Auferstehung - von erlebter orthodoxer Spiritualität
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Anastasis+
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Auferstehung - von erlebter orthodoxer Spiritualität
aus dem Buch "Auferstehung - von erlebter orthodoxer Spiritualität"
von
Metropolit MICHAEL (Staikos), Metropolit von Austria, Wien
Die Kirche jubelt. Und die Osterikone verdeutlicht das wohl tiefste aller Glaubensgeheimnisse. In ihrer Grundform bleibt sie immer gleich: Adam wird aus der Unterwelt geholt. Christus ergreift seine Hand, in manchen Darstellungen auch die von Eva, er hält sie und lässt den – oder die – Gefallenen mit auferstehen.
Hände halten einander. Vielleicht ruft gerade diese Ikone im Westen kein Fremdgefühl hervor, vielleicht ist sie deshalb so beliebt, weil sie thematisch an Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle erinnert, dessen Zentrum ja die Berührung der schöpferischen Hand Gottes mit der Hand des Menschen ist. Oder, weil die katholischen Christen zu Ostern dem Erstandenen dieses Lied singen: „Der Sieger führt die Scharen, die lang gefangen waren, in seines Vaters Reich empor, das Adam sich und uns verlor...“
Der spirituelle Gehalt dieser Ikone ist ein sehr pragmatischer, wenn auch kein rationalistischer, wie wir ihn auf westlichen Auferstehungs-Darstellungen finden. Westliche Bilder zeigen fast immer diese Szene: Das Grab öffnet sich, die Soldaten erschrecken, Christus ersteht mit einer Fahne in der Hand ... Die Orthodoxe Kirche wurde, besonders im 19. Jahrhundert, von derlei Bildern sehr irritiert, weil sie Versuche sind, das Unverständliche zu verstehen, das Unerklärliche erklären zu wollen. Sobald wir aber das Unverständliche verstehen und das Unerklärliche erklären können, brauchen wir kein Mysterium. Denn dieses beginnt ja genau dort, wo der menschliche Verstand aufhört und die Augen, die Ohren, die Sinne der Seele und des Geistes anfangen. Ein größeres Mysterium als die Auferstehung Christi gibt es nicht. Dieses Mysterium ist die Grundlage aller Geheimnisse der Kirche.
Im Gegensatz zu den westlichen Darstellungen ist das orthodoxe Auferstehungsbild ein erlösendes, und die Osterikone trägt den Namen „Das Hinabsteigen Christi in die Unterwelt“.
„Du stiegst bis in die tiefste Erde hinab und zerbrachst die ewigen Riegel, die festhielten die Gequälten, Christus, und nach drei Tagen, wie Jonas aus dem Ungeheuer, stiegst du herauf aus dem Grab.
Das Fest der Feste bedeutet in der Orthodoxie praktisch die Erfüllung des Planes Gottes, sein Geschöpf nicht zu behandeln wie eine Uhr, die irgendwann aufgezogen und danach ihrem Schicksal überlassen bleibt, sondern die fortwährend gewartet wird. Einen Schöpfer, der sein Geschöpf alleinzulassen gedenkt, kennen wir nicht, dafür aber einen, der sein Geschöpf ununterbrochen begleitet, ohne die von ihm geschenkte Freiheit beeinträchtigen zu wollen. In diesem Sinne ist der Höhepunkt aller Feiertage des Jahres auf den Ostersonntag konzentriert, während alle übrigen – Weihnachten, die Taufe Christi usw. – den Weg dorthin bilden. Den Weg zur Erlösung, zur Auferstehung.
Selbst der Karfreitag ist eine Station dorthin. Deshalb endet auch der Passionshymnus „Heute hängt am Holz ...“ mit dem Vers: „Wir beten deine Passion an, zeige uns aber auch deine glorreiche Auferstehung“, das heißt: „Wir beten dein Kreuz an, und wir verherrlichen deine Auferstehung.“ Sie ist das Ziel der Ziele, jedem erreichbar, nichts und niemanden ausschließend.
