Orthodoxe Identit?t und Sendungsbewu?tsein
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protopeter
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Orthodoxe Identität und Sendungsbewußtsein
Nachdem die Diskussion über orthodoxe Tradition(en) in einer Weise, die nicht unbedingt wünschenswert und der Thematik angemessen erscheint, ausartete, möchte ich mit Beharrlichkeit es nochmals versuchen und richte an alle, die sich mit dem Themenkomplex auseinandersetzen wollen, folgende Fragen:
Wie ist es in einem weitgehend nichtorthodoxen Umfeld um unser orthodoxes Selbstverständnis bestellt - welche Hoffnungen, Erwartungen aber auch Probleme sind damit verbunden ? Ist es eigentlich gerechtfertigt, von einer "orthodoxen Diaspora" zu sprechen; welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Definition - besonders, wenn wir Orthodoxe sie uns zu eigen machen ?
Ich hoffe, daß es möglich sein wird, darüber in einen lebendigen Meinungsaustausch und Dialog miteinander zu treten und grüße
mit besten Segenswünschen,
Erzpr. Peter
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peter
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Diaspora
ja, schade, daß der Traditionsstrang derart ausuferte, aber mir geht immer mehr auf, daß wir Orthodoxe in folgendem Dilemma stecken: Einerseits haben wir, man glaubt es kaum, in Jesus Christus auf rechtgläubige Weise wirklich, wahrhaftig und in der Tat die Eine, Große, Echte Wahrheit gefunden, das was uns im besten Fall veranlassen sollte, dafür wie ehedem die Märtyrer das Leben, zumindest unsere restliche Lebenszeit hinzuopfern. Andrerseits befinden wir uns inzwischen in einem Zeitalter, was "die eine" Wahrheit aufgrund des Pluralismus diverser Religionen und Kulturen bzw. formell aufgrund postmoderner Diskursliberalität nicht mehr zu tolerieren bereit ist. Der Druck auf sog. "Fanatiker" wächst immer mehr, teilweise zu Recht aufgrund der Gewalttätigkeit "falscher" Fanatiker. Irgendwann werden wir den antichristlichen Umschlagspunkt erreicht haben, wo auf definitive Behauptungen unsererseits, um vorerst noch Ironie zu gebrauchen, die Todesstrafe wieder eingeführt wird. Wie können wir diesem Dilemma auf Dauer entgehen (Frage) ?
Zur "orthodoxen Diaspora". Eigentlich fühle ich mich nicht, selbst unter
Minderheitsbedingungen in diesem Land, diasporiert. Im Unterschied zur
jüdischen Diaspora ist ja die Christliche Diaspora nicht aus einem irdischen Heimatland vertrieben worden. Eher anders: wir fühlen uns zu unserem wahren Heimatland, der "basilea ton ouranon", dem Himmelreich "hingetrieben", sofern uns dessen wahre Bedeutung aufgegangen ist. Ich möchte hier einen Lieblingsspruch des Hugo von St. Viktor zitieren, welchen ich einst silbergerahmt meiner Frau zum Geburtstag schenkte
(entschuldige bitte, lieber Sebastian, das ich nicht die Klammer verwende): "Von zartem Gemüt ist, wer seine Heimat süß findet, stark dagegen jener, dem jeder Boden Heimat ist, doch nur der ist vollkommen, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist". Also die Welt ist unsere "Fremde", in der wir als Geborene zu Gott über Christus mittels des Heiligen Geistes hinfinden sollen. Die seelische Fremdheit, welche uns
der Einfluß dieser Welt zunächst zwangsläufig auferlegt, müssen wir
nach und nach ablegen, bis uns die Wahrheit einleuchtet und aufleuchtet.
Es sei denn, wir haben uns in dieser Welt allzusehr sünd- und schuldhaft
verstrickt, dann bleiben wir blind, taub und stumm bis ans Ende. Trotzdem sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben, aus dieser seelischen Diaspora
erlöst zu werden, denn Jesus kam zu den Sündern, nicht zu den a priori
selbtgerechten Pharisäern (um auf diese Woche anzuspielen).
