Nachdem ich diesen Beitrag verfasst hatte, fiel mir ein, dass ich zu dem Thema vor Urzeiten doch einmal etwas gelesen hatte. Wo war es nur? Heute hatte ich Zeit durch das Bücherregal zu gehen und fand es. Nachfolgend, was C.S. Lewis in "Pardon, ich bin Christ" auf die Frage geschrieben hat. (Anm., er gehörte der anglikanischen Kirche an!)
3. Zeit und Ewigkeit
Im letzten Kapitel kam ich auf das Beten zu sprechen, und ich möchte den noch ganz frischen Eindruck dazu nutzen, mich mit einer Schwierigkeit zu beschäftigen, die viele Menschen im Blick auf das Beten haben.
Einer meiner Leser formulierte es so: "Ich kann durchaus an Gott glauben, aber was ich nicht schlucken kann, ist die Vorstellung, daß Gott auf das Gebet einiger hundert Millionen Menschen hören kann, die alle gleichzeitig zu ihm beten." Und ich habe festgestellt, dass viele Menschen so denken.
Der eigentliche Haken liegt dabei in dem Ausdruck "gleichzeitig". Die meisten von uns können sich vorstellen, daß Gott eine beliebige Zahl von Bittstellern hören kann, wenn sie nur einer nach dem anderen zu ihm kommen und ihm eine unbegrenzte Zeit zur Verfügung steht. Unser Problem liegt demnach in der Vorstellung, daß Gott einfach zuviel in einen einzigen Augenblick hineinpressen muß.
Nun, als Menschen müssen wir freilich so denken. Wir leben von einem Augenblick zum anderen. Der eine Augenblick vergeht, ehe der nächste kommt; und jeder einzelne läßt uns nur wenig Spielraum. das ist das Wesen der Zeit. Und natürlich halten wir es alle für selbstverständlich, daß diese Zeitfolge, dieses Gefüge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nicht nur für unser Leben gilt, sondern für alle Dinge. Wir neigen zu der Annahme, das ganze Universum und sogar Gott selbst bewegten sich ständig aus der Vergangenheit in die Zukunft, genau wie wir. Aber viele Gelehrte sind nicht dieser Ansicht. Die Theologen waren die ersten, die auf den Gedanken kamen, daß einige Dinge gar nicht in der Zeit sind. Später haben die Philosophen diesen Gedanken übernommen; und heute sind auch einige Naturwissenschaftler dieser Meinung.
Ziemlich sicher ist Gott nicht in der Zeit. Sein Leben besteht nicht aus aufeinanderfolgenden Augenblicken. Wenn heute abend um halb elf eine Million Menschen zu ihm beten, braucht er ihnen nicht in dem einen kleinen Augenblick zuzuhören, den wir halb elf nennen. Half elf - und jeder andere Augenblick seit dem Anfang der Welt - ist für ihn Gegenwart. Wir können es auch so sagen: Ihm steht die ganze Ewigkeit zur Verfügung, um das Stoßgebet zu hören, das ein Pilot im Bruchteil einer sekunde betet, wenn seine Maschine brennend abstürzt.
Ich weiß, diese Vorstellung ist schwierig. Und ich will versuchen, ein ähnliches Beispiel zu geben. Nehmen wir an, ich schreibe einen Roman. Darin kommt folgender Satz vor: "Maria legte ihre Arbeit nieder; im nächsten Augenblick klopfte es an die Tür."
Für Maria, die in der Phantasiezeit meiner Erzählung zu leben hat, liegt kaum eine Sekunde zwischen dem Niederlegen ihrer Arbeit und dem Klopfen an der Tür. Ich aber, als Marias Schöpfer, lebe nicht in dieser Phantasiezeit. Zwischen der Niederschrift der ersten und der zeiten Hälfte dieses Satzes sitze ich vielleicht drei Stunden da und denke unentwegt über Maria nach. Ich könnte über Maria so nachdenken, als wäre sie die einzige Gestalt in dem Buch, und so lange, wie ich will, und die Stunden, die ich damit zubringe, würden in Marias Zeit (der Zeit innerhalb der Erzählung) überhaupt nicht erkennbar sein.
Dies ist natürlich kein vollkommenes Beispiel. Aber es mag ungefähr einen Begriff von dem geben, was ich für die Wahrheit halte. Gott wird so wenig vom Zeitstrom der Welt fortgerissen wie der Schriftsteller von der Phantasiezeit seines Romans. Gott kann jedem von uns unbegrenzte Aufmerksamkeit schenken. Er braucht uns nicht "en masse" abzufertigen. Jeder einzelne steht so allein vor ihm, als wäre er das einzige Wesen, das Gott erschaffen hat. Als Christus starb, starb er für jeden einzelnen von uns so, als ob jeder von uns der einzige Mensch auf dieser Welt wäre.
In einer Hinsicht ist mein Beispiel unzulänglich. In ihm wechselt der Schriftsteller nur aus einer Zeitrelation in die andere hinüber, aus der Zeit der Erzählung in die wirkliche. Aber Gott, so glaube ich, lebt überhaupt nicht in irgendeiner Zeitrelation. Sein Leben verrinnt nicht Sekunde für Sekunde wie unser Leben. Für ihn ist es sozusagen noch 1920 und schon hundert Jahre weiter. denn sein Leben ist er selbst.
Wenn wir die Zeit als eine gerade Linie zeichnen wollen, auf der wir entlangreisen, dann müssen wir uns Gott als das ganze Blatt vorstellen, auf dem die Gerade gezogen wurde. Wir gelangen nacheinander zu den einzelnen Punkten der Linie. Wir müssen A hinter uns lassen, ehe wir zu B kommen, und können nur C erreichen, wenn wir B hinter uns lassen. Gott aber ist außerhalb und oberhalb und rund um diese Linie; er ist überall und überschaut sie ganz.