Genau das bringt die Auferstehungsikone zum Ausdruck: Die Tore zum Hades zerschlägt Christus, er steigt herab in den Hades, um Adam und Eva, stellvertretend für alle Männer und Frauen (oder nur Adam, stellvertretend für das gesamte Menschengeschlecht) herauszuholen zur Auferstehung. Zusammen mit allen Gerechten, mit allen Heiligen, mit allen Menschen, die gerettet werden müssen. Mit allen Nachkommen von Adam und Eva, ob heilig oder nicht, das ganze Menschengeschlecht.
Es gibt einen Brauch, der das Geschehen symbolisch innerhalb der Liturgie zum Ausdruck bringen soll. Er entstammt dem zypriotischen Brauchtum, ist aber auch in anderen griechischen Gegenden lebendig und wurde von den Zyprioten auch in Wien eingeführt: Am Morgen des Karsamstag, beim ersten Auferstehungsgottesdienst, wird gesungen: „Erheb dich, Gott, und richte die Erde! Denn alle Völker werden dein Erbteil sein“ (Ps 82,8 ).Und während der Priester mit der Auferstehungsikone aus dem dunklen Altarraum tritt, während erstmals die Glocken läuten und Lorbeerblätter als Zeichen des Sieges gestreut werden, fangen die Gläubigen an, mit verschiedenen Gegenständen Lärm zu schlagen. Kinder, Alte, Jugendliche, sie alle klopfen auf die Stühle, schlagen metallene Gegenstände aneinander, hantieren mit allem, was klirrt und klappert, bis ein unvorstellbarer Lärm die Kirche erfüllt. Gemeint ist jener Lärm, der entsteht, wenn Christus die Tore zum Hades zerschlägt. (Man sieht auch auf der Ikone die beiden Tore kreuzförmig übereinanderliegen.)
Diese Szene, in welcher der Priester singt, die Glocken läuten und das Volk Lärm aller Art erzeugt, war hierorts unbekannt, hat sich aber so stark etabliert, daß dieser Morgengottesdienst heute zu den beliebtesten des Jahres gehört. Die Kirche ist voll, man hat sich diesen Brauch unterdessen allgemein angeeignet.
Das beweist folgendes. Wenn man die offizielle Lehre der Kirche, die sich selbstverständlich nicht modifizieren lässt im Hinblick auf die Verstehensmöglichkeiten der Gläubigen, auf eine menschliche Art und Weise unterstützt, wenn man zulässt, diese Lehre auf menschliche Art und Weise auszudrücken, dann bleibt genügend „Verstehensraum“ für die Gläubigen.
Lärm und Feuer, dabei entsteht oft eine Stimmung, die man nicht rational erfassen kann. Und die Kirche lässt ihr freien Lauf. Denn die „Stimmung“ läuft ja auf Frömmigkeit hinaus, ohne Frömmigkeit entstünde sie überhaupt nicht. Wenn der Mensch durch strenge Liturgien, durch Ikonen, durch Mysterien immer nur gezügelt wird, dann muss er irgendwann jenen freien Raum finden, der nicht minder seine Religiosität zum Ausdruck bringt: Ostern ist ein Fest, das offen gezeigte Freude geradezu herausfordert. Deshalb singt die Kirche:
„Tag der Auferstehung, an dem wir erglänzen und einander in Festfreude umarmen. Sagen wir es, Brüder, auch denen, die uns hassen, verzeihen wir allen der Auferstehung wegen, und lasst uns rufen: Christ ist von den Toten erstanden, den Tod durch den Tod zertretend und denen in den Gräbern das Leben schenkend.“
Und der Kirchenvater, der heilige Johannes Chrysostomos (+ 14.9.407 in der Verbannung), vermittelt die Freude der Kirche in seiner Katechetischen Rede zum Ostersonntag, die zum festlichen Abschluss der Osterliturgie gehört ...
Also bezeugen Osterikone und Hymnen des Festes nicht nur die Rettung des ganzen Menschengeschlechts. Sie unterstreichen auch den besonderen Charakter der Gemeinschaft aller Gläubigen.
Metropolit Staikos, Auferstehung, von erlebter orthodoxer Spiritualität, Wien 2000, S. 108 ff.
hier aus Quelle: http://www.orthodoxfrat.de/
meine Zuflucht der Sohn,
mein Schutz der Heilige Geist.
Heilige Dreiheit, Ehre sei dir.