Der Nicht-transparente Gott

Neu in der orthodoxen Kirche - Wie lebe ich als orthodoxer Christ? Alle allgemeinen Fragen rund um die Orthodoxie.
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Ehemaliger
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Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Ehemaliger »

Liebe Geschwister,
Wir bewegen uns durch die Fastenzeit auf eines der Geheimnisse der Geheimnisse zu: den Tod und die Auferstehung unseres Herrn und Heilandes.

Vor einiger Zeit erschien in der ZEIT ein Artikel mit dem Thema: Transparent ist nur das Tote. Mich haben die Gedanken dort bewegt und mir sind ein paar Gedanken gekommen, die ich mit euch teilen und bereden will.

Der Hauptgedanke dort ist: Unser Streben nach Transparenz ist Zeichen des Misstrauens und nicht, wie z. B. von unserem Ex - Präsidenten behauptet, eine Möglichkeit der Vertrauensbildung. Transparenz ist das Ende des Vertrauens, denn habe ich völlige Transparenz benötige ich kein Vertrauen mehr. Das Wort Transparenz kommt aus dem Lateinischen und setzt sich aus „Trans“ (durch, hindurch, über) und „Parere“. Parere bedeutet ursprünglich: Auf jemandes Befehl hin erscheinen oder sichtbar werden. Im Deutschen hat sich das Wort im „parieren“ i. S. v. gehorchen erhalten.

Ich aber will das an ‚Gott‘ bedenken. Zurzeit ackere ich mich zum wiederholten Male durch das Buch: „Mystische Theologie der Ostkirche“ und wie zuvor macht es mir denkerische Schwierigkeiten. Einer der Grundgedanken darin handelt von der gegensätzlichen Art Theologie zu betreiben. Der „kataphatischen“ im Westen und der „apophatischen“ im Osten. Mit kataphatisch wird die Methode beschrieben, durch ‚positive‘, also Aussagen machende i. S. v. Merkmalen zuschreibende Aussagen etwas, in diesem Falle Gott zu beschreiben. Z. B. Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig usw. Dabei wird in Kauf genommen, dass diese Aussagen unscharf, weil nicht definierbar sind. Denn, sobald ich etwas definiere, setze ich ja eine Grenze dazu, was es NICHT ist. Die Schwierigkeit ist: Gott aber kann nicht begrenzt werden.

Apophatisch meint nicht grenzenlos, sondern macht die Grundaussage, dass Gott prinzipiell un“er“fassbar ist. Es ist also vom Ansatz her unmöglich, eine ‚positive‘ Aussage zu machen. Ebenso unmöglich ist es aber zu sagen, was Gott NICHT ist, da das beinhaltet zu wissen, was Er ist. Nur im ‚Loslassen‘ unserer menschlichen Erkenntnismöglichkeiten i. S. v. sich darüber erheben oder auf sie zu verzichten können wir uns Gott nähern. Und das geschieht, nach der Lehre der Väter, dadurch, dass wir uns verwandeln, nicht unsere Erkenntnis vervollkommnen. Theosis statt Nachdenken. Daran mag es liegen, dass die Mystiker Gott näher sind als wir. Kataphasie hat Gott zum Gegenstand, Apophasie zum Gegenüber. Wenn denn überhaupt davon gesprochen werden darf, dass Gott unser ‚Gegenüber‘ sein kann. Aber, Er ist ja gekommen, hat Sich uns gleich gemacht, ist ‚unsere Wege‘ gegangen, wo doch Seine Wege so viel höher sind als unsere. Also dürfen wir es wagen.

Aber eben nicht im Versuch, Gott zu verstehen, Ihn transparent zu machen, Geheimnisse, Mysterien zu erhellen, zu er-klären. Im Verstehen von Geheimnissen liegt gleichzeitig ihr Verschwinden. ABER: Sind wir vielleicht Romantiker, die nicht verstehen wollen, da wir diese Unbestimmtheit von Mysterien genießen, uns in ihnen verstecken oder gar der Welt hochmütig den Rücken zuwenden, da wir ja so geistlich sind?

Ein transparenter Gott wäre keiner mehr, da wir dort unsere Denkgötzen begegnen. Gewiss, das haben wir schon gehört, aber das könnte sich nach Denkverweigerung anhören. Vielleicht machen wir ja so viel Staub drum herum, um dieser Wahrheit nicht begegnen zu müssen.

