Vater Peter, Sebastian und Milo,
habt Dank für die Themenanregung und die Beiträge dazu. Sebastian hat das Thema zuvor schon im
Kreuzgang angeregt, dort wurde es zuvor auch immer einmal angeschnitten, etwa in der Frage, ob es irgendwann einmal eine Deutsch-orthodoxe Kirche geben wird (in der sich natürlich auch die Österreicher heimisch finden sollten).
Als Vormerkung sei noch gesagt, dass bei uns im Westen immer noch in der Kategorie 1./2./3. Welt gedacht wird, wodurch Ost generell auch gern als defizitär gegenüber West angesehen wird. Das spielt zwar sicher auch eine Rolle bei der westlichen Bewertung der orthodoxen Kirche, aber prinzipiell geht es mehr um die Frage:
Ist die Orthodoxe Kirche eine Universal- oder eine Lokalkirche?
Diese Frage wird besonders dadurch interessant, da sich die Katholische Kirche genau der gleichen Frage zu stellen hat. Um hier schon gleich Haarspaltereien vorzubeugen: Wenn ich Orthodox und Katholisch groß schreibe, meine ich nicht eine spezifische Eigenschaft der entsprechenden Kirche(n) ? beide beanspruchen ja beide Eigenschaften für sich ?, sondern die allgemein üblichen Bezeichnungen. Auch römisch-katholisch ist nämlich nicht ganz richtig, denn zu der Katholischen Kirche gehören alle katholischen Kirchen, die in Einheit mit dem Papst stehen. Genauso ist die Orthodoxe Kirche nicht gleichzusetzen mit z.B. der griechisch-orthodoxen Kirche.
Der Anspruch, Universalkirche zu sein, ergibt sich aus dem Glauben an die Wahrheit. Ganz sicher kann man sagen, dass auch die Katholische Kirche an die Wahrheit ihrer Lehre glaubt und nicht gegen ihren Glauben verschleiern, manipulieren oder Verwirrung stiften will. Milo hat in seinem Beitrag das Selbstverständnis der Katholischen Kirche hervorragend wiedergegeben: Man muss nur Ost und West, sowie Orthodox und Katholisch vertauschen. Einzig das in der Erklärung
Domunus Iesus erklärte Modell der Schwesterkirchen bezieht sich in erster Linie auf die Kirchen innerhalb der katholischen Kirche und nur peripher auf die Orthodoxe Kirche. Aber das ist ein anderes Thema.
Die Beschränkung, nur Lokalkirche zu sein, stammt aus der Zeit vor dem großen Schisma. Auch wenn das Reich 395, also nur vier Jahre, nachdem das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde, in ein West- und ein Ostreich zerfiel, blieb die Kirche geeint, die einzelnen Patriarchate waren zwar lokale Kirchen, die aber den Gläubigen aller Rassen und Nationen in gleicher Weise offenstanden. Der Tatbestand, dass es in Deutschland sowohl eine griechisch-orthodoxe Kirche für die Griechen, sowie eine (oder gar zwei) russisch-orthodoxe für Russen und ein Teil der Ukrainer hier, für den anderen Teil eine andere, dazu bulgarisch-, rumänisch-, georgisch-, usw.-orthodoxe Kirchen gibt, deren zuständigen Patriarchen und Metropoliten weit weg ihre Sitze haben, dass hätte es auch nach ursprünglichem orthodoxen Kirchenverständnis nicht geben dürfen. Es ist ein Trick, um orthodoxe Gemeinden im Westen. Die Tricks, mit der die Katholische Kirche im Osten arbeitet, heißen Unitarismus und Proselytismus. Beide Vorgehensweisen werden natürlich mit dem universalen Wahrheitsanspruch begründet. Der Spracheinwand ist insofern unbegründet, dass es z.B. im Bistum Mainz, Köln, Berlin usw. auch Gemeinden mit verschiedener Liturgiesprache geben könnte. Dazu braucht es keinen Patriarchen in Moskau, New York, Belgrad oder Istanbul.
Mögliche Konsequenzen:
Die beste Lösung wäre natürlich eine schnelle Wiederherstellung der Kircheneinheit, es gäbe dann weder Unionskirchen (bzw. alle wären das) noch Proselytismus, sämtliche Gemeinden in Berlin, Köln oder Hamburg würden den katholischen (und zugleich orthodoxen) Bischöfen dieser Städte unterstehen. Diese Lösung ist leider auf absehbare Zeit Utopie.
A. Die klassische Lösung: Bei der Reichsteilung 395 wurde eine gerade Nord-Süd-Linie gezogen (unabhängig von Bevölkerung und geographischen Merkmalen ? das gab es erst in dem Stil erst über 1000 Jahre später bei der Aufteilung von Nordamerika und Afrika). Interessanter Weise verläuft die heutige Grenze zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche noch oder wieder exakt in Verlängerung dieser über 1600 Jahre alten Linie. Die katholische Kirche müsste alle Unionen und Missionen östlich dieser Linie aufgeben. Die orthodoxen Kirchen müssten im Gegenzug alle ihre Gläubigen im Westen in Obhut der Katholischen Bistümer geben.
Vorteile: Frieden, Gute Voraussetzung für den ökumenischen Dialog, da man ja keine Gläubigen beim Umzug über diese Line wissentlich den Häretikern überlassen will.
Nachteil: Genau das macht man, wenn man den eigenen Wahrheitsanspruch für solch einