Xpistos anesti!
So, jetzt gibt es also gar einen eigenen Thread. Das ist ja schön. Vielleicht sollte man ihn in "Satisfaktionslehre u. a. im Lichte der Orthodoxie" umbenennen, denn die "Rechtfertigungslehre" ist etwas anderes: Sie heißt auch lat. "Iustificatio" und ist ein Teilbereich der Gnadenlehre - diese kennt die Orthodoxie aber, zumindest in dieser Form, nicht einmal. Sie hängt natürlich mit der Satisfaktionslehre zusammen, aber die Perspektive der Iustificatio ist die, vom Menschen, zu Gott hin und die der Satisfaktion, von Gott, zum Menschen hin - um den Unterschied ganz einfach und nachvollziehbar zu verdeutlichen. Soviel einmal dazu, jetzt ad rem:
Die Anfänge der Satisfaktionstheorie bzw. die erste, diesbezüglich vorhandene Spaltung, lässt sich wohl schon für den Westen auf Tertullian zurückführen. Bei ihm finden sich manchmal - ganz seinem Rigorismus entsprechend - erste Anklänge einer Lehre vom Zorn Gottes, der gesühnt werden will. Da bereits auf Evagrius Pontikus verwiesen wurde, möchte ich dazu auch gleich Origenes erwähnen, der ja ziemlich zeitgleich mit Tertullian gelebt hat (in der ersten Hälfte des 3. Jhdt. n. Chr.) und aufbauend auf den Neuplatonismus, das ziemliche Gegenteil von Tertullian war. Generell stehen diese beiden Herrschaften für mich paradigmatisch, jeweils für alles, was im Laufe der Zeit im Osten und im Westen jeweils schief gelaufen ist und sie beinhalten, aufgrund ihrer Rezeptionsgeschichte, bereits prototypisch die Spannungen zwischen Ost und West. Das geht sogar so weit, dass ihr "philos. Unterbau" sich konträr zueinander verhält: Tertullian rezipierte als guter Römer (und "Lateiner", er war ja der erste lat. Kirchenschriftsteller überhaupt) die Lehre der Stoa, die in der Ontologie einen Materialismus vertrat und auch ihre "Affektelehre" hat ihn wohl beeinflusst, weswegen er sich so stark zum Asketismus und Rigorismus der Montanisten hingezogen fühlte und Origenes rezipierte als ägyptischer Grieche in Alexandrien den gerade voll erwachenden Neuplatonismus und zwar in so einem hohen Maße, dass darüber die echt christl. Gehalte fast verloren gingen. Er vertrat eine idealistische Ontologie und in der Sittenlehre bzw. im Umgang mit den Affekten, war er wohl vom moderaten St. Clemens von Alexandrien beeinflusst, der sein Lehrer in der Katechetenschule in Alexandrien war und dem er als Leiter derselben nachfolgte [1]. Tertullian wurde in Nordafrika immer sehr geschätzt und übte - zumindest was die Sittenlehre und Soteriologie (zu der ja die Satisfaktionslehre auch gehört), nicht aber, was sein materialistisches Seinsverständnis betrifft - doch einen gewissen Einfluss auf St. Augustinus von Hippo Regius aus, der ja seinerseits Nordafrikaner war. Im Osten zog Origenes unübersehbare Kreise und wurde von den großen Kirchenvätern rezipiert bzw. beeinflusste sie. Hier sind eben besonders die großen Kappadokier zu nennen. Gerade dadurch, erhielt sich im Westen das Erbe des Tertullian und im Osten das des Origenes, auch, wenn es oft von der ungeteilten Kirche verurteilt wurde, wirkte es zumindest im Geheimen weiter fort.
Das muss man sich einmal grundsätzlich vor Augen halten. Der Einfluss dieser beiden auf die "Mentalität" der beiden Reichshälften, ist m. E. nicht zu unterschätzen, denn wie jeder weiß, wurde im Westen St. Augustinus und im Osten die großen Kappadokier
die Kirchenlehrer schlechthin.
