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Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 06:39
von Hermann
5-o-clock-tea hat geschrieben:Die kath. Version der Oikonomia ist dafür die Annullierung.
Ich finde diese Version problematisch. Denn Annullierung heißt nichts anderes, als das festgestellt wird, dass die Ehe nie bestanden hat. Doch wer kennt schon so genau das Innere eines anderen Menschen - und schließlich, hat nicht jeder irgendwie einen Knacks und eine 100-prozentige, reife, freie Entscheidung gibt es doch seit der Vertreibung aus dem Paradies ohnehin nicht mehr. Untergräbt die heutige Annullierungspraxis nicht das Ehesakrament? Eigentlich sollte man sich entscheiden: Annahme des Prinzips der Ikonomia oder der Strenge (Annullierung nur mehr in ganz offensichtlichen Fällen, etwa bei vorgehaltener Waffe oder Entführung)
LG Hermann
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 10:39
von Andromachi
Meine Kusine hat sich scheiden lassen, als sie erfuhr, dass ihr Mann eine Freundin hatte, die er nicht aufgeben wollte. Diese Frau hat er auch tatsächlich nach der Scheidung geheiratet. Jahre danach ging meine Kusine zur Beichte und sagte dem Priester, dass sie noch Gefühle der Bitterheit gegenüber ihrem Ex-Mann hege. Und der Priester antwortete: Das ist verständlich. Aber du musst wissen, er erscheint mit dem Kranz EURER Ehe vor das himmliche Gericht.
Ich möchte diese Aussage mit der Diskussion über die Annullierung in Beziehung setzen und möchte fragen, wie wir das verstehen.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 13:25
von Stephanie
Hermann hat geschrieben:5-o-clock-tea hat geschrieben:Die kath. Version der Oikonomia ist dafür die Annullierung.
Ich finde diese Version problematisch. Denn Annullierung heißt nichts anderes, als das festgestellt wird, dass die Ehe nie bestanden hat. Doch wer kennt schon so genau das Innere eines anderen Menschen - und schließlich, hat nicht jeder irgendwie einen Knacks und eine 100-prozentige, reife, freie Entscheidung gibt es doch seit der Vertreibung aus dem Paradies ohnehin nicht mehr. Untergräbt die heutige Annullierungspraxis nicht das Ehesakrament? Eigentlich sollte man sich entscheiden: Annahme des Prinzips der Ikonomia oder der Strenge (Annullierung nur mehr in ganz offensichtlichen Fällen, etwa bei vorgehaltener Waffe oder Entführung)
LG Hermann
Entschuldige bitte Hermann, ich glaube ich habe mich da gestern Nacht a bisserl missverständlich ausgedrückt - war ja auch schon spät.
Ich wollte nur sagen, dass die viel zitierte Unauflösbarkeit der röm.kath. Ehe in der Realität so auch nicht mehr gelebt und behandelt wird - von praktizierenden Katholiken, was alle Anderen machen ist ja in diesem Zusammenhang uninteressant. (Was natürlich nicht den Umkehrschluss zulässt, dass es keine katholische Ehen gäbe, die dieses Verständnis noch leben!)
Ich wollte das gar nicht beurteilen. Nur feststellen, dass die Realität, zumindest in Deutschland, deutlich vom postulierten Anspruch und Ideal abweicht und - und dies ist ja der springende Punkt - eigentlich auch vom Kirchenrecht.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 13:45
von Stephanie
Andromachi hat geschrieben:Meine Kusine hat sich scheiden lassen, als sie erfuhr, dass ihr Mann eine Freundin hatte, die er nicht aufgeben wollte. Diese Frau hat er auch tatsächlich nach der Scheidung geheiratet. Jahre danach ging meine Kusine zur Beichte und sagte dem Priester, dass sie noch Gefühle der Bitterheit gegenüber ihrem Ex-Mann hege. Und der Priester antwortete: Das ist verständlich. Aber du musst wissen, er erscheint mit dem Kranz EURER Ehe vor das himmliche Gericht.
Ich möchte diese Aussage mit der Diskussion über die Annullierung in Beziehung setzen und möchte fragen, wie wir das verstehen.
Liebe Andromachi, ich verstehe nicht ganz, was du meinst, kannst du das bitte nochmal näher ausführen?
Möchtest du wissen, wie die
Orthodoxie damit umgeht, dass die Ehe geschieden und eine neue eingegangen wurde - in Bezug auf die priesterliche Aussage?
Ich bin sicherlich die Falsche um das zu beantworten und kann nur sagen, dass ich ungern darüber spekuliere, wie Gott sich verhalten, wie Gott urteilen wird.
Oder möchtest du wissen, welche Position die
kath. Kirche (der Begriff der Annullierung ist nämlich kath. etwas ganz anderes als eine Scheidung!) vertritt, in Bezug auf die Aussage des orth. Priesters?
Denn eine Annullierung ist eine Ehenichtigkeitserklärung, d.h. die Ehe wird für ungültig erklärt, das Sakrament hat keine Gültigkeit erlangt - die Ehe hat nie existiert. Zu deutsch: du warst nie verheiratet. Und dafür sind eben eigentlich nur schwer wiegende Gründe möglich.