Ein transparenter Mensch ist als Gegenüber untauglich. Ich kann ihn nur noch verstehen, ihn nachvollziehen (Big Brother lässt grüssen), nicht mehr lieben, ich brauche mich nicht mehr darum bemühen, ihm näher zu kommen, brauche mich nicht mehr auf ihn einlassen, zu wagen. Ich werde keine Enttäuschung aber auch keine Erfüllung mehr erleben. Ich ‚habe ja schon alles‘. Alles, was einen Menschen für uns anziehend, interessant, oder reizend erscheint, ist in der Transparenz nur noch eine Gemengelage von Gegebenheiten. Es ist keine Beziehung mehr möglich. Kein Wachsen mehr.

Gott ist ein NICHT-Transparenter, schenkt uns die Möglichkeit, Beziehung aufzubauen. Und das tut Er auch, indem Er so handelt, als wären wir für Ihn nicht transparent. Er lässt uns unsere Freiheit zum Nein und überhaupt, Er will, dass wir unsere Sünden Ihm, in Form Seines Leibes, der Kirche, bekennen, als ob Er sie noch nicht wüsste, Er schenkt uns in Seiner Unerkennbarkeit das Sehnen nach Ihm . . .

Gott sei gelobt, dass Er so liebend ist.

Euer Benedikt, der sich auf eure Gedanken freut.
Nassos
Beiträge: 4433
Registriert: 18.12.2008, 21:43

Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Nassos »

Lieber Benedikt,

gestern abend habe ich im Buch "The Year of Grace of the Lord", das ich von einem lieben Freund geschenkt bekommen habe (Gott möge ihn segnen, denn das Buch ist ein Gewinn!) über den ersten Fastensonntag gelesen - den Sonntag der Orthodoxie.
Ich habe dann mal schon etwas weitergelunst, denn kommenden Sonntag feiert einer meiner "Helden" der Hl. Gregor Palamas, der die Theologie "zuschnürte" was das Wesen bzw. die (unerschaffenen) Energien Gottes angeht.

Heute hatte ich in meinen Abendgebeten die Lesung aus dem Matthäusevangelium 15, 1-20. Dort geht es - ganz stark zusammengefasst - darum, dass das was wir sagen aus dem Herzen kommt. Alles Üble aus unreinem Herzen. Alles Gute aus reinem Herzen.

Und nun kommt Deine Frage nach der Transparenz Gottes. Transparent heißt ja auch durchsichtig. Aus dem Blickwinkel der apophatischen Theologie, den Lehren des Hl. Gregor Palamas (es sind ja genau genommen nicht seine Lehren, sondern er fasste zusammen, was die Väter der Kirche immer schon gesagt hatten, so zum Beispiel der Hl. Johannes Chrysostomus), das was wir über die Askese und das Jesusgebet (Herzensgebet) wissen und was die Ostkirche unter "Theologie" versteht, kann Transparenz kein Mittel zum Gottesvertrauen sein.

Ich möchte das etwas näher erklären. Theologie im orthodoxen Sinne ist, wenn ich das richtig verstanden habe, keine philosophische Suche des Menschen nach Gott, keine logischen Schlussfolgerungen (auch wenn mal ein logisches blindes Huhn auch mal in Körnchen zu finden vermag), sonder sie ist das, was Gott uns offenbart. Also nicht ein von-unten-nach-oben, sondern ein von-oben-nach-unten.
Offenbaren tut es Gott dem reinen Herzen, denn das vermag Gott zu schauen (genauer genommen seine Energien).

Transparenz würde ich dann so verstehen, dass ich Gott gesamt erfasst habe. Dazu müsste Er sich uns gesamt offenbaren. Aber wie kann ein beschränktes Geschöpf den unbeschränkten Schöpfer erfassen? Wie kann z.B. eine zweidimensionale Kreatur jemal eine dreidimensionale erkennen? Das ist nicht möglich.

Die Reinigung des Herzens ist die Theosis. Wenn wir uns anstrengen, wenn wir uns auf Gott ausrichten und auf Ihn zugehen, dann kommt uns Gott entgegen (insofern ist der Gebrauch des Wortes "gegenüber" in Ordnung, so lange man es geistlich versteht und nicht topologisch). Das ist die Synenergie. Das ist Seine Gnade. Durch diesen Weg erhält der Mensch Anteil an Seiner Heiligkeit und wird zum Heiligen.

