Was ist Reue?

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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Sebastian
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Was ist Reue?

Beitrag von Sebastian »

Die oben stehende "banale" Frage kommt mir immer und immer wieder hoch. Ich schreibe und frage dies, weil ich eure Hilfe und den dadurch ersehnten Aufschluss brauche:

Was empfindet man in der Reue? Was sollte man empfinden, was ist gottgefällig? Ist Reue individuell, oder gemeinschaftlich definierbar - sprich in einem Leitfaden für alle verbindlich festgeschrieben ? Ist es das, was heutzutage als "Schlechtes Gewissen" im Hinterkopf der - im erheblichen Ausmaß gottlosen- Gesellschaft (noch) verankert ist, oder ist es mehr? Impliziert Reue bereits "Umkehr" , oder ist dies der Buße zuzuschreiben?

Ist Reue die Furcht vor Gott, oder die Scham IHN durch die von mir begangenen Sünden enttäuscht und erzürnt zu haben, oder beides?

Was meint Ihr?

Fragende Grüße - in der Hoffnung nicht verwirrt zu haben- sendet
Sebastian
protopeter
Priester
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Beitrag von protopeter »

Lieber Sebastian !

Die Frage der Reue trägt in sich verschiedene Komponenten, deren erste in jedem Fall mit dem Prozeß der Einsicht und der Bewußtwerdung des Geschehenen zum Ausdruck kommt - in diesem Sinne wird tatsächlich das von Dir erwähnte "schlechte Gewissen" zu einer entscheidenden Instanz.

Die Eigenschaft aufrichtiger Reue erweitert sich dann aber eben auch zur metanoia, dem buchstäblichen Um-Denken, dem In-Sich-Gehen, der unmittelbaren Auseinandersetzung seiner Verantwortung vor Gott, seinen Mitmenschen und sich selbst. In diesem Sinne ist die Grenze zur Buße nahezu fließend: Der Sünder ist aufgrund des unmittelbaren Erkennens dazu bereit, das geschehene Unrecht einzugestehen, er orientiert sich auf eine notwendige Umkehr hin.

Nun ist - gerade, wenn man der kirchenväterlichen Spiritualität in Erörterung dieser Frage folgt - eher der Begriff der Scham mit dem Reueakt verbunden; der Mensch erkennt, daß er seiner ihm eigenen (durch Gott Selbst verliehenen) Würde nicht gerecht zu werden vermochte. So ermahnte beispielsweise Johannes Chrysostomos die Gläubigen, sich der Tatsache bewußt zu sein, daß am Tage des Jüngsten Gerichtes ein jegliches Vergehen der Menschen offengelegt würde; da dies ein berechtiger Anlaß für die Betroffenen sein müßte, sich ihrer (unbereuten) Sünden zu schämen, wäre es wohl notwendig, mit zerknirschtem Herzen zu bereuen und angesichts des zu Erwartenden auch danach zu trachten, zukünftig weitere Verstöße gegen die göttlichen Gebote nach Möglichkeit zu vermeiden.

Somit zieht umfassende Reue eben nicht nur "passives" Verhalten nach sich - der darauf folgende Erweis von Gottes Barmherzigkeit (wie sie im Gleichnis vom Verlorenen Sohn deutlich zum Ausdruck kommt) sollte ein Ansporn sein, aus der Erkenntnis zu lernen und solchermaßen neu orientiert den weiteren Weg zu beschreiten.

In der Liebe Christi grüßt brüderlich
Erzpr. Peter
peter
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Reue

Beitrag von peter »

Lieber Sebastian,

aufgrund der "Banalität des Bösen" (Hannah Ahrendt) möchte ich hierzu noch ergänzen, daß 1) Reue immer k o n k r e t sein muß. Das sage ich armer Sünder, der immer noch zum Philosophieren neigt, und die Dinge im Allgemeinen belassen möchte. Wir gehen ja nicht zur Beichte, um mit dem Priester über Reue zu palavern. Es ist immer etwas Konkretes, das unstreibt bzw. treiben sollte. Ich denke nicht, daß das "Schlechte Gewissen", welches im Protestantismus die Beichte ersetzt hat, seinen Sitz im Kopf oder "Hinterkopf" hat, sondern im Herzen. Das kannst Du auch fühlen, wenn sich das Herz verkrampft oder schneller schlägt, im Falle bewußt werdender Sünde. Die Einsicht ist nur die Folge des "Krampfes". Ihr gehen Gefühle der Hilflosigkeit, der Trauer, schließlich der Zustand Zerknirschung voraus. 2) muß Reue p r a k t i s c h werden, um wirklich in Buße überzugehen. Reue ist noch nicht Buße, sondern Voraussetzung derselben, mit notwendiger Folge praktischer Abhilfe. Im umfassenden
Sinne wird auch metanoia als "Umdenken" erst dann real, wenn sie erkennbare Werke zeitigt, also wie Vater Protopeter sagt, nicht nur
"passiv" kontemplativ bleibt. Umdenken heißt Umkehr, in der Tat einen
anderen Weg einschlagen, konkrete Änderung herbeiführen. Da ich mir
selbst dies Tag für Tag vergeblich predige, muß ich mich jetzt wieder s c h ä m e n (und Abhilfe schaffen) !

