Orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung
-
protopeter
- Priester
- Beiträge: 698
- Registriert: 24.07.2006, 21:21
- Wohnort: Salzburg
Orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung
Angesichts der Tatsache, daß die Orthodoxe Kirche in den letzten Jahrzehnten innerhalb der Industriegesellschaften Mittelwesteuropas Verbreitung fand, scheint es mittlerweile fraglos vordringlich, auch ihr eigenes gesellschaftsprägendes Profil deutlicher in Erscheinung treten zu lassen: Dazu zählen in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß eben auch Fragen, die auf die orthopraxia - die aus dem Glaubensleben entspringende Lebenshaltung - Bezug nehmen.
Im Versuch, Klärungen, die aus der rechtgläubigen Tradition kommen, vorzunehmen, sollten eigentlich Darstellung und Auslegung eigener Grundprinzipien Vorrang haben; indessen geschieht es in der Praxis allzu oft, daß zur Darlegung orthodoxer Wertevorstellungen an (zumeist im Allgemeinen wesentlich bekanntereren) heterodoxen Positionen Maß genommen wird und solchermaßen die ursprüngliche Lehre unserer Kirche deutlich relativiert erscheint.
Demgegenüber sollte nun in diesem Thread der Versuch unternommen werden, Antworten aus dem Erfahrungsschatz rechtgläubiger Überlieferung zu finden, die für die Begründung einer orthodoxen Ethik gegenüber den zeitgeistigen Relativismen einer auch im "spirituellen" Sinne immer "globaler" werdenden Gesellschaft - bis hin zum "Jahrmarkt der Weltanschauungen" - von Bedeutung sein könnten.
Es wäre schön, wenn dieses Vorhaben auf Interesse und dementsprechende Beteiligung stoßen würde !
Mit Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Re: Orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung
Hallo Vater Peter,protopeter hat geschrieben:Liebe Forumsmitglieder !
Angesichts der Tatsache, daß die Orthodoxe Kirche in den letzten Jahrzehnten innerhalb der Industriegesellschaften Mittelwesteuropas Verbreitung fand, scheint es mittlerweile fraglos vordringlich, auch ihr eigenes gesellschaftsprägendes Profil deutlicher in Erscheinung treten zu lassen: Dazu zählen in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß eben auch Fragen, die auf die Orthopraxia - die aus dem Glaubensleben entspringende Lebenshaltung - Bezug nehmen.
nun sind schon einige Wochen seit deiner Themeneröffnung vergangen und ich kann mir vorstellen, dass dich unsere Meinung brennend interessiert.
Um nun auf deinen oben stehenden Einleitungsabsatz zurück zu kommen, möchte ich versuchen anhand eines (es gibt wohl weit mehrere) gesellschaftlichen "Profilpunktes" orthodoxe Identität im westlichen Raum deutlich werden zu lassen:Wikipedia hat geschrieben: Die Ethik (griechisch ηθική [επιστήμη], ?die Sittliche [Wissenschaft]?, von ήθος, éthos, ?gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart?, vergleiche lateinisch mos) ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie. Die Ethik ? und die von ihr abgeleiteten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) ? bezeichnet man auch als ?praktische Philosophie?, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst (im Gegensatz zur ?theoretischen Philosophie?, zu der die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik als klassische Disziplinen gezählt werden).
