Der engere Sinn der Ikonen

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
Forumsregeln
Forumsregeln Impressum
Antworten
Benutzeravatar
Sebastian
Beiträge: 956
Registriert: 16.12.2008, 13:46
Religionszugehörigkeit: Orthodox (MP)

Der engere Sinn der Ikonen

Beitrag von Sebastian »

Ihr Lieben,

manch einem Christen fällt es heutzutage leicht über seinen Nächsten vorschnelle Urteile zu fällen.

Thematischer Verweis:

http://orthodoxes.forum-on.de/ftopic67.html

:(

Die Kehrseite des Christentums?
Woher rührt dies? Meine Antwort darauf ist eindeutig: Aus purer Unkenntnis und Halbwissen gegenüber seinen orthodoxen Brüdern und Schwestern.

Umso erfreuter war ich, als ich in der neuapostolischen Zeitschrift "Spirit" einen Bericht las, der sich mit dem Thema Ikonen in der Orthodoxie auseinandersetzte.

Ich habe mir die Mühe gemacht und diesen Artikel hier abgeschrieben, weil ich ihn sehr gut finde und hoffe, dass ihn viele gelesen haben. Er räumt mit dem Vorurteil auf, in der orthodoxen Kirche würde Götzendienst zelebriert. Der Artikel ist, wie man sagt, "brandneu" :D

[Fett hervorgehoben von mir :wink: ]

+++Originalabschrift+++

Verehrt, aber nicht angebetet - Ikonen

Eine Ikone widerspricht nach Auffassung der Orthodoxen Kirche nicht dem Bilderverbot Gottes im ersten Gebot: Indem Gott seinen Sohn Mensch werden ließ und somit abbildbar machte, durchbrach ER dies selbst. Ikonen sind für gläubige Orthodoxe "Abbilder" ihrer Heiligen und sogar Mittelpunkt des Gottesdienstes.

Maltechnik

Die kleinen Bildchen sind nicht als Versuch zu verstehen, realistisch zu malen. Durch bestimmte Techniken soll es weder dem Betrachter noch dem Künstler möglich sein, sich zu sehr in sie zu vertiefen: Der Hintergrund ist meist golden oder einfarbig gehalten, die menschlichen Gestalten davor in meditativer Haltung stilisiert, mit Heiligenschein oder betont großen Augen. Die Farbbereiche werden klar voneinander getrennt, damit kein dreidimensionales Bild entstehen kann. Als Farbe wird oft Eitempera verwendet, eine Mischung aus Farbpigmenten, Wasser, Eigelb und Öl, die diesen Effekt unterstützen soll. Typisierte Ikonen sind durch bestimmte Symbolik oder Beigaben sofort zu erkennen und lassen dem Künstler nur in Nebensächlichkeiten wie der Farbwahl Gestaltungsspielraum. Florian, der Schutzheilige der Feuerwehr, wird zum Beispiel immer mit einem Gefäß voll Wasser abgebildet.

Funktion

Die Orthodoxe Kirche betont den liturgischen Charakter der Ikonen. Zwar sind sie nicht Gegenstand der Anbetung, aber für die Gläubigen stellen sie im Gottesdienst die liturgische Anwesenheit des Abgebildeten her. Den Gegenständen, Statuen oder Gemälden wird stellvertretend für den Abgebildeten Verehrung zuteil durch Küsse, Kniefälle, Kerzen und Weihrauch - das Bild wird verehrt, aber nicht angebetet. Selbst das Malen einer Ikone stellt für den Gläubigen schon einen religiösen Akt dar, so dass nur ausgewählte Menschen, zumeist Mönche, dies dürfen. Für den privaten Gebrauch besitzt jeder orthodoxe Christ eine tragbare Ikone wie eine Karte oder ein kleines Gemälde.

Ikonostase

Mittelpunkt des orthodoxen Gottesdienstes sind die Mysterien, wie die Sakramente dort genannt werden. Sie werden vor dem einfachen Volk verborgen und sind nur den Priestern zugänglich. Dies geschieht durch eine Trennwand, die an der Schwelle des Altars zwischen Gläubigen und Priestern aufgestellt ist, die Ikonostase (griechisch: aufgestelltes Bild, Bilderwand). Die dreiflügelige Wand aus Stein oder Holz mit einer östlichen, einer westlichen und einer königlichen Tür ist überreich mit Ikonen geschmückt, die Türen selbst sind mit Erzengeln oder Seraphim bemalt. Die Ikonostase schirmt einerseits die geheimen Vorgänge ab, stellt vor die Gläubigen aber andererseits die bildliche und sakramentale Gegenwart ihrer Heiligen, macht für sie das Unsichtbare sichtbar, Gott und seine Unbegreiflichkeit, seine Gnade seh- und damit fassbar.