Will jetzt Schluß machen, da Sebastian mir meine quassligen "Längen"
vorhält (zurecht). Aber ich neige immer noch dazu, meinem Herzen Luft zu machen. Hoffentlich verpeste ich nicht Eure "Atem"Sphäre.
Schon ganz atemlos Peter
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protopeter
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Herzlichen Dank für Ihre Worte; es ist klar, daß orthodoxe Existenz den Rahmenbedingungen gottmenschlicher,zeit-, und kulturenübergreifender Synergie entsprechen sollte - in genau diesem Sinne stellen Sie ganz zu Recht fest, daß die Eine Wahrheit des Erlösers Jesus Christus die Dimensionen auf ganz spezifische Weise neu erfaßt und determiniert. Dies gilt eben auch für die - zu anderer Gelegenheit schon erwähnte - Himmelsbürgerschaft der Christen, die zu erreichen es eines Assimilationsprozesses besonderer Art - durch Umkehr, Reinigung und Erleuchtung - bedarf; darin eingeschlossen sind natürlich alle rechtgläubig sich Bekennenden. Somit wird der Begriff des orthodoxon ethnos über alle nationalen Begrenztheiten erhoben, tun sich vollends neue Perspektiven auf.
Daran knüpfen sich allerdings weitere Fragen: Wie sollte die Orthodoxe Kirche angesichts gewisser gesellschaftspolitischer Entwicklungen in der Welt von heute ihen Sendungsauftrag wahrnehmen - kann es legitim sein, sich aus dem oft kritisierten "Korsett des Byzantinismus" (mit all seinem historisch-kulturellen Begleiterscheinungen) zu lösen; welche Konsequenzen könnten (oder müßten) sich aus der Überwindung des (ohnehin äußerst fragwürdigen) Diasporabegriffes ergeben - gerade um der Authentizität der Überlieferung gerecht zu werden ?
Weiteren Antworten erwartungsvoll entgegensehend grüßt mit herzlichen Segenswünschen
Erzpr. Peter
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peter
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Ethnos - Ethos
entschuldigen Sie bitte, daß ich schon wieder hier festhake, aber der Gedanke der Himmelsbürgerschaft läßt mich nicht los. Der Begriff eines mit dieser verbundenen "ethnos" suggeriert sofort, trotz Überwindung nationaler Begrenztheiten, etwas Naturhaftes. Sind wir Orthodoxen denn Bürger des Himmels von Natur ? Kann Orthodoxie an-, ein-, mitgeboren sein ? Sie sprechen selbst von notwendigen "Assimilationsprozessen", also Reue, Umkehr, metanoia usw. Können insofern in der Himmelsbürgerschaft "alle rechtgläubig sich Bekennenden", wie Sie sagen, "natürlich" eingeschlossen sein ? Reicht unser Bekenntnis aus, oder etwa eine "Namensorthodoxie" ? So gerne ich auch von "kosmo"politischer Orthodoxie ausgehen möchte, möchte ich doch das das Utopische, nicht Verortbare, nicht "Ethnifizierbare" des Himmlischen Reiches betonen. Sonst kommen noch irgendwelche Gentechnologen auf
die makabre Idee, ein religiöses Gen auszumachen oder zu implantieren.
Den utopischen Kern der Orthodoxie, die Lehre vom Gottmenschen Jesus
Christus und Seinem "Königreich der Himmel" festzuhalten, hat das byzantinische "Korsett" bislang noch allemal getaugt. Es scheint mir
gefährlich, dieses Bewahrende und Stützende wie Krücken abzulegen.
Der hieraus folgende "aufrechte Gang ... freier Menschen" wird nach
aller Erfahrung schnell zum "Selbstlauf" mit stolz erhobenem Haupt.
Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn Modernisierung und Neuerung
nicht auf dem Programmzettel, der Wunschliste des Anti-Christen stünde.
Deshalb widerstehe ich lieber trotzig mit Jakobus, Basileos, Chrysostomos
auf "byzantinisch-kryptische" Weise dem Zeitgeist, und schöpfe mein christliches Ethos und das "Sendungsbewußtsein" direkt aus der Quelle.
Peter (der Aleut)
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protopeter
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Zunächst einmal aufrichtigen Dank für Ihre so ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Beitrag; im Folgenden einige Ergänzungen, die ich als weitere Ausdeutung (jedoch nicht als Zurücknahme) meines bisher Gesagten verstehen möchte !
Wenn ich mit dem Begriff des "Korsett des Byzantinismus" beginnen darf: Hier ist natürlich nicht die Verwurzelung der Orthodoxie in jener christlichen Tradition gemeint, die einen wahrhaft universellen Charakter - in einem kulturellen Einzugsgebiet von Süditalien bis zum Kaukasus - zum Ausdruck brachte. Alle diese Lokaltraditionen fügen sich zum Bekenntnis der Einen, Heiligen, Allumfassenden und Apostolischen Kirche zusammen. Dagegen steht aber die (nach dem Ende des Rhomäerreiches getragene) Überzeugung, daß "orthodoxes Christentum" und "byzantinisch (=griechisch)" äquivalente Begriffswelten seien - allzu oft bleibt dies auch in einem durchaus negativen Kontext haften.
Auf dem Hintergrund einer allumfassenden orthodoxen Identität muß es möglich sein, hier entsprechende Differenzierungen vorzunehmen; hierzu nur ein Beispiel: In Ostafrika existiert seit einigen Jahrzehnten eine dynamisch wachsende Lokalkirche in Gemeinschaft mit dem Patriarchat Alexandria; die ihr Angehörenden werden durch ihre Eingliederung in diese Kirche oft als "griechische orthodoxe afrikanische Christen" bezeichnet - Sie werden zugeben, daß das in diesem Kontext etwas absurd scheint ! Der Grund für diese Bezeichnung liegt eben in der Überlegung, daß diese Menschen den "byzantinisch-orthodoxen Glauben" bekennen würden - in dieser national-kulturell sehr enggefaßten Definition zeigt sich allerdings außerordentlich Widersprüchliches zur Universalität der Orthodoxen Kirche !
In dieser Perspektive sind auch die Begriffe der "Himmelsbürgerschaft" (ein Wort des Kirchenvaters Augustinus) und des "orthodoxen Ethnos/Volkes" zu verstehen: Die allumfassende gottmenschliche Erlösung integriert alle Menschen rechtgläubigen Bekenntnisse in die Kirche - ungeachtet sozialer oder nationaler Unterschiede. Es ist lar, daß dem Bekenntnis die daraus folgende Tat (im Sinne unmittelbarer Zeugenschaft) beizufügen ist - die von Ihnen genannten Kirchenväter Basilios der Große und Johannes Chrysostomos sind dafür leuchtende Vorbilder. So wäre es eben auch keinesfalls angemessen von einer "angeborenen Orthodoxie" zu sprechen - dies würde die Frage des christlichen Lebensvollzuges nachgerade ins Absurde verkehren. Eines steht allerdings außer Frage: Gemäß kirchenväterlicher Lehre, die sich auf die Schriftoffenbarung stützt, ist die Himmelsbürgerschaft in der Tat der einzig natürliche Weg des Christen, die in der Berufung zur Gotteskindschaft seine Erfüllung findet - inwieweit diese im Einzelfall zur Vollendung gelangt, ist indessen eine ganz andere Frage !
In der (sich vielleicht doch erfüllenden) Hoffnung, diesmal richtig verstanden zu werden, grüßt brüderlich mit herzlichen Segenswünschen
Erzpr. Peter