Das Andere ist eine Trennung. Diese kann natürlich erwirkt werden, aber dann bleiben die Ehebande weiterhin bestehen, du kannst nicht neu heiraten (das bezieht sich natürlich nur auf die kirchliche Trauung) und jedes Zusammenleben mit einem neuen Partner ist...eben Sünde.
Und dann gibt es noch so spezielle Fälle, die kann ich aber nicht darlegen, dafür muss man Priester sein, denn dabei handelt es sich wirklich um sehr spezifisches Kirchenrecht: Das betrifft alle Ehen, die mit einem Nichtkatholiken stattfanden und zu Gunsten einer neuen Ehe mit einem Katholiken aufgelöst werden sollen.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 18:17
von Andromachi
Liebe 5-o-clock-tea. Ich kenne keine Einzelheiten über die katholische Ehe, nur soviel, dass es bei den Katholiken keine Scheidung gibt. Aber ich muss gestehen, mich interessiert eigentlich nur die Situation bei uns Orthodoxen. Und was mich bei den Worten des Priesters beeindruckte war, dass dieser Kranz, den die frisch Vermählten tragen, kein symbolischer ist, sondern man bekommt ihn von Christus wirklich, wenn man im Himmel erscheint, falls man die Treue seinem Lebenspartner gegenüber gehalten hat. Falls nicht, steht man leer da und muss dafür Rechenschaft ablegen.
Und wer hier im Forum verheiratet ist, weiss, dass man wirklich den Kranz des Märtyrers verdient, wenn man in den Zeiten der Krise seine Ehe bis zum Ende rein gahalten hat.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 21:02
von holzi
Andromachi hat geschrieben:Und wer hier im Forum verheiratet ist, weiss, dass man wirklich den Kranz des Märtyrers verdient, wenn man in den Zeiten der Krise seine Ehe bis zum Ende rein gahalten hat.
Oh ja! Bei mir sind's zwar grade mal zehn Jahre, aber ich verstehe gut, was du meinst.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 23.05.2011, 21:42
von Nassos
Andromachi hat geschrieben:Und wer hier im Forum verheiratet ist, weiss, dass man wirklich den Kranz des Märtyrers verdient, wenn man in den Zeiten der Krise seine Ehe bis zum Ende rein gahalten hat.
Bzw. den anderen den Kranz verdienen lässt.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 24.05.2011, 11:03
von rafaella
Andromachi hat geschrieben:Meine Kusine hat sich scheiden lassen, als sie erfuhr, dass ihr Mann eine Freundin hatte, die er nicht aufgeben wollte. Diese Frau hat er auch tatsächlich nach der Scheidung geheiratet. Jahre danach ging meine Kusine zur Beichte und sagte dem Priester, dass sie noch Gefühle der Bitterheit gegenüber ihrem Ex-Mann hege. Und der Priester antwortete: Das ist verständlich. Aber du musst wissen, er erscheint mit dem Kranz EURER Ehe vor das himmliche Gericht.
Ich möchte diese Aussage mit der Diskussion über die Annullierung in Beziehung setzen und möchte fragen, wie wir das verstehen.
Vielleicht meinte er das: Es ist von Deiner Kusine aus erlaubt, sich scheiden zu lassen, da Ehebruch vorliegt. Er jedoch brach seine Ehe, ist ein Ehebrecher, die Frau die er heiratete eine Ehebrecherin, es wird ja auch genauso im Neuen Testament von unserem Christus gesagt.
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 13.12.2012, 07:43
von Igor
Grüß Gott!
Wie heisst es so schön: "Streit kommt auch in der besten Familie vor". Ein Artikel, wie man damit umgehen sollte, ist auf bogoslov.ru erschienen:
Priester Pavel Gumerov: "Familienleben – wie Streit vermieden werden kann"
Spannungen, Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten können sogar in einer glücklichen harmonischen Familie mit einander liebenden Eheleuten entstehen. Wie sind sie zu lösen? Über seine Erfahrungen und mögliche Lösungen berichtet Priester Pavel Gumerov.
In Christo
Igor
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 13.12.2012, 11:54
von Nassos
Lieber Igor,
Vielen Dank für die Bereitstellung des Artikels. Eigentlich sollte man meinen, das sei selbstverständlich. Der Mann endet ja gesunden Menschen verstand an. Und doch ist es bemerkenswert, wie unvernünftig wir uns selber im Weg stehen und Wertvolles und Liebes opfern und wegwerfen (ich meine das allgemein).
Was im Artikel noch fehlt ist evtl die Prägung durch die Gesellschaft, die einer Familie auch nicht gerade förderlich sind. Aber es ist schon richtig, man sollte im kleinen Kreis anfangen, schließlich hat Gott die Ehe geheiligt.