+++

Euch grüssend in Christo ein erfreuter
Sebastian
Zuletzt geändert von alexandros am 09.11.2006, 13:43, insgesamt 3-mal geändert.
Question

Re: Die Ostkirche im Blickpunkt anderer Kirchen

Beitrag von Question »

Hallo Sebastian,

Danke für die Mühe.

Ich würde nicht so weit gehen von Götzendienst zu sprechen, aber ich persönlich habe keinerlei Bedürfnis danach Ikonen, Bilder, Statuen u.ä. zu verehren. Ich respektiere andere, die das Bedürfnis haben, aber ich selber will das nicht. Ich weiß, dass der Herr gegenwärtig ist. Für mich ist Verehrung Gottes auch etwas anderes als das Küssen eines Gegenstandes.

Ich bin mir nicht sicher wie ich die Frage formulieren soll...Würdest Du sagen, das meine Einstellung dazu "weniger christlich" ist? Oder ist es jedem frei wie er damit umgeht?

Liebe Grüße.

Q.
Benutzeravatar
Sebastian
Beiträge: 956
Registriert: 16.12.2008, 13:46
Religionszugehörigkeit: Orthodox (MP)

Beitrag von Sebastian »

Liebe Q.,

Ich würde mir auf keinen Fall anmaßen zu sagen es sei unchristlicher. Im stillen Gebet und im Gottesdienst (nicht ausschließlich meiner Kirche :wink: ) finde ich auch Bezug zu Gott. Schätze mich nicht als minderwertig deshalb ein. Wenn ich aber zum Beispiel vor einer Ikone der schwarzen Madonna stehe empfinde ich auch Gottes Nähe. Wenn du "nur" im Gebet, im GD, im Alltagsleben Gott erfährst bist du deswegen nicht schlechter, sondern genauso ein von Gott geliebtes Kind.

Denke wer Gott sucht wird ihn auch finden. Wie du IHN findest überbleibt dir.

In Christo verbunden sende ich liebe Grüsse
Sebastian

p.s. will mich auch noch zu deiner Frage bezüglich der CZARNA MADONNA äussern, aber die Zeit. Später mehr.
Milo
Beiträge: 966
Registriert: 19.06.2009, 23:00
Wohnort: Stuttgart

Re: Die Ostkirche im Blickpunkt anderer Kirchen

Beitrag von Milo »

Question hat geschrieben:Hallo Sebastian,

Danke für die Mühe.

Ich würde nicht so weit gehen von Götzendienst zu sprechen, aber ich persönlich habe keinerlei Bedürfnis danach Ikonen, Bilder, Statuen u.ä. zu verehren. Ich respektiere andere, die das Bedürfnis haben, aber ich selber will das nicht. Ich weiß, dass der Herr gegenwärtig ist. Für mich ist Verehrung Gottes auch etwas anderes als das Küssen eines Gegenstandes.

Ich bin mir nicht sicher wie ich die Frage formulieren soll...Würdest Du sagen, das meine Einstellung dazu "weniger christlich" ist? Oder ist es jedem frei wie er damit umgeht?

Liebe Grüße.

Q.
Und wie verhälst du dich bei hl. Reliquien, also bei Gebeinen Heiliger, wie zum Beispiel wenn du vor der Hand des Hl. Johannes stehst? Was Empfindest du dabei wenn eine 2000 Jahre alte unverweste hl. Hand, die den Heiland getauft hat, vor dir ist? Ist es keine Besonderheit für dich??

Gruß

Milo
+
Question

Re: Die Ostkirche im Blickpunkt anderer Kirchen

Beitrag von Question »

administrator hat geschrieben:
Question hat geschrieben:Hallo Sebastian,

Danke für die Mühe.