- Das Auftreten des Orthodoxen Christentums in der Gesellschaft
Im klaren Gegensatz zu manch "globalisierten" , neueren Glaubensgemeinschaften zum Beispiel aus dem nordamerikanischem Raum (Mormonen) , den Zeugen Jehovas, oder Neuapostolen, aber auch weitaus älteren christlichen Gemeinschaften, wie der röm. Kath. Kirche übt die Orthodoxe Kirche keine "aufdringliche" Mission aus. Es finden keine großen (Werbe-)Kundgebungen, riesige Armenspeisungen (die auch und vor allem den sozialen Charakter einer Gemeinschaft betonen und Akzeptanz bewirken sollen) statt, auch kein "von Tür zu Tür" Gelaufe mit dem Zweck sich und seine Glaubenswelt "vorstellig" zu machen. Aus meiner Zeit in der Neuapostolischen Kirche ist mir noch in äusserst guter Erinnerung, wie man versuchte (und versucht) durch sogenannte "Gästegottesdienste" , deren Predigten auf austenstehende Ohren abgestimmt wurden, Menschen für den na-Glauben zu gewinnen. Das sogenannte Orthodoxe Zeugniss in der Welt hingegen basiert auf, der hier im Forum schon oft erwähnten, Grundlage von Orthodoxia und Orthopraxia und der aus diesem synergetischen Wirken nach Aussen strahlenden Kraft. Meine bescheidene Erfahrung zeigt mir, dass diese niemanden aufdringliche und schon gar nicht aufzwingende Haltung beim globalisierten, in Mitten der Gesellschaft stehenden Menschen Mehreres zugleich bewirkt: 1.) Sympathie (allein schon aus dem einfachen Grund, dass man nicht "belästigt" wird), 2.) Interesse (was haben diese Menschen, was ihnen soviel Freude im Leben bereitet?), 3.) Vermittlung eines authentischen Lebenswandels der Gläubigen im und mit dem Glauben.
Es wäre allerdings vermessen zu denken, dass der Grund für den stetigen Zuwachs der Orthodoxen Kirche von westlichen Erdenbürger(innen)n, allein auf dieses orthodoxe Gesellschaftsprofil/Zeugniss zurückgeht. Das Wirken des Hl. Geistes an dem Menschen darf mE nie zu gering geschätzt werden. Wobei wir uns bei der Lenkungsweise Gottes an dem Menschen gleichzeitig im Bereich des transzedenten, göttlichen Handelns und somit der "göttlicher Ethik" (sofern dieser Terminus erlaubt ist) aufhalten
Ein zweiter "Profilpunkt" orthodoxer Identität in der Gesellschaft ist die Ausgewogenheit in der Betrachtung profaner, sowie spiritueller Bedürfnisse der Gläubigen. Um dem Versuch der Beschreibung einer orthodoxen Ethikshaltung gerecht zu werden, kommt man wohl nicht drum rum, auch zu schauen, was "die anderen" machen. Um dies in keiner abwertenden Art zu tun hebe ich die positiven Beispiele hervor: Es ist lobenswert, wie sich vor allem "die großen Kirchen" in Deutschland für Arbeitslose engagieren, gegen Krieg und Terror zu protestieren, Kindergärten/heime, Schulen, Krankenhäuser und ausgebildetes Personal zur verfügung stellen, Armen und Obdachlosen helfen etc. Dies alles ist sehr lobenswert, auch wenn bei all dem gewisse Hintergedanken eine Rolle spielen mögen, denn davon sind auch wir nicht immer frei). Wenn auch nicht in dieser Art, so wird doch auch in unserer Kirche, der Begriff Nächstenliebe groß geschrieben. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass sich die "Großen Kirchen" eines schleichenden "Martaprozesses" ergeben (dies war auch Diskussionsgrundlage im kleinen Kreis in unserer Gemeinde; Gruß an Robert aka Nikolaj falls du dies liesstIm Versuch, Klärungen, die aus der rechtgläubigen Tradition kommen, vorzunehmen, sollten eigentlich Darstellung und Auslegung eigener Grundprinzipien Vorrang haben; indessen geschieht es in der Praxis allzu oft, daß zur Darlegung orthodoxer Wertevorstellungen an (zumeist im Allgemeinen wesentlich bekanntereren) heterodoxen Positionen Maß genommen wird und solchermaßen die ursprüngliche Lehre unserer Kirche deutlich relativiert erscheint.