Um jetzt zu Anselm von Canterbury zu kommen, muss man noch einen Zwischenschritt einfügen, der zwar die Theologie betrifft, aber selbst nicht theologisch ist. D. h. es folgt jetzt ein kurzer, hist. Exkurs in die polit. und strukturelle Lage des Römischen Imperiums zu der Zeit, die wir als "Ende" der Antike bezeichnen:
Jeder hat ja bereits in der Schule etwas von der Zeit der Völkerwanderung gehört, d. h. als die Völker Steppenvölker (wie die Sarmaten und Hunnen) Druck auf die german. Völkerschaften außerhalb des Imperiums ausübten, sodass diese gezwungen waren, die Grenzen zum Reich zu überschreiten. Dies, zusammen mit zahlreichen Bürgerkriegen, einer sich aus der wirtschaftlichen Umstellung (von der Sklavenwirtschaft, hin zu einer Art von "Schollenbindung", also fast einer Art Frühform der Leibeigenschaft in Ermangelung an Sklaven und Zusammenlegung kleinerer landwirtschaftlicher Nutzflächen zu teilweise wirklich riesigen Einheiten, den sog. "Latifundien", die einem Gutsherrn unterstanden, bei gleichzeitiger Verarmung der noch vorhandenen Kleinbauern, mit den Folgen der Landflucht, Entstehung des sog. "Rentenkapitalismus" etc.) und natürlich den kriegerischen Unruhen, Revolten etc., führte natürlich zu einer erheblichen Schwächung des röm. Staates, vor allem im Westen, der in besonderem Maße, aufgrund seiner Lage, von den heranstürmenden Völkerschaften bedrängt wurde. Diese ganzen Konstellationen führten auch zu einem geistigen und kulturellen Niedergang. Die allgemeinen Existenzsorgen und auch die Christianisierung der Bevölkerung trugen dazu bei, dass die heidn. Philosophen und die alte Gelehrsamkeit, weniger hoch im Kurs stand, als zu früheren Zeiten, dass die staatlichen Bibliotheken und Bildungseinrichtungen, die zumeist Stiftungen waren und in friedlichen Zeiten von reichen und mächtigen Gönnern finanziert und erhalten wurden (wie z. B. durch solche Personen, wie den heidn. röm. Senator und Stadtpräfekten Quintus Aurelius Symmachus, der AD 402 verstarb, und seinen "Kreis" an vornehmen Personen), zunehmend verwahrlosten und verfielen, da man sich derartigen Prunk und diese Form der polit. Prahlerei in diesen Krisenzeiten nicht mehr leisten konnte. Natürlich blieben gewisse große Zentren auch während des 4. Jhdts. und danach erhalten, wie die Palastbibliothek von Konstantinopel (die leider AD 475, also am Ende des 5. Jhdts., durch ein Feuer zerstört wurde). Nach dem vollständigen Kollaps Westroms spätestens in den 470er Jahren, war es mit der öffentlichen Bildungstradition im Westen ziemlich vorbei. Vor allem da Rom - das ja mehrmals geplündert wurde, nämlich AD 410 von den Westgoten, AD 455 von den Vandalen und bereits im 4. Jhdt. einmal beinahe von den Hunnen - das einzige, große, antike Zentrum des Westens war, was sich ja auch besonders auch dadurch bemerkbar macht, dass Rom der einzige westliche Patriarchensitz ist, was ja für das Papsttum von besonderer Wichtigkeit wurde.
Trotz bzw. gerade wegen des Zusammenbruchs, versuchte man auf irgendeine Art und Weise, zumindest gewisse Reste des antiken Wissens zu retten. Im Westen, nach dem Wegfall eines übergeordneten, zentralen Staatswesens, bot sich als "Trägerorganisation" die Kirche und als unmittelbare "Tradierer" die Klöster an - die einzigen fixen, überregional anerkannten Institutionen. Der Kanzler des Ostgotenreichs in Italien - aus einer altröm., senatorischen Familie - Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus (AD + 580), kurz Cassiodor, war derjenige, der Lehrpläne aus der heidn. Wissenschaft und der christl. Theologie zusammenstellte, der Anleitungen für das Abschreiben religiöser und profaner Literatur verfasste und der die Verfielfältigung und Sammlung von Literatur als Aufgabe den Mönchen zuwies. Das war fortan ein fixer Bestandteil, des westlichen Mönchtums, obwohl profane und heidn. Wissenschaften zu hüten, eigentlich in keiner Weise, Aufgaben des Mönchs sein sollten und dies bspw. von St. Benedikt oder den anderen "Mönchsvätern", niemals vorgesehen war. Hier lag bereits der Hund im Westen begraben, m. M. nach. Der Osten, wo das Reich ja immer mehr oder minder intakt blieb, hatte das nicht nötig. Es gab dort immer eine eigene Gelehrtenschicht und die "Paideia" wurde von eigenen Fachleuten, meistens aus den adeligen Kreisen gepflegt, die Mönche und Laien wurden von derartigen Einflüssen aber weitestgehend verschont. Auch blieb das Griechische als Sprache erhalten, man musste nicht, wie im Westen, extra Latein erlernen, um den Zugang gerade auch zu den kirchlichen Schriften erhalten zu können.
Im Westen war das nun allerdings anders. Vor allem, für die sog. "karolingische Renaissance", in der das Lateinische zum ersten Mal von volkstümlichen Einflüssen "gereinigt" wurde und man sich, in diesem Fall
noch rein sprachlich, im Westen, wieder an den alten Heiden orientierte, schreibt der röm.-kath. Kirchenhistoriker Arnold Angenendt etwas sehr Wahres:
Mit dem Latein war immer auch eine Begegnung mit der Antike verbunden, denn wer die spätantiken Grammatikbücher studierte, fand dort mindestens die aus der antiken Literatur entnommenen Mustertexte. So ergab sich eine Art Paradox: Um gerade im inneren Leben der Kirche, an der Liturgie wie am Glauben, teilnehmen zu können, bedurfte es einer Sprache, bei deren Erlernung man mit einer nichtchristlichen Kultur in Berührung kam. Der christliche Glaube erfuhr dadurch ständig eine Herausforderung. Gerade seine führenden und entschiedenen Vertreter, so der Klerus und die Mönche, sahen sich immer wieder einer Kultur ausgesetzt, deren intellektuelle und poetische Kraft versucherisch an sie herantrat und der gegenüber sie ihren Christenglauben schützen und rechtfertigen mußten. Ein unbefangen in sich ruhendes Christendasein war jedenfalls nicht mehr möglich.