Ich weiß, ich habe ganz schön ausgeholt. Aber unter Betrachtung dessen kommen wir nun zur verlangten Transparenz. Ich würde daraus schließen, dass dieser Wunsch dem entspricht, was Satan Adam süß einsäuselte, es ist der erste Schritt auf die Ursünde zu: es läuft darauf hinaus, selber Gott zu werden. Das ist es, was sich hinter dieser Aussage verbirgt.
Und wenn ich einen Menschen transparent oder gläsern machen will, dann mache ich das immerhin mit einem Abbild des Herrn. Das bedeutet für mich, dass es mir nicht darum geht, dass ich Vertrauen zu dem Menschen aufbaue, sondern dass ich ihn dadurch, dass ich ihn komplett und absolut nackt gemacht habe, ihn mir untertan mache.

Ich habe damit zu leben, mit dem, was mir mein Gegenüber von sich anvertraut. Und ich entscheide mich dann, ob ich ihm vertrauen kann oder nicht (nicht nur eine Entscheidung des Kopfes, sondern auch des Herzens). Eben in dieser Ungewissheit, die mich von der absoluten Kontrolle trennt, liegt mein Vertrauen.

Die Transparenz möchte zumindest den Glauben an Gott aufgeben und Gewissheit verschaffen. Aber das ist nicht der Weg. Der Weg wird auf Liebe zu Ihm basieren, denn nur auf dieser Grundlage kann ich den Weg der Theosis gehen. Begriffe wie "transparent" sollten keine Rolle mehr spielen. "Was Er ist oder nicht ist" - das überlasse ich doch Ihm. Weil ich daran glaube, dass ich Ihm vertrauen kann.

Und wenn ich das nicht im Herzen empfinde, dann mache ich es eben nicht. Ist ja meine Sache.

Benedikt, vielen Dank für diesen Beitrag. Er passt rein in die Gedanken, die ich in letzter Zeit hatte (die ich oben erwähnte) - nur von einer ganz anderen Seite. Insofern eine Bereicherung.
Ich werde mal mein Denken wieder etwas stärker zum Hl. Gregor Palamas ausrichten, den ich ja in wenigen Wochen auch in Thessaloniki besuchen werde.

S Bogom!
Nassos
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Mary
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Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Mary »

Lieber Benedikt,

ich danke Dir für diese Anregungen zum Weiterdenken....

ich setzt einfach mal an der Stelle an, die mir ins Auge springt.
ABER: Sind wir vielleicht Romantiker, die nicht verstehen wollen, da wir diese Unbestimmtheit von Mysterien genießen, uns in ihnen verstecken oder gar der Welt hochmütig den Rücken zuwenden, da wir ja so geistlich sind?
Das ist ja ein Vorwurf, den wir nicht selten hören, dass wir nicht verstehen wollten, wenn nicht sogar nicht verstehen könnten.

Ich erlebe es anders. Auch ich lese die Mystische Theologie, und ich ertappe mich dabei, eben gerade WISSEN ZU WOLLEN, und wenn es nur ist, wissen zu wollen, wie das NICHTwissen beschaffen ist. Was genau wissen wir denn nicht? Warum nicht? Wozu ist es gut? undsoweiter...
und ich habe den Verdacht, dass diese Suche nach Wissen, oder nach Nichtwissen, dann wenn sie Suche bleibt, auch hochwillkommene Ablenkung ist. Solange ich Begreifen will, muss ich mich nicht Aussetzen. Solange ich ÜBER Gott nachdenke und rede, kann ich es vermeiden, MIT Ihm zu reden und mich Ihm auszusetzen.

Ich finde deinen Ausruf am Ende deiner Ausführung deshalb so schön!
Gott sei gelobt, dass Er so liebend ist.
JA, genau dahin müssen wir gelangen, muss unser Nachdenken führen: Dass wir von Gott angerührt werden und Er Ablenkung nicht mehr erlaubt und wir Ihn preisen müssen!
Wenn unser Nachdenken und unsere Beschäftigung MIT Ihm uns ZU Ihm, dem Unerkennbaren führt, dann hat es seinen Sinn erfüllt.

Herr, wir GUT bist Du!

(ich fürchte, ich rede grad am Thema vorbei... verzeiht)
Maria
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Igor
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Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Igor »

Grüß Gott!

