverhalt...
War unkorrekt formuliert, sorry!
Vielen Dank für die Richtigstellung.
L.G. Rene

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Beitrag von Metanoia » 02.09.2009, 19:13

Hallo Nassos,
Oikonomia kann nicht vom Laien kommen, da würden wir sehr schnell im Chaos enden. Ob es jetzt von einem einzelnen Bischof, ... kommen kann, weiß ich leider nicht...
Was ist, wenn du als einzelner orthodoxer Laie in ein nichtchristliches Land kommst und vor der Frage stehst, wie du dich da verhalten kannst? Was machst du, wenn du gerade mal keinen Bischof oder Priester als Ansprechpartner hast, sondern selbst entscheiden musst, wo die Grenzen sind? Betrifft Oikonomia das allgemeine Verhalten des Christen in der Welt oder allein die Handhabung der Liturgie?
kannst Du beides mal explizit gegenüber stellen? Ansonsten ist das für mich fast ein Oxymoron.
Was ich mehr als "evangelisch" empfinde, ist die unmittelbar heilende Wirkung Gottes. Gott ist nicht der Ankläger, sondern Satan ist es. Der der Verführer ist, ist immer der Ankläger. Die Macht Jesu Christi kann ihn austreiben und Frieden in die Seele bringen. Gott hat kein Interesse an Schuld oder Unschuld, sondern am Menschen. Gott will uns fähig machen, gerecht zu leben. Er kennt die seelischen Verletzungen und Krankheiten in uns und kann uns heilen (siehe Jesaja 53).
Die orthodoxe Kirche sieht - soweit ich das verstanden habe - das heilende Handeln Gottes stärker in das Wirken der Kirche eingebettet.

Die katholische Kirche hat leider manchmal die Schwäche der Menschen zu ihrer Machtausdehnung genutzt, statt sie mit der Liebe Christi für den Ewigen zurück zu gewinnen. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Menschen kein Verständnis für "Sünde" und "Schuld" haben, wäre es nötig, zu zeigen, dass alles Verlangen, aller Durst, alle Sehnsucht der Menschen in Gott gestillt werden.

Nassos
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Beitrag von Nassos » 02.09.2009, 19:41

Hallo Metanoia,

sehr hypotethisch, aber allemal einen Gedankengang wert. Also:
Was ist, wenn du als einzelner orthodoxer Laie in ein nichtchristliches Land kommst und vor der Frage stehst, wie du dich da verhalten kannst? Was machst du, wenn du gerade mal keinen Bischof oder Priester als Ansprechpartner hast, sondern selbst entscheiden musst, wo die Grenzen sind? Betrifft Oikonomia das allgemeine Verhalten des Christen in der Welt oder allein die Handhabung der Liturgie?
und ich auch kein Telefon und/oder Internet habe. Tja, da bleibt mir nichts anderes übrig, als (kat Oikonomia, haha, weil Extremsituation) das zu machen, was ich machen kann als Einzelner. Beten, wenn möglich Fasten. Wenn ich länger dort bin, werde ich auf einiges verzichten müssen, aber eben nicht auf freiwilliger Basis.
Zuvor bzw. spätestens nach dem Aufenthalt werde ich mit einem Geistlichen darüber sprechen wollen.

Oikonomia betrifft eigentlich - wie oben erwähnt - was das Kanonische verlässt. Das ist wohl nicht nur auf die Liturgie beschränkt.

---

Ah, das Oxymoron ist doch kein Oxymoron. Es besteht doch tatsächlich eine unterschiedliche Ansichtsweise (Deine und die orthodoxe).
Bitte hebe noch einmal das Gemeinsame in dieser Ansicht hervor.

Ich denke schon, dass gezeigt wird, die Kirchen sind bestimmt nicht untätig in dieser Hinsicht. Die Frage ist eher, wer das gezeigt bekommen will.

Gruß,
Nassos

Metanoia
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Beitrag von Metanoia » 03.09.2009, 16:49

Bitte hebe noch einmal das Gemeinsame in dieser Ansicht hervor.
Das Gemeinsame ist, dass wir das Bedürfnis der Mensche nach Heilung sehen, und dass es Aufgabe der christlichen Religion ist, dies zu schaffen.
Wenn du Sonntag morgens in den Gottesdienst gehst und mittags wieder heraus gehst (je nach Dauer), merkst du da, was sich in dir verändert hat? Ich spüre das in christlichen Gottesdiensten (evangelisch wie katholisch) und sehe darin das verborgene Wirken Gottes durch die Liturgie, die etwas von der Fröhlichkeit, Heiligkeit und Reinheit Gottes abstrahlt. Gott hellt die Seele auf, und was hilft ihr mehr als diese heilige Fröhlichkeit? Was ist das, wenn nicht eine gewisse Heilung? Leider merke ich, dass dieser Effekt nach dem Sonntag Mittag sich oft schnell wieder verflüchtigt, weil ich Gott vergesse und mich der sonntäglichen Unterhaltung zuwende ... und dann kommt der "Zorn Gottes" rasch wieder zurück.

Nassos
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Re: O - wie Oikonomia

Beitrag von Nassos » 19.05.2010, 00:18

Hier ganz kurz nochmal eine Definition der Oikonomia:

Menschenliebendes (philanthropes) Prinzip, das die Kirche anwendet in der Auseinandersetzung der Verfehlungen und Sünden der Gläubigen (Menschen). Das Prinzip basiert auf das Verständnis der Kirche für die Schwäche der entfremdeten nacherbsündlichen Natur der Menschen, sowie dass sie an die Gnade und Menschenliebe Gottes glaubt.

Desweiteren kann dieses Prinzip als "weiche" Anwendung verstanden werden, wo besondere und erschwerliche Umstände für einen Gläubigen auftreten, wo das genaue Anwenden (Akribeia) Leid verursachen könnte anstatt dem Prinzip der Liebe platz zu machen (z.B. wäre es nach Akribeia nicht möglich, heterodoxe Hochzeiten durchzuführen).

Es geht also in Richtung der liebevollen Gnade.

Herzlichen Gruß,
Nassos

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