Ich würde nicht so weit gehen von Götzendienst zu sprechen, aber ich persönlich habe keinerlei Bedürfnis danach Ikonen, Bilder, Statuen u.ä. zu verehren. Ich respektiere andere, die das Bedürfnis haben, aber ich selber will das nicht. Ich weiß, dass der Herr gegenwärtig ist. Für mich ist Verehrung Gottes auch etwas anderes als das Küssen eines Gegenstandes.

Ich bin mir nicht sicher wie ich die Frage formulieren soll...Würdest Du sagen, das meine Einstellung dazu "weniger christlich" ist? Oder ist es jedem frei wie er damit umgeht?

Liebe Grüße.

Q.
Und wie verhälst du dich bei hl. Reliquien, also bei Gebeinen Heiliger, wie zum Beispiel wenn du vor der Hand des Hl. Johannes stehst? Was Empfindest du dabei wenn eine 2000 Jahre alte unverweste hl. Hand, die den Heiland getauft hat, vor dir ist? Ist es keine Besonderheit für dich??

Gruß

Milo
+

Hallo Milo,

Ehrlich gesagt, bei abgehackten Körperteilen Verstorbener - unabhängig davon um wen es sich handelt - empfinde ich prinzipiell nur Ekel. Meiner Meinung nach sollte man die Körper toter Menschen unter der Erde ruhen lassen.

Darüber hinaus habe ich äußerste Zweifel hinsichtlich der Authentizität. Kennst Du die Geschichte der Vorhautprozessionen, die zur gleichen Zeit an 13 verschiedene Orten stattfanden?

Es gibt ja das Turiner Grabtuch und die "echte" Dornenkone, die in Notre Dame de Paris aufbewahrt wird. Beide Reliquien werden verehrt. Nur ist das so, dass sie die jeweilige Authentizität gegenseitig ausschließen. Auf dem Grabtuch erkennt man, dass die Dornenkrone wie eine Art Hut aussah. Die Dornenkrone von Paris ist allerding ein Kranz, wie man das auf allen Gemälden sieht.

Ich halte das Turiner Grabtuch für weitaus authentischer. Zum einen, weil da Detais sind, die Menschen im Mittelalter nicht bekannt waren und die von den traditionellen Darstellungen abweichen, z.B. Nägel durch die Handgelenke und nicht durch die Innenflächen der Hand. Und zum anderen das Billirubin, das in den Blutspuren nachgewiesen worden ist. Das ist entweder der Hinweis auf eine äußerst seltene Lebererkrankung oder darauf, dass der hingerichtete Mensch sowohl körperlich als auch psychisch extrem gelitten hat.

Eine Dornenkrone zu basteln ist dagegen nicht schwer.

Finde ich es schlimm, dass die Leute die Dornenkrone von Paris vereheren? Überhaupt nicht. Sie ist ein Symbol für die Passion Jesu, unabhängig davon ob sie daran teilgenommen hat oder nicht. Aber ich persönlich würde nicht nach Paris fahren um die Krone zu sehen, kann mir genauso gut eine eigene basteln :wink:


Aber ich kann die diesbezügliche Begeisterung schon verstehen. Ich wahr mal in der Kathedrale von Rheims und dachte mir "Mannomann, genau hier, wo ich gerade stehe, ist Napoleon gekrönt worden" :D Blödes Beispiel, aber so ist das mit historischen Orten/Gegenständen.


Und was des Johannes unverweste Hand angeht, die Eucharistie, die ich jede Woche in der Kirche nebenan erleben darf, ist ein viel größeres Wunder und eine viel größere Besonderheit für mich.

Liebe Grüße.

Q.
Milo
Beiträge: 966
Registriert: 19.06.2009, 23:00
Wohnort: Stuttgart

Beitrag von Milo »

Hallo,

nun liebe Q., ich sehe schon du differenzierst überhaupt nicht das Heilige von dem Profanem, bzw. nicht so richtig!?
Tja, so ist es halt...nicht überall wo heilig steht ist auch heilg drinn!
:wink:
Da sind wir dann widermal bei der Pneumatologie, dh. wo weht der Hl. Geist? Natürlich da wo Er will!