Die Hl. Schrift / LK 10, 38 - 42 hat geschrieben: 38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Marta kümmerte sich ausschließlich um das leibliche Wohlergehen ihres gottmenschlichen Gastes, während Maria das Gute erwählte. Das Bemühen um irdisches Wohlergehen bzw Zufriedensein ist im Hinblick auf die Praxis in der Nächstenliebe überhaupt nicht verwerflich, allerdings hinterfrage ich, wie bei dieser Fokusierung auf irdische Belange, die gläubige Seele ihre Wegzehrungen zum ewigen Heil erhält? Es hat für mich den Anschein, als hätte der Martaprozess in manchen Teilen der sog. "Großen Kirchen" bereits Einzug gehalten. Man wuselt hier, gibt dort Stellungnahmen zur wirtschaftlichen Situation und der globalen Erderwärmung, kritisiert Teile von Hartz 4, läuft Sturm gegen den Kosovoeinsatz der Bundeswehr, befasst sich mit dem demographischem Faktor und dem ja ach so ungerechten Gesundheitssystem etc. Nochmals anmerken möchte ich, dass diese Punkte sicherlich ihre Bedeutung haben, in Hinblick auf unser Seelenheil jedoch meist eine zweitrangige Rolle "spielen". Nach orthodoxer (Wert)Vorstellung ist mE eine klare Ausgewogenheit bzw Prioritätensetzung zu erkennen; die Kirche weiß sehr wohl um unsere profanen Sorgen und Nöte und leistet Hilfestellung, wo sie kann (das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen)! Der spirituelle Teil unseres Lebens wird jedoch nicht nur leicht akzentuiert, sondern erfährt die volle, ihm gebührende Zuwendung. Die Kirche sorgt sich nicht nur um unser leibliches, sondern auch um das seelisches Heil der Gläubigen. Aus dieser Fürsorge herraus ruft sie u.a. zum Fasten, zur Besinnung auf Christi, zum häufigen Gebet, zur Buße, Beichte und Umkehr, zum häufigen Empfang der Hl. Kommunion auf. Dieses wird von Aussenstehenden sehr wohl zur Kenntnis genommen und ist daher mE ein großartiger Orthodoxer Profilpunkt in einer immer hektischeren, nach irdischen Gütern strebenden und global agierenden Gesellschaft, zumal Dinge wie Fasten im westlichen Raum z.T. ganz abgeschafft wurden, in Vergessenheit gerieten, oder einfach nicht verstanden werden (Fasten ? Nee, dat is mir zu extremistisch).
Um einen Abschluß zu finden, versuche (ob es mir gelingt ist eine andere Sache) ich in einem Satz zu verdeutlichen, was orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung ist: Orthodoxe Ethik ist geprägt vom Hinführen der Gläubigen zum ewigen Heil in Christus, bei gleichzeitigem "Nicht - die - Augen verschließen" vor irdischen, gesellschaftlichen oder globalen Herrausforderungen, Problemen, Sorgen und Ängste.
Ich hoffe ich konnte zumindest ansatzweise deinem Thema förderlich sein und verbleibe mit brüderlichen Grüßen
S.
-
protopeter
- Priester
- Beiträge: 698
- Registriert: 24.07.2006, 21:21
- Wohnort: Salzburg
Herzlichen Dank für Deine so ausführliche Stellungnahme; besonders Dein Verweis auf die Schriftstelle Lk 10,38-42 bringt den Anspruch orthodoxer Sendung in der Welt deutlich zum Ausdruck: Die aus dem Glauben kommende Weltsicht kann und darf sich nicht in gegensätzlichen oder gar einander ausschließenden Konzepten erschöpfen, sondern hat das Große, Ganze und Allumfassende im Auge.