Mir fällt dazu spontan das Zitat aus 1 Joh 4,8 ein; kurz und prägnant:
"Gott ist die Liebe."
In Christo
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Als der Höchste hernieder fuhr, verwirrte Er die Sprachen, zerteilte Er die Völker, nun, da Er Feuerzungen ausgeteilt, ruft Er alle zur Einheit: Einmütig preisen wir deshalb den Heiligen Geist. (Pfingstkondakion im 8. Ton)
Ehemaliger
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Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Ehemaliger »

Lieber Igor,

ich kann deine Bemerkung nicht ganz zuordnen. Wolltest du uns helfen unser Liebesgestammel in eine Form zu bringen, dann danke ich dir herzlich.
Wolltest du aber eine Definition abliefern,(um dem Transparenzgestammel ein Ende zu bereiten) dann möchte ich sagen: die ist unvollständig. Gott ist mehr als die Liebe, denn ansonsten wäre die Liebe auch Gott, oder? A=B=A => A-B=0;

Gott ist auch der Weg, die Wahrheit, das Leben. Und auch mehr als das, als jedes Einzelne und als die Summe.
Liebe Grüsse
Benedikt
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Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Igor »

Lieber Benedikt!
Benedikt hat geschrieben:Lieber Igor,

ich kann deine Bemerkung nicht ganz zuordnen. Wolltest du uns helfen unser Liebesgestammel in eine Form zu bringen, dann danke ich dir herzlich.
Im weiteren Sinne ist meine Aussage so zu verstehen: Untermauerung des Diskutierten mit einem prägnanten Bibelzitat zum Thema.
Benedikt hat geschrieben:Wolltest du aber eine Definition abliefern,(um dem Transparenzgestammel ein Ende zu bereiten) dann möchte ich sagen: die ist unvollständig. Gott ist mehr als die Liebe, denn ansonsten wäre die Liebe auch Gott, oder? A=B=A => A-B=0;
Nein, das wollte ich nicht. Die Frage in Deiner ‚Herleitung‘ muss ich auch verneinen:

Der zitierte Satz lautet „Gott ist Liebe.“ und nicht „Gott ist gleich Liebe.“ Das ist keine mathematische Gleichung, und damit ist hier auch keine Gleichungsalgebra anwendbar (Kommutativgesetz etc.).

Gegenbeispiel zur Verdeutlichung: Aus dem Deklarativsatz „Das Haus ist ein Quader.“ lässt sich auch nicht ableiten, dass alle Quader Häuser sind oder, dass, wenn ich von allen Häusern die Quader subtrahiere, nichts mehr da ist.
Benedikt hat geschrieben:Gott ist auch der Weg, die Wahrheit, das Leben. Und auch mehr als das, als jedes Einzelne und als die Summe.
Ja; siehe die Diskussion in diesem Strang.

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Ehemaliger
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Re: Der Nicht-transparente Gott

Beitrag von Ehemaliger »

Guten Morgen Idor,

danke für die Klarstellung.

Ich bin sicher, dass wir einer Meinung sind (wiewohl man schon darüber diskutieren kann, inwieweit 'ist' die gleiche Bedeutung hat wie 'ist gleich'). Der Denkfehler liegt ja nicht in der Gleichung an sich sondern in der Tatsache, dass da ein 'Teil' (per Definition) mit dem Ganzen gleichgesetzt wird. Der Fehler liegt also VOR der Gleichung.
Ich denke aber, dass das uns, und auch anderen Menschen, allzuleicht passiert. Deine "Definition" habe ich allzuoft als 'Erklärung' für eigene Ansichten z.B. bezüglich der Allerlösungslehre oder auch des Zölibates, des Gerichtes oder auch der Einhaltung der Fastenregeln gehört. Zu oft, um daran vorbei zu gehen. Wenn wir solch eine Denk- und Argumentationsweise hinnehmen, dann machen wir Gott zum 'Haustier', der sich unserem (möglichst noch mit abgelösten Bibelstellen garnierten) Denken anzupassen hätte. Die Schrift also von uns her interpretiert, nicht wir auf die Schrift im Lichte der Kirche hin.

Ds war es ja, was mich so bewegte, als ich die Seiten in der 'Mystischen Theologie' gelesen habe: Wie sehr Gott unddenkbar ist und nur dadurch zum Gegenüber wird.

Dank sei Gott

Hab' einen schönen Tag
Benedikt
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