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Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Sebastian
Beiträge: 956
Registriert: 16.12.2008, 13:46
Religionszugehörigkeit: Orthodox (MP)

Verhaltensweisen

Beitrag von Sebastian »

Liebe Freunde, Brüder und Schwestern!
Der Herr ist auferstanden!

Seit längerem stelle ich mir die Frage, warum sich in vielen Gemeinden (beobachtet in serbischen und rumänischen Gem.) nur die Frauen bei der Evangeliumslesung hinknien und die Männer stehen bleiben, bzw. ihren Kopf senken. Wieso ist das so? Ich meine, ich gehe doch in das Haus Gottes um mich vor unserem Heiland und Erlöser zu erniedrigen und nicht um mich ?über die Frauen zu stellen?. Bin ich denn besser, als die Frau neben mir? Ich halte es in Zukunft so, wenn ich das Bedürfnis verspüre, werde ich mich auch hinknien - egal, ob die anderen das lustig finden, unangebracht oder sonstwas.

Oder gehe ich mal wieder falsch an die Sache ran?

Was meint Ihr?

Liebe Grüsse in Christi Jesu Liebe
Sebastian
Ehre sei Dir oh Herr

Beitrag von Ehre sei Dir oh Herr »

Hallo Sebastian,

Grundsätzlich wird an Sonntagen nicht gekniet, weil dies der Tag der Auferstehung ist (also von Samstagabend bis Sonntagabend). So hat es schon das erste Ökumenische Konzil (325 in Nicea) beschlossen. Die westliche (röm.-kath.) Praxis weicht davon, wie so oft schon, ab. Am Sonntag, dem "Tag des Herrn" freuen wir uns über Seine Auferstehung, während das Knien (in der orthodoxen Praxis *steht* man genau genommen nie auf Knien, sondern man fällt vor Gott nieder - mit der Stirn zu Boden) Ausdruck der Buße ist.

Wenn ich aber das Bedürfnis habe vor dem Herrn niederzufallen, wird mich deswegen aber niemand rausjagen :)
Zu Hause oder bei der Beichte ist es aber auch am Sonntag erlaubt.

Doch diese Kanones gehen von anderen Voraussetzungen, als den heutigen aus. Die Christen früherer Zeiten waren keine "Sonntagsbesucher", sondern lebten den Glauben unter der Woche auch in den Kirchen. Für sie war Buße unter der Woche angesagt, während der Tag der Auferstehung jedesmal ein Fest war. Wir "Ein-Mal-pro-Woche-Christen" (wenn´s hochkommt) leben nun mal in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt. Bei uns vollzieht sich das ganze kirchliche Leben komprimiert an den Sonn- und Feiertagen - also auch die Beichte. Zudem hat ja die Liturgie einen nicht zu verkennenden Bußcharakter. Der Christ tut immer Buße, auch im Moment der größten geistlichen Freude denkt er an seine Unwürdigkeit.

So hat es mir mein Vater erklärt und es ist für mich sehr einleuchtend...

Was es mit den Frauen aufsich hat weiß ich auch nicht. Mit persönlich ist es egal ob Frau oder Mann neben mir steht und betet, sind wir doch alle Kinder unseres Vaters.
Wobei ja traditionsgemäß die Frau gegenüber der Gottesmutter und der Mann gegenüber unserem Herrn steht (Ikonostase)...

Vielleicht kann ja Vater Peter noch einige Worte dazu schreiben... :oops:

Herzliche Grüße und Euch allen einen schönen Sonntag noch.

herzlichst René
protopeter
Priester
Beiträge: 698
Registriert: 24.07.2006, 21:21
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Beitrag von protopeter »

Lieber Br. Sebastian !

In der Frage, welche "Haltung" während der Evangeliumslesung einzunehmen ist, kann auf folgende Sachlage verwiesen werden: Gemäß den gottesdienstlichen Texten und dem Typikon entsprechend fordert der Diakon oder der Priester mit den Worten: "Weisheit - steht/stehen wir aufrecht; laßt uns das Heilige Evangelium hören !" zur vollen Aufmerksamkeit gegenüber der Verkündung von Gottes offenbartem Wort auf. In der aufrechten Körperhaltung drückt sich die Hinwendung zur Erlösungsbotschaft und gleichzeitig die Bereitschaft, sie in die Tat umzusetzen, aus.

Das Knien ist dagegen die Demutshaltung par excellence, deren Ursprung in der Zeit der Christianisierung der Goten und Franken zu finden ist und die auf diese spezifische Weise die Verehrung Gottes durch Unterwerfung unter Sein Wort zum Ausdruck bringt; dieser Gestus war im byzantinisch-orthodoxen Kulturraum ursprünglich nicht bekannt und kam durch Berührung mit römisch-katholischen Kreisen (in denen das Knien allerspätestens seit dem Spätmittelalter verbreitet war) bei den Serben, Rumänen und in der Westukraine teilweise in Gebrauch.

Nun würde ich aber keinesfalls soweit gehen, dies als "absolut falsch" zu bezeichnen - diese Praxis ist eben nicht dem allgemeinen orthodoxen Gebrauch entsprungen, wobei es allerdings vollkommen unsinnig wäre, hier an der Rechtgläubigkeit derjenigen Orthodoxen, die sich so verhalten, zu zweifeln. Von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit erscheint mir in diesem Kontext die Feststellung, mit dieser Körperhaltung seinem eigenen innersten religiösen Empfinden entsprechenden Ausdruck zu verleihen; eine solche Grundintention kann niemals als unpassend beurteilt werden.

In der Gnade Unseres auferstandenen Herrn grüßt
Erzpr. Peter
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Sebastian
Beiträge: 956
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Religionszugehörigkeit: Orthodox (MP)

Beitrag von Sebastian »

Lieber René und lieber Vater Peter!

habt beide Dank für Eure Erläuterungen. Das macht die Sache schon ein wenig verständlicher.

In der Liebe unseres auferstandenen Herrn grüsst zurück

Sebastian
talitaNeu
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Das Wort war bei Gott =Und das Wort war Gott - Jesus

Beitrag von talitaNeu »

Wenn ich mich also dem Wort unterwerfe, unterwerfe ich mich Jesus. Also gerne :-)

Ich denke das eine weitere Erklärung auch ist, dass man vor Könige kniet, und Gott ist König.
Außerdem verstehe das Evangelium besser, wenn ich mich hinknie in der Kirche irgendwie.

Ich empfinde es als Stärke vor Gott Schwäche und Demut zu zeigen und dazu zu stehen. Den in den Schwachen ist der Herr Gott stark. Da ist es auch mal schön das schwächere Geschlecht zu sein.
Milo
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Registriert: 19.06.2009, 23:00
Wohnort: Stuttgart

Beitrag von Milo »

Grüß Gott!

Also ich kenne das auch nicht, das man sich während der Liturgie hinkniet...
das was ich kenne ist, das wenn der Diakon/Priester das Evangelium liest, das dann welche Gläubige (Männer wie Frauen) den Schutz unter dem Podest (von wo das Evangelium gelesen wird) suchen. Ich glaube das es einen anderen Zusammenhang damit hat...wahrscheinlich zum gesundheitlichem Segen durch das erlösende Wort, welches, wie unsere Schwester Aleksandra richtig anmerkt, Gott selbst ist.

Das sind meine Beobachtungen.

Christus unter uns,

Milo
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