Alexej hat geschrieben:Ich muss ehrlich gestehen, dass ich keine tiefgehende textologische Analyse zwischen Textus Receptus und Novum Testamentum Graece machen kann bzw. würde es einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen.
Irgendwo gibt es eine Liste von ich glaub 300 Veränderungen zwischen TR und NA. Ich habe das Ding mal gesehen, und dabei handelte es sich nicht um Kleinigkeiten. Denn
komischerweise finden sich solche Veränderungen nämlich nicht etwa (wie man annehmen sollte) statistisch verteilt - sondern immer gerade an solchen Stellen, in denen z.B. Jesus Christus klar als Gottes Sohn bezeugt wird, oder in denen es um das Erlösungswerk durch sein Blut geht. Und
komischerweise sind diese nicht vorhandenen Zeugnisse auch genau solche Aussagen, die der seinerzeit in der Herkunftsregion der ägyptischen Papyri vorherrschenden Philosophie (Gnosis) ein Dorn im Auge war.
Hinzu kommt, dass Aland selber ganz offen sagt, dass die oberägyptischen Schreiber einen sehr "freizügigen" Umgang mit dem Text gehabt haben; sie hatten sich durchaus die Freiheit genommen, selber was dazu zu ergänzen oder was wegzulassen. Sie kamen darauf, weil sie bei ihren Forschungen so viele Schreibfehler und so viele willkürliche Auslassungen und Ergänzungen in diesen ägyptischen Handschriften fanden.
Seit ich das weiß, halte ich diese Unterschiede zwischen NA und TR bzw. MT jedenfalls weder für zufällig, noch für unbedeutend. Und wie gesagt, diese Zusammenstellung der 300 abweichenden Stellen müsste ja auch noch irgendwo zu finden sein......
die orthodoxe Textologie nimmt durchaus an, dass Bibeltexte während der Jahrhunderte Veränderungen erfuhren sei es durch das Abschreiben oder durch das Interpretieren.
Soweit ich weiß, war die orthodoxe Kirche voller Traditionalisten, die sehr genau drauf geachtet haben, dass jeder Buchstabe festgehalten und genau weitergegeben wird.
OK, dann nehm ich es auf meine Kappe, dass
ich es Dir nicht gut erklären konnte. Aber vielleicht magst Du ja weiter "forschen", bis Du auf jemanden triffst, der es Dir mit Worten erklärt, die Dich besser erreichen.
Aber mal ehrlich, spielt es denn für uns heute eine zu große Rolle?
Ich denke, wir leben heute in einer Zeit, in der ein anderes Evangelium gepredigt wird. Und zwar das Evangelium des Verstandes, die gute Nachricht "folge nur dem, was dein Verstand dir sagt, tue, was vernünftig ist, und du hast ein gutes Leben und Frieden auf der Welt".
Außerdem leben viele heute mit anderen Religionen Tür an Tür, und buddhistische oder astrologische Schriften sind mittlerweile leichter zu bekommen als wortgetreue Bibelübersetzungen.
Hinzu kommt noch die Einstellung bei vielen, dass "alles relativ" sei: dass es gar keine Wahrheit gäbe, sondern jeder nur eine unterschiedliche Sichtweise des Menschen, der Welt und des Lebens habe, wobei letztlich alle diese Sichtweisen individuell wahr seien und somit ihre Berechtigung hätten.
Und wenn man in so einer Welt lebt, und dabei auch offen vor Menschen das Zeugnis des Herrn ablegen will, dann muss man wirklich ganz genau bis ins Letzte hinein kapiert haben, was man glaubt und warum gerade das (und nicht irgendwas anderes) überhaupt so glaubwürdig ist.