Pjotr
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
Elisabeth
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Beitrag von Elisabeth »

Hallo Ihr Lieben!
Zu dem Thema "Reue" möchte ich gerne ein Zitat von Erzbischof Mark beisteuern, das ich kürzlich in "Der Bote" gelesen habe:

" ,Bereuen' bedeutet nicht einfach,dass uns diese oder jene Handlungen oder Gedanken leid tun, nach dem lauwarmen Geist des Zeitalters. Das griechische Wort metavnoia, das so häufig in der Heiligen Schrift auftritt und gewöhnlich mit dem Wort ,Reue' übersetzt wird, bedeutut wörtlich ,Um- gesinnung', d.h. eben VERWANDLUNG des Geistes: vom Fleischlichen- zum Geistlichen, vom Irdischen zum Himmlischen, vom Zeitlichen zum Ewigen, vom Stolz zur Demut."

Am besten hätte der Tag wohl doch dreßig Stunden; dann bliebe mehr Zeit, sich mit altgriechisch, hebräisch und kirchenslawisch zu befassen!
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen schönen Feiertag.
Elisabeth
Wachet, stehet im Glauben, seid mutig und seid stark! Alle Eure Dinge lasset in der Liebe geschehen!
1. Kor. 16; 13, 14
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Carne - Vale !

Beitrag von peter »

Liebe Elisabeth !

Dank' Dir für Das Zitat zum "lauwarmen Geist des Zeitalters". Da wir ja alle hoffentlich nach dem Sonntag des Jüngsten Gerichts statt mit dem Rummel des römisch-katholischen Karnevals mit ersten Verzichtsbemühungen der Butterwoche befaßt sind, kommt der zitierte Geist echter "Verwandlung" gerade recht. Da geht es dann nicht lauwarm zu, sondern im besten Falle eiskalt zur Sache, nämlich zur knirschenden Reue, daß es sich gewaschen hat. Wenn wir das nicht endlich bitter ernst nehmen, angefangen beim gehätschelten Ego, wird überhaupt nichts aus diesem rechten Glauben wachsen. Auch unser geliebtes Forum muß da mal in sich gehen. Daß Du noch nicht ausreichend kirchenslawisch, altgriechisch, hebräisch sprichst, braucht Dich nicht zu "reuen" (weiterer Nebensinn). Wir alle sind nach Babylon in unsere Sprachen hineingeboren, und "schulden" deshalb zunächst und vor allem unserer Muttersprache den Liebesdienst, diese Tag für Tag zu "verchristlichen" (wie schon Luther dem Volk "aufs Maul geschaut hat"). Aber es ist natürlich "schade", wenn
wir die biblischen und kirchlichen Ausgangssprachen nicht verstehen, sprechen, singen können. Für mich habe ich das so gelöst, daß ich seit
Jahren das NT und AT nur noch interlinear lese, und zwar 1) Das Neue
Testament, Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch, Nestle-Aland / Dietzfelbinger, Hänssler-Verlag, 2) Das Alte Testament, Rita Maria Steurer Interlinearübersetzung Hebräisch-Deutsch, Biblia Hebraica Stuttgartensia.
Das befreit von der Qual der Übersetzungswahl, führt spielerisch hinein
in Buchstaben, Sinn und Geist, und läßt nach einiger Zeit den Geist vor Ort weilen. Es ist gleichzeitig eine Gedulds- und Demutprobe, so wie bei
den kirchenslawischen Psalmlesungen, Gesängen usw., die wir lange
Zeit kaum verstehen. Oft dachte ich mir bei den Russisch-Orthodoxen
Liturgien, wie lange muß ich metanoia treiben, bis mir der Heilige Geist Herz, Ohr und Mund auftut, wie dem jungen hl. Sergej von Radonesh,
der dann plötzlich vorlesen konnte. Mea culpa, es dauert noch ...
Übrigens, bist Du nicht orthodoxe Chorleiterin in spe ? Kannst Du uns nicht mal den rechten Kirchenton beibringen ? Das wäre eine Art höherer Administration oder auch Moderation, von "Supervisionen" zu schweigen.

Dir eine herzensfröhliche Fastenzeit !

Peter
"Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben" (Joh. 20,31)
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