Tatsächlich ist der wesenhafte Kernpunkt orthodoxen Seins die Entfaltung der gottmenschlichen Gemeinschaft im Erlöser Jesus Christus und die damit unmittelbar verbundene Berufung zur Gotteskindschaft. Aus dieser Perspektive ergibt sich dann selbstverständlich auch die Forderung nach gesellschaftlicher Mitverantwortung, die aber eben nicht nur auf einer bloßen "Erfüllung sozialer Pflichten" gegründet sein kann, sondern in gläubigem Bewußtsein durchaus weitergefaßte Dimensionen einschließen sollte.
Brüderliche Grüße und Segenswünsche sendet
Erzpr. Peter
Re: Orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung
Lieber Vater Peter !protopeter hat geschrieben:
Demgegenüber sollte nun in diesem Thread der Versuch unternommen werden, Antworten aus dem Erfahrungsschatz rechtgläubiger Überlieferung zu finden, die für die Begründung einer orthodoxen Ethik gegenüber den zeitgeistigen Relativismen einer auch im "spirituellen" Sinne immer "globaler" werdenden Gesellschaft - bis hin zum "Jahrmarkt der Weltanschauungen" - von Bedeutung sein könnten.
Segne!
im Zuge unserer orthodoxen Ethik-überlegungen bin ich immer noch dabei gewisse "Profilpunkte" herrauszustellen, denn bevor wir von einem gesellschaftprägendem Profil reden können, sollten wir feststellen, welche Facetten dieses Profil ausmachen.
In dem Wochenmagazin "Die Zeit" erschien vor kurzem eine Reihe mit dem Titel "Was soll ich glauben", in der die großen Weltreligionen vorgestellt wurden. Was mich erschrack, war nicht die Tatsache, dass Religionen vorstellig gemacht wurden. Vielmehr drückte allein der Titel dieser Serie aus, dass sich unsere Gesellschaft bereits auf dem von dir genannten Weltanschauungsmarkt aufhält. Frage an dich und die anderen Foris: Welche Profilpunkte hebt die Orthodox Christliche Lehre, von dem "Gewusel", der übrigen Anschauungen für den Betrachter unmittelbar ("ins Auge stechend") ab?
Sicherlich können die bereits genannten Punkte dazu zählen, doch denke ich dass es weit mehr gibt.
Dabei ist davon auszugehen, dass der "Suchende" evtl. über keine großen Kenntnisse hinsichtlich Orthodoxie verfügt. Gibt es weitere Profilpunkte, wie etwa die Treue zur unverfälschten Überlieferung? Und wie erschließen sich diese Teile unserer Identität dem Betrachter? Sofort, nach einiger Zeit?
Ich hoffe ich treffe mit meinen Fragen zumindest ein wenig den richtigen Ansatz...
Sebastian
frohe Fastenzeit
-
protopeter
- Priester
- Beiträge: 698
- Registriert: 24.07.2006, 21:21
- Wohnort: Salzburg
Ja, diese Profilpunkte gibt es - gerade im Hinblick auf die Überlieferung und die daraus notwendigerweise kommende Lebenshaltung; allerdings geschieht es nicht selten, daß unserer Profilierung bei oberflächlicher Betrachtung "von außen" allzu schnell das Prädikat eines vorgeblichen "Konservativismus" angehängt wird. Eine unmittelbare Folge des von Dir genannten Marthaprozesses ist die (zumeist von Fernstehenden getragene) Erwartungshaltung gegenüber der Kirche, sie müsse sich "den Gegebenheiten der Zeit anpassen" - genau mit dieser Forderung nach Zeitgeistigkeit wird aber das gottmenschliche Grundprinzip kirchlicher Existenz in augenscheinlichster Weise durchbrochen.
Eine nach orthodoxen Prinzipien formulierte Ethik kann eben nicht "mit der Zeit gehen" - sie ist kraft ihrer Ausrichtung überzeitlich und überweltlich; es wäre nun aber falsch, daraus eine selbstgewählte Isolation und Abschließung von der Gesellschaft abzuleiten. Leider geschieht es noch viel zu oft, daß die aus der Tradition kommenen Werte (zwar mit vollem Recht) als ein großer Schatz gehütet werden, doch mangelt es allzu oft an der Entschlußkraft, diese in Gesellschaften, die eben mehrheitlich nicht durch orthodox-ethische Grundauffassungen geprägt sind, zum Ausdruck zu bringen.