Gruß,

M.
Question

Beitrag von Question »

Hallo Milo,
administrator hat geschrieben: nun liebe Q., ich sehe schon du differenzierst überhaupt nicht das Heilige von dem Profanem, bzw. nicht so richtig!?
Schwer zu sagen, es kommt drauf an was Du jetzt unter "heilig" und was unter "profan" verstehst. Die Dornenkrone von Paris ist für mich ebenso heilig/profan wie diejenige, die ich selber basteln könne. Aber ich würde Hostienschalen nicht als Bonbonbehälter nutzen wollen.

Wie unterscheidest Du denn Heiliges vom Profanem?

administrator hat geschrieben:Tja, so ist es halt...nicht überall wo heilig steht ist auch heilg drinn!
:wink:
Das stimmt und macht die Sache nicht einfacher.
administrator hat geschrieben: Da sind wir dann widermal bei der Pneumatologie, dh. wo weht der Hl. Geist? Natürlich da wo Er will!
Selbstverstädlich.


Viele Grüße,

Q.
Walter
Beiträge: 443
Registriert: 01.06.2006, 18:53

Beitrag von Walter »

Liebe Question,

da Du ja selbst Katholikin bist und wie geschrieben den KKK gelesen hast, wirst Du wissen, dass es bezüglich der Verehrung von Ikonen, Reliquien und Heiligen theologisch prinzipiell keinen Unterschied zur Orthodoxie gibt. Einziger Unterschied ist wohl, dass die katholischen Heiligenbilder zumeist dreidimensional gefertigt sind.

Das einige, was in der Orthodoxie nicht praktiziert wird, ist den gewandelten Leib Christi in eine Monstranz zur Anbetung zu sperren.

Nur in sehr moderen katholischen Kirchen (ist Deine Kirche nebenan so eine?) gibt es gar keine Heiligenfiguren oder Ikonen mehr. Weil sich die Katholiken heutzutage dafür schämen, ebenso wie sich bei der Messe zu verneigen oder zu knien. Das kommt durch den protestantischen Einfluss, wodurch aber sehr viel an katholischer Spiritualität verloren geht. :(

Immerhin küsst der Priester bei euch zum Einzug noch genau wie in der orthodoxen Kirche den Altar zur Verehrung Christi, der ja durch den Altar symolisiert wird. Genauso ist es auch mit der Ikonen- und Reliquienverehrung.

LG
Walter
γενηθήτω το θέλημά σου·
Question

Beitrag von Question »

Hallo Walter,
Walter hat geschrieben: da Du ja selbst Katholikin bist und wie geschrieben den KKK gelesen hast, wirst Du wissen, dass es bezüglich der Verehrung von Ikonen, Reliquien und Heiligen theologisch prinzipiell keinen Unterschied zur Orthodoxie gibt. Einziger Unterschied ist wohl, dass die katholischen Heiligenbilder zumeist dreidimensional gefertigt sind.
Als Katholik muss man weder Gegenstände verehren, noch zu Heiligen beten. Man muss auch an keine Marienerscheinungen glauben. Ob man das tut oder nicht, das macht einen nicht zu einem "besseren" oder "schlechteren" Katholiken.


Ich bin mir nicht sicher ob man die Stauen und Gemälden in den kathlolischen Kirchen soviel Bedeutung zumisst wie den Ikonen in den orthodoxen Kirchen. Ich habe noch nie jemanden sagen hören die Pieta im Petersdom sei ein Heiligtum.

Walter hat geschrieben: Nur in sehr moderen katholischen Kirchen (ist Deine Kirche nebenan so eine?) gibt es gar keine Heiligenfiguren oder Ikonen mehr.
Nein, ich kenne keine Kirche in der es nicht zumindest einen Kruzifix gibt. Ich persönlich fühle mich in Kirchen mit geringer Stauendichte eindeutig wohler.

Die schönste Kirche (romanische), ist statuen/bildertechnisch ganz leer nur an der Wand über dem Altar hängt ein Kreuz (den Kreuz sehr ähnlich, den der Papst an seiner Ferula trägt). Das ist Geschmackssache, denke ich.
Walter hat geschrieben: Weil sich die Katholiken heutzutage dafür schämen, ebenso wie sich bei der Messe zu verneigen oder zu knien. Das kommt durch den protestantischen Einfluss, wodurch aber sehr viel an katholischer Spiritualität verloren geht. :(
LOL. Wo hast Du das denn her? Ich habe noch nie eine Messe erlebt bei der nicht gekniet wurde.