[2]
Die Frage ist jetzt natürlich, weswegen der weite Exkurs? Nun, anders kann man m. E. nicht verstehen,
wie es zum Programm der Scholastik kam und
was Anselm von Canterbury intentierte. Denn wer war Anselm? Er lebte von AD 1033 bis 1109 und wurde in Aosta geboren, weswegen man ihn auch manchmal Anselm von Aosta nennt. Er war adeliger Herkunft und trat mit 26 Jahren in die Benediktinerabtei Le Bec in Frankreich (heutiges Département Eure) ein, wo Lanfranc von Bec der berühmte Abt war (Letzterer gilt im Westen als ein Heiliger und vertrat gegen den Unruhestifter und Erzdiakon Berengar von Tours die Lehre von der Realpräsenz und verteidigte diese mit Rückgriff auf Aristoteles - bei ihm kam schon die Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenz vor, also, eine Art "Transsubstantiationslehre" -, man sah also schon damals, wohin die Reise mit der Scholastik - hin zu Thomas von Aquin usw. - ging). Unter Lanfranc, der später Erzbischof von Canterbury werden sollte, wurde er ausgebildet. Drei Jahre nach seinem Eintritt wurde er zum Prior des Klosters bestellt, fünfzehn Jahre später zum Abt. Er verfasste während dieser Zeit seine theolog. und philos. Schriften u. a. das "Proslogion" (das seinen berühmten ontolog. Gottesbeweis enthält) und das "Monologion". AD 1089 verstarb Lanfranc und Anselm wurde schon damals als sein Nachfolger als Erzbischof von Canterbury favorisiert, aber erst AD 1093 von König Wilhelm II. Rufus (Sohn Wilhelms des Eroberers) von England zum Erzbischof ernannt. Es folgte ein Investiturstreit mit dem König, wobei er sich hilfesuchend AD 1097 nach Rom wandte, aber nicht besonders viel Unterstützung erhielt. Danach wurde ihm die Rückkehr nach England verweigert, sodass er bis AD 1100 (dem Todesjahr des Königs) in Lyon im Exil leben musste. Unter König Heinrich I, einem Bruder Wilhelms, konnte er für knapp drei Jahre wieder nach England zurück, wurde aber AD 1103 wieder in die Verbannung geschickt, in welchem er vier Jahre verweilen musste. AD 1107 durfte er wieder nach England zurück und konnte dort bis zu seinem Ableben AD 1109 bleiben. Während der ersten Verbannung stellte er AD 1098 sein Werk "Cur Deus Homo" (- "Warum Gott Mensch ist") fertig, welches für diesen Thread hier von besonderem Interesse ist, da seine die Satisfaktionslehre enthält. Er versucht in diesem Werk, mit zwingenden Vernunftgründen (wie bei alle seinen Werken) darzulegen, weswegen Gott notwendigerweise ein Mensch werden musste, um die gefallene Menschheit mit Ihm zu versöhnen und zu erlösen.
Anselms "Programm" ist generell darauf ausgelegt, die christl. Religion durch die Vernunft als vollgültig und eben "rational" zu "erweisen". Deswegen auch seine bekanntesten Sentenzen: "
Credo ut intelligam" (- "Ich glaube, um zu verstehen") und "
Fides quaerens intellectum" (- "Der Glaube sucht nach Verstand/Einsicht"). [3] Wieso ihm das so wichtig war, habe ich bereits oben zu skizzieren versucht, denn zu seiner Zeit, gab es bereits schwere theolog. Auseinandersetzungen im Westen aufgrund heidn. Einflüsse, aber auch durch den zunehmenden Kontakt mit der islam. Welt durch die Rückeroberung Spaniens und die beginnenden Kreuzzüge (der erste Kreuzzug fällt ja auch in die Lebenszeit Anselms). Menschen wie Anselm, versuchten, den christl. Glauben argumentativ abzusichern und so darzulegen, dass er für alle, immer und überall einsichtig sei. Aus diesem Bestreben, etwaige "Widersprüche" bzw. "Paradoxien" (auch in der Bibel) aufzulösen, auf philos. Argumentationsmuster zurückzugreifen und alles zu systematisieren, entstand das, was man im Westen "Scholastik" nennt.
So, lieber Nassos, jetzt habe ich ein paar Schritte zurück gemacht und jedem mitgeteilt, wer Anselm war. Jetzt darfst auch du einmal.
Gottes Segen,
Irenäus
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Anm.:
[1] Natürlich hatte auch Origenes einen gewissen Hang zum Asketismus, aber der war letztlich doch nicht derselbe, auch in der Theorie nicht, wie der des Tertullian. Der Geschichte von der Kastration zum Trotz.
[2] ANGENENDT, Arnold: 2001³.
Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer, 312.
[3] Beide stammen aus dem "Proslogion".