Es ist eine Frage von dringlicher Notwendigkeit, den allumfassenden Charakter orthodoxer Existenz zu vermitteln - dies gerade in unserer Epoche, die so sehr Wert auf eine "ganzheitliche" Sicht der Dinge zu legen scheint. Eine Grundwahrheit rechtgläubiger Soteriologie ist die durch den Gottmenschen Jesus Christus vollzogene Erlösung von Geist und Materie; aus dieser Heilstatsache sollte nun eine grundsätzlich positive Hinwendung zur Welt resultieren. In diesem Sinne wird von uns wiederum die Zusammenspannung von orthodoxia und orthopraxia - oder anders gesagt, von Wort und Tat - gefordert.
Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt kann sich aus den Grundprinzipien orthodoxer Anthropologie ergeben - der Mensch, geschaffen nach Abbild und Ähnlichkeit Gottes, ist dazu gerufen, seine Existenz in den Rahmenbedingungen von Freiheit und Verantwortung zu gestalten. Dabei kann sich aus unserer Perspektive keineswegs darum handeln, hier den "moralischen Zeigefinger" warnend zu erheben - vielmehr handelt es sich um eine notwenige Bewußtmachung bestimmter Zusammenhänge, die als Voraussetzung eines glaubhaft geführten Lebens rechtgläubiger Prägung diesen sollten.
Herzliche Grüße und Segenswünsche sendet
Erzpr. Peter
Der nächste Abschnitt ist in der Lutherbibel überschriftet mit " Das Vorbild des leidenden Apostels":Das sollst du aber wissen, daß in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden. Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten feind, Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide! Zu ihnen gehören auch die, die sich in die Häuser einschleichen und gewisse Frauen einfangen, die mit Sünden beladen sind und von mancherlei Begierden getrieben werden, die immer auf neue Lehren aus sind und nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können. (2.Tim 3)
und habe folgende Anmerkungen:Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind ... Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allen hat mich der Herr erlöst. Und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.
Das Wort Frömmigkeit (in der rev. Elberfelder steht 'Gottseligkeit', russ. blagochestie wäre auch mit 'Ehrbarkeit' zu übersetzen) ist selten geworden im Sprachgebrauch. Die meisten Menschen können oder wollen damit nichts anfangen.
Das, was der Hl. Apostel für die Endzeit vorhersagt, dürfte daher auf unsere Epoche ungeschmälert anwendbar sein: Wir (als Gesellschaft) haben unser Ideal verloren und vergessen.
Der Anspruch an den orthodoxen Ethos ist im Zitat klar formuliert, die Konsequenzen auch.
Ich bezweifle, dass es einen andersartigen katholischen oder evangelischen Ethos geben kann, lediglich Abstufungen in der Konsequenz, mit der ein Christ heute in der Lage ist, überhaupt das ethische Diktat der Gesellschaft zu verleugnen. Sicherlich ist eine "orthodoxe Ethik" nicht denkbar, die eine Waffenruhe mit nichtbiblischen ethischen Maßstäben einschließt. Aber in der Realität sind wir genauso schwach wie alle anderen Christen.
Vielleicht könntet ihr darüber berichten, wie es euch ergeht bei der Realisierung orthodoxer ethischer Maßstäbe? Schaut euch die übrige Welt wirklich bewundernd zu? Oder wenden sich auch Menschen von euch/uns ab?
Sind wir fromm, oder haben wir nicht auch längst nur noch den Schein der Frömmigkeit"?