Es gibt übrigens doch ein weites Detail, dass Dir wahrscheinlich gefallen wird. In der Karfreitagsliturgie gibt es die sogenannte Kreuzverehrung. Da wird ein Kruzifix reingtragen und die Menschen dürfen sich davor verneigen. Aber der Gegenstand an sich hat keinen Wert. Es ist nur so, dass man sich so besser "in die Situation versetzen" kann.


Aber, wie gesagt, gegen Ikonenverehung usw. habe ich nichts. Es ist nur so, dass ich das nicht brauche.

Liebe Grüße,

Q.
Benutzeravatar
Sebastian
Beiträge: 956
Registriert: 16.12.2008, 13:46
Religionszugehörigkeit: Orthodox (MP)

Beitrag von Sebastian »

Liebe Leute,

ich möchte euch heute, weil es die Zeit gerade gestattet einen aus meiner Sicht sehr schönen Artikel des von mir geschätzten Priesters Nikolai Wolper (Deutscher Priester der Prokopij Gemeinde Hamburg, ROKA) ans Herz legen. Er verdeutlicht noch einmal in sehr schöner Weise die Beziehung der Orthodoxie zu den Ikonen. Besonders haben mir die Erläuterung zur Synergie zwischen Ikonen und der göttlichen Liturgie gefallen.



Der Sinn der Ikonen (P. Nikolai Wolper)


Die Orthodoxen sind nicht nur hörende, sondern auch und ganz besonders schauende Menschen. Deshalb lieben sie so sehr das Evangelium des Schauens und dementsprechend des Lichtes: das Johannesevangelium:



?(...) Aus Nazaret? Kann denn von dort etwas Gutes kommen? Philippus antwortete: Komm und sieh! Jesus sah Nathanael auf sich zukommen und sagte über ihn: Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit. Nathanael fragte ihn: Woher kennst du mich?. Jesus antwortete ihm: Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen. Nathanael antwortete ihm: Rabbi , du bist der Sohn Gottes, der König von Israel! Jesus antwortete ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, dass ich dich unter dem Feigenbaum sah? Du wirst noch Größeres sehen. Und er sprach zu ihm: Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn.? (Joh 1, 46-51)



Diese Schau der Herrlichkeit Gottes sind der Inhalt und die Erfahrung der Orthodoxie im Gottesdienst und in der verehrenden Betrachtung der Ikonen. Am Ende der Göttlichen Liturgie, der Eucharistiefeier, singt die Gemeinde:

?Wir haben das wahre Licht gesehen, wir haben den himmlischen Geist empfangen, den wahren Glauben gefunden, da wir anbeten die unteilbare Dreieinigkeit, denn sie hat uns erlöst.?

Und das Festlied am Sonntag der Orthodoxie jubelt:

"Das unumschreibbare Wort des Vaters nahm Fleisch an aus dir, Gottesgebärerin, und ward umschrieben. Das verdunkelte Abbild hat es umgebildet ins Urbild und erfüllt mit göttlicher Schönheit. Wir bekennen das Heil im Wort und Werk und stellen im Bild es dar.?

?Orthodoxie? heißt nicht nur ?Rechtgläubigkeit?, sondern auch und primär ?rechter Lobpreis Gottes, rechte Gottesverehrung?. So verweisen Ikone und Liturgie aufeinander und erhellen sich wechselseitig: Die Liturgie ist die dramatisierte Ikone und die Ikone gemalte Liturgie. Gemeinsam ist beiden Erscheinungsformen der göttlichen Herrlichkeit die erfahrbare Verschränkung von Zeit und Ewigkeit, die Verbindung von Erde und Himmel, von Schöpfung und Schöpfer, von Materie und Geist.



Orthodoxie ist die Erfahrung der Gegenwart des Heils.



Alle drei Begriffe in dieser ?Definition? sind wichtig:

Es geht nicht um Gedanken, Welterklärungen, Theorien, Sehnsucht nach einer besseren Welt, sondern um Erfahrung, die dem ganzen Menschen mit all seinen Sinnen, mit Seele und Geist widerfährt.

Erfahrung geschieht immer in der lebendigen Gegenwart; Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Erwartung, sind natürlich im Bewusstsein auch ?gegenwärtig?, aber ohne das Gewicht des aktuellen Seins; sie ?sind? eben nicht mehr oder noch nicht. Nur bei Gott gibt es diese Differenz der Zeitmodi nicht, Er existiert in ewiger Gegenwart, und eben daran hat der gläubige Christ erfahrbaren Anteil.