Lieben Gruß,
Nassos
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 13.12.2012, 15:59
von Elias
Diakon Alexej hat geschrieben:"Dieser Studie über die kirchliche Ehe sind mehrere patristische, kanonische sowie die vollständigen Texte des Sakramentes der Krönung beigefügt" heißt es z.B. bei Mayendorf, auch Band "Mann und Frau" sind sehr theologisch. Es sind tolle Bücher, aber aus den drei kann ich nur eines einem jugendlichen Geben, das über die Kindererziehung. Die Regale in russischen orthodoxen Buchgeschäften sind aber voll grade mit solchen Büchern - gefüllt mit praktischen Anweisungen und Tipps. Geschrieben von modernen Priestern, in einer zeitgemäßen Sprache, sogar spannend. In Deutschland gibt es eine Tradition - die meisten orthodoxen Bücher sind entweder theologisch oder patristisch. Aus diesem Grund haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass es für uns normal erscheint. Ein großteil der Literatur bleibt dem deutschsprachigen Leser aber vorenthalten, u.a. Bücher, in den es um das Leben geht. Das Buch von Vater Maxim ist in der traditionellen Frage-Antwort Form geschrieben, es fängt an bei pubertären Problemen, geht über Freundschaften, Partnerauswahl, Abtreibungen, Eheleben. Und es ist sehr zeitgemäß geschrieben, ohne Übertreibungen. Wir haben auf bogoslov.ru/de bereits mehrere seiner Artikel übersetzt. however, ich bin selbst gespannt, wann es endlich übersetzt und herausgegeben ist.
Sehe ich genauso! Wir brauchen praktische Bücher...
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 13.12.2012, 16:09
von Elias
Pirx hat geschrieben:Zum Thema Ehe habe ich eine grundsätzliche Frage:
Nehmen wir mal eine (nicht orthodoxe) Person an, die seit einiger Zeit in zweiter Ehe lebt. (Standesamtliche Heirat, keine kirchliche Trauung). Nehmen wir weiterhin an, dass die selbe Person in letzter Zeit aus verschiedenen Gründen intensiv darüber nachdenkt, zur Orthodoxen Kirche zu konvertieren.
Jetzt meine Frage: Stellt das Leben in zweiter Ehe ein Hindernis dar, das eine Aufnahme dieser Person in die Orthodoxe Kirche verhindern würde oder könnte?
Hallo Pirx! Was meine Vorredner gesagt haben stimmt aber das bezieht sich nur auf die kirchliche Trauung! Da du nur Standesamtlich geheirtate hast, bist du kirchlich gesehen unverheiratet! Selbst wenn das so wäre ist das für die Aufnahme in die orth. Kirche kein Problem! Wenn du und deine Frau kirchliche Heiraten wollt bekommt ihr die normale Krönung die Gläubige bekommen die zum ersten Mal Heiraten! Standesamtlich ist eine Staatliche Sache und keine Kirchliche! Für die Kirche seit ihr unverheiratet. Das halten ich übrigens auch meinen Schwiegereltern immer unter die Nase

Die Sagen das sie sich nur kirchl. Trauen lassen wenn ich das als Priester machen aber wenn sie darauf warten wird es nix
lg
Ilias
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 30.01.2013, 15:32
von Priester Alexej
Hier ein Artikel zum Thema der Familie in der heutigen Gesellschaft
Die moderne Welt verliert rasant ihre religiöse Tradition und die Stütze jahrhundertelanger religiöser Erfahrung, auch im Bereich Ehe und Familie. Begriffe wie Keuschheit, Reinheit, Eheleute und eheliche Liebe verschwinden allmählich aus dem allgemeinen Wortschatz. An ihre Stelle treten häufig medizinische Begriffe wie Genderzugehörigkeit, sexuelle Partnerschaft,sexuelle Orientierung. Sogar Ehemann und Ehefrau werden häufig Ehepartner genannt. Es zeigt sich ein Vorgang der Biologisierung, des Primats des anatomischen Prinzips, wo ursprünglich die Stelle des Spirituellen war. Wir erleben eine globale Krise der Familie und der Familienbeziehungen.
http://de.bogoslov.ru/text/1202994.html
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 05.02.2014, 08:50
von Florianklaus
Weiß jemand, seit wann es nachweisbar in der Orthodoxie üblich ist, im Rahmen der Oikonomia eine zweite und weitere Eheschließungen nach einer Trennung zu erlauben? Gibt es für diese Praxis Zeugnisse der Väter?
Re: Mysterium der Ehe
Verfasst: 05.02.2014, 10:49
von Lazzaro
Genau sagen kann ich das auch nicht, aber der berüchtigte Tetragamiestreit (
http://de.wikipedia.org/wiki/Tetragamiestreit ) fand ab dem Jahr 901 statt: Das bedeutet, daß diese Praxis schon vorher vorhanden war.
Als Begründung wird das Herrenwort: "Wer seine Frau entläßt,
es sei denn bei Ehebruch, der macht, daß sie die Ehe bricht" angeführt. (Mt.5,32 / vergl. Mt19,9)
Kirchenväterbelege sind mir persöhnlich unbekannt.
Lazarus