Es lohnt sich, diesem Gedanken nachzugehen, weil er manche scheinbare Schwierigkeit des christlichen Glaubens aus dem Weg räumt. Ehe ich Christ wurde, hatte ich unter anderem folgenden Einwand: "Die Christen behaupten, der ewige Gott, der überall ist und alles in Bewegung hält, wurde einst Mensch. Schön, sagte ich, wie aber konnte das ganze Universum weiter funktionieren, während er in den Windeln lag oder schlief? Wie konnte er zur selben Zeit allwissender Gott sein und als Mensch seine Jünger fragen: "Wer hat mich berührt?" Wohlgemerkt, der Haken liegt wieder bei der Zeitbestimmung: "während er in den Windeln lag", "wie konnte er zu gleicher Zeit..."
Mit anderen Worten, ich ging davon aus, dass Christi Leben als Gott ein Leben in der Zeit war und sein Leben als Mensch einen kürzeren Zeitabschnitt umfaßte, der aus eben jener Zeit herausgenommen worden war; etwa so, wie meine Dienstzeit in der Armee ein kürzerer Zeitabschnitt aus meinem gesamten Leben ist. Und wahrscheinlich haben die meisten von uns ähnliche Vorstellungen. Wir sehen einen Gott, der bereits lange vor seinem Erdenleben existierte; dann kam die Zeit seines irdischen Daseins und dann wieder eine Zeit, in der er darauf zurückblicken konnte. Doch vermutlich entsprechen diese Vorstellungen keineswegs den Tatsachen. Wir können Christi irdisches Leben in keine zeitliche Beziehung zu seinem Leben als Gott jenseits von Raum und Zeit setzen.
Es ist sicher eine zeitlose Wahrheit über Gott, daß die menschliche Natur und die menschlichen Erfahrungen von Schwäche, Unwissenheit und Schlaf auch irgendwie in seinem göttlichen Leben vorhanden sind. Dieses menschliche Leben in Gott ist aus unserer Sicht gesehen ein bestimmter Abschnitt der Weltgeschichte, der vom Jahres eins bis zur Kreuzigung dauerte. Wir meinen deshalb, es müsse auch in der Geschichte von Gottes eigener Existenz ein bestimmter Zeitabschnitt sein. Aber Gott hat keine Geschichte. Er besitzt eine zu vollkommene und ausschließliche Wirklichkeit.
Denn Geschichte zu haben, bedeutet natürlich, einen Teil seiner Wirklichkeit zu verlieren (weil er schon Vergangenheit ist) und einen anderen Teil noch nicht erlangt zu haben (weil er noch in der Zukunft liegt); es heißt, praktisch nichts anderes zu haben als dieses kleine Stückchen Gegenwart, das bereits vergangen ist, noch ehe wir davon sprechen können. Gott bewahre, daß wir ihn uns so vorstellen. Selbst wir dürfen hoffen, daß wir nicht immer in diese Zeitfolge eingebunden bleiben. Wenn wir glauben, Gott sei an die Zeit gebunden, ergibt sich noch eine andere Schwierigkeit. Jeder, der überhaupt an Gott glaubt, ist auch davon überzeugt, daß Gott weiß, was er oder jeder andere morgen tun wird. Aber wenn Gott weiß, daß ich so oder so handeln werde, wie kann ich dann die Freiheit haben, anders zu handeln? Auch dieses Problem ergibt sich aus der Vorstellung, daß Gott sich wie wir auf einer Zeit-Linie bewegt, mit dem einzigen Unterschied, daß er die Dinge voraussehen kann. Wenn das richtig wäre, wenn Gott unsere Handlungen voraussehen könnte, dann wären wir in unseren Entscheidungen wirklich nicht mehr frei.
Aber nehmen wir an, Gott stehe außerhalb und über der Zeit. Dann ist für ihn das, was wir "morgen" nennen, auf die gleiche Weise sichtbar wie das, was wir "heute" nennen. Alle Tage sind für ihn "jetzt". Er "erinnert" sich nicht an das, was wir gestern getan haben; er sieht uns nur tun; denn er hat das Gestern nicht verloren wie wir. Er "sieht" auch nicht "voraus", was wir morgen tun werden. Er sieht nur, was wir tun, denn das Morgen liegt nicht so vor ihm wie für uns. Wir fühlen uns im gegenwärtigen Moment nicht deshalb in unserer Handlungsfreiheit eingeschränkt, weil Gott weiß, was wir tun. Ebenso weiß Gott nun, was wir morgen tun werden, weil er schon im Morgen ist und uns einfach zusehen kann. In gewisser Weise kennt Gott unser Tun erst, wenn es getan ist. Aber auf der anderen Seite ist der Augenblick, in dem wir es tun, für ihn schon Gegenwart.
Diese Vorstellung hat mir viel geholfen. Wem sie nicht hilft, der sollte sich allerdings nicht daran klammern. Sie ist "christlich" in dem Sinne, daß viele kluge und bedeutende Christen sie für richtig halten und daß sie nicht im Widerspruch steht zu den übrigen Lehren des Christentums. Doch finden wir sie nicht in der Bibel und auch in keinem Glaubensbekenntnis. Wir können genauso gute Christen sein, wenn wir mit diesen Ausführungen nicht übereinstimmen oder uns gar keine Gedanken machen über diese Frage.
Leider bleibt er relative vage bei vielen Angaben (Theologen, kluge und bedeutende Christen usw.). Mich würde sehr stark interessieren, was die Lehre der Kirche dazu ist? Und was denkt ihr darüber? Finde das ein spannendes Thema.