Gottes Segen
Hans-Peter
-
protopeter
- Priester
- Beiträge: 698
- Registriert: 24.07.2006, 21:21
- Wohnort: Salzburg
Wenn wir uns im Kontext der laufenden Diskussion über orthodoxe Ethik verständigen, so geschieht dies in erster Linie aus dem Selbstverständnis des Bewußtseins, demgemäß die Orthodoxe Kirche über die Zeiten hinweg die authentische Überlieferung unverfälscht bewahren konnte. Ihre zweifellos zutreffende Anmerkung bezüglich des Idealverlustes in den sich (noch immer pro forma) "christlich" nennenden Industriegesellschaften erweist allerdings auch, daß die abendländisch sozialisierten Bekenntnisse eine grundlegend verfehlte - weil mit den Werten der rechtgläubigen Tradition letztendlich doch nicht in Einklang zu bringende -"Ethik" propagierten, von der sich der "aufgeklärte" Mensch um jeden Preis zu emanzipieren suchte: Ein deutliches Beispiel dieses Konfliktes erwies sich im Zeitalter von Humanismus und Aufklärung etwa im Disput zwischen dem französischen Gelehrten Blaise Pascal (der auf die biblisch-patristische Grundlegung christlicher Ethik baute) und den der Kasuistik ergebenen Jesuiten, die das Prinzip "Der Zweck heiligt die Mittel" hochhielten.
In diesem Sinne ist es klar, daß der Rückbezug auf christliche Wertmaßstäbe auch innerhalb jener Gesellschaften, die eine solche Wertorientierung vorgeben, zu einem Skandalon werden muß(te); wie Sie mit vollem Recht sagen, ist hier die dem Apostelwort gemäße lebendige Zeugenschaft für den Glauben letzten Endes mit Ausgrenzung und Verfolgung (in welchem Maß auch immer !) als Konsequenzen verbunden. Selbstverständlich ist im Bemühen um die Lebensgestaltung gemäß den Normen unseres Glaubens auch der "menschliche Faktor" - gerade auch als Ausdruck der eigenen Begrenztheit und Schwäche - nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist es uns aufgegeben, entsprechende Anstrengungen um der absoluten Glaubwürdigkeit willen in die Tat umzusetzen.
Zum Aspekt der Frömmigkeit im genannten Apostelbriefzitat kommentiert Johannes Chrysostomos, daß diese Eigenschaft verlorengeht, "wenn niemand etwas von den Dingen vollbringt, die die Frömmigkeit kennzeichnen"; anders gesagt, stellt sich hier die Frage nach der Realität gottmenschlicher Synergie im Leben der Christen. Gibt man sich Rechenschaft über die Gottesbilder in den durch materialistischer Gesinnung geprägten Industriegesellschaften, so sind sie bestenfalls noch als deistisch geprägt wahrzunehmen - das Bekenntnis zu einer wahren umfassenden Gemeinschaft zwischen Schöpfer und Schöpfung wird indessen nahezu ausgeschlossen. Angesichts einer solchen Lage der Dinge erweist sich, daß ein Bekennen der offenbarten Glaubenswahrheiten eine umso dringlichere Aufgabe orthodox-kirchlichen Sendungsauftrages sein muß; wie das im Einzelnen zu geschehen hat, ist klarerweise auch eine Frage des Ermessens - fest steht allerdings, daß wir hierzu alle in der einen oder anderen Weise in die Pflicht genommen sind !
Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen,
Erzpr. Peter
als Orthodoxe sind wir im Westen wahrscheinlich (prozentual) so einzeln wie die Apostel und ihre Schüler in Kleinasien. Das müsste konsequenterweise in 'Verfolgung' ähnlicher Dimension enden.Dem ist nun aber nicht so. Ich vermute, dass es daran liegt, dass wir uns in und mit dieser Gesellschaft daran gewöhnt haben, unseren Glauben als etwas Individuelles/Individualistisches mit uns herum zu tragen.
Ich bemerke in meinem Umfeld selten mehr als ein mildes Desinteresse bezüglich meiner Werte. Dort, wo die Provokation unvermeidlich ist, geschieht Abwendung und Unverständnis. Das sind aber alles Symptome, mit denen auch überzeugte Atheisten, Buddhisten, Krishnaisten, Mohammedaner, Transsexuelle, Handaufleger und Vegetarier zu kämpfen haben.
Um diese 'Schublade' bzw. den 'Jahrmarkt der Weltanschauungen' zu verlassen, wäre ein sehr radikaler Bruch mit vielen nützlichen, bequemen und z.T. auch lebensnotwendigen gesellschaftskonformen Gewohnheiten erforderlich.
Gesetzt den Fall, ich hätte Mut und Kraft dazu [/Träum-Modus] - würde ich in der heutigen globalisierten Gesellschaft genau so viel bewirken können, wie ein Apostel in der damals auch schon ganz schön globalisierten griechisch-römischen Welt?
Und da ich ein ziemlich schlechter Christ bin und mir ein Leben ohne Kaskoversicherung, Dispokredit, Harald Schmidt und Biobananen noch nicht so recht vorstellen kann (wenn ich auch daran arbeite) - habe ich dann als orthodoxe Monade den Status des stumpf gewordenen Salzes? oder des Sauerteigs?
Ist der Begriff "Globalisierung" nicht überhaupt nur eine neue Entschuldigung für den "alten Menschen"?
In der Hoffnung auf eine weitere Antwort
Hans-Peter
-
protopeter
- Priester
- Beiträge: 698
- Registriert: 24.07.2006, 21:21
- Wohnort: Salzburg
Sie haben es auf den Punkt gebracht: Der Prozeß der Globalisierung zieht selbstverständlich auch eine Umwertung des Menschen-, und Gesellschaftsbildes mit sich; der umfassenden Persönlichkeitswahrnehmung, wie sie in biblisch-kirchenväterlich-orthodoxer Perspektive eingefordert wird, stehen "Individualisierung" und das Streben nach "Selbstverwirklichung" gegenüber. Von diesen Gegebenheiten ausgehend kann der Versuch, ein Leben nach den Normen eines Glaubens, der die gottmenschlich-synergische Einbindung des menschlichen Wesens zugrundelegt, zu führen, im wahren Wortsinne Bekenntnischarakter erlangen.
Im Idealfall sollte es - in den Grenzen des eigenen (Un-)Vermögens - vor allem darum bestellt sein, der aus unserem Glauben kommenden Ethik jenen Raum zu geben, entsprechendes Zeugnis ablegen zu können; fraglos sind hierbei natürlich die Möglichkeiten unterschiedlich ausgeprägt. Gerade auch das Faktum der "geistigen Globalisierung" mit der daraus (möglicherweise) resultierenden kollektiven Abstumpfung sollte ein Anreiz sein, jene durch den Glauben geprägte Grundhaltungen als wahrhaftig "alternative" Konzepte wirken zu lassen - in diesem Sinne mag sich dann durchaus die Wirkung des "Sauerteigs" entfalten.
Es dürfte natürlich auch klar sein, daß der von uns getragenen Geisteshaltung - vor allem im Hinblick auf gewisse innere Entwicklungen der Industriegesellschaften - noch auf sehr lange Sicht Minderheitenstatus zukommen wird (wenn sie denn überhaupt entsprechende Frucht tragen kann!); in diesem Sinne ist ein radikaler Umbruch nicht zu erwarten. Orthodoxer Christ zu sein bedeutet allerdings auch nicht, im Geiste einer (nahezu sektiererischen) "Totalverweigerung" der Gesellschaft in dualistischer Weise zu begegnen; gemäß dem Apostelwort bei I Thess 5,21 sind wir zur kritischen Auseinandersetzung gerufen, um so unserem Auftrag "vor der Welt" in angemessener Weise nachzukommen.
In der Hoffnung, etwas klärend gewirkt zu haben, sendet sonntägliche Grüße
Erzpr. Peter