Und es ist die Gegenwart des Heils, der realen, nicht nur ersehnten Ganzheit und Vollkommenheit und Reinheit, die dem Orthodoxen in der Kirche vermittelt wird, weil der Auferstandene und der Heilige Geist in den sichtbaren Zeichen präsent sind. Orthodoxe sind von der griechischen Kultur geschulte ?Augenmenschen?, nicht nur das Wort Gottes Hörende, wie es für das Judentum und den vom ihm geprägten Protestantismus (und, anders, den Islam) charakteristisch ist.



In den Ikonen schauen uns Christus und die Heiligen an und eröffnen uns dadurch den Zugang zur Welt Gottes, sie sind ?Fenster zur Ewigkeit? in beiden Richtungen: Sie machen die Wirkung des Heiligen Geistes in menschlichen Gestalten sichtbar und sie verheißen als ?wirk-liche?, wirkmächtige Zusage diese Heiligung jedem, der mit gläubigen Augen und Herzen sich mit diesen Bildern verbindet. Insofern verbirgt die Ikonostase nicht nur nichts, sondern sie macht überhaupt erst das Wesentliche, um das es im Christentum geht, sichtbar: die Heiligung der Welt durch die Auferstehung im Heiligen Geist. So wird der Altar als Heil bringendes Grab Christi überhaupt erst ?sichtbar? durch die vor ihm stehenden Bilder mit den Zeugen der Kirche, wie der Seher Johannes sie in der ?Apokalypse? geschaut hat (Apk 7) ? obwohl die Gemeinde das ?Grabtuch? Christi (Antimins: Tuch mit der Abbildung der Grablegung , das der Priester als Unterlage für die eucharistischen Gaben entfaltet) aus der ?Ferne? nicht erkennt.



?Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.? (Apk 7,9)



Der Märtyrerpriester Pavel Florenski formuliert es drastisch: Ohne Ikonostase würde der Altar hinter einer ?massiven Wand? gerade verborgen ? weil nämlich unser Auge im Bann rein irdischen ?Sehens? (im technisch-fotografischen Sinn) gefesselt würde. Christliche Existenz geschieht aber an der Grenze zwischen den Welten, und das ist nicht nur ein Gedanke, sondern erfahrbar.



Der Gläubige schaut nicht nur zur Bilderwand, sondern ? dem symbolischen Kosmos der Kirchenarchitektur gemäß ? auch hinauf zur Kuppel. Und dort sieht er die Darstellung der ?Himmlischen Liturgie?: Engel zelebrieren in den Gewändern von Priestern und Diakonen unter den Augen des ?Pantokrators? (am Zenit der Kuppel) in einer Prozession zum gemalten Altar hin den eucharistischen Dienst ? als immer währende Verherrlichung und Lobpreisung Gottes.





Lit.: Pavel Florenskij, Die Ikonostase. Urbild und Grenzerlebnis im revolutionären Russland; Stuttgart


Quelle
Ehre sei Dir oh Herr

Beitrag von Ehre sei Dir oh Herr »

Vielen Dank, lieber Sebastian für diesen Beitrag, auch für die Verlinkung!

Herzliche Grüße
René
Milo
Beiträge: 966
Registriert: 19.06.2009, 23:00
Wohnort: Stuttgart

Beitrag von Milo »

Hallo,

ja ich bedanke mich auch für den Textauszug, Sebastian.

Anmerken will ich, wie immer :wink: , das all das liturgische Handeln, auch dazu gehörig die Verehrung der Ikonen, eine eshatologische Dimension hat. Was bedeutet das?
Es will heißen, das dies die vornehmste Realität ist im Lobpreis Gottes, weil wir im Hl. Geist dem Himmelreich stets entgegen eilen.
Daher, wie der Autor richtig anmerkt, ist das Wort Orthodoxie auch wichtig in der Bedeutung der rechten Lobpreisung Gottes. Würden wir verfehlt (illusorisch) Gott lobpreisen, was und wie würden wir dann begegnen nach unserem irdischem Dasein?? Gute Frage nicht war?

Lob und Ehre sei Gott durch Christus im Hl. Geiste, Amen!

Euer,

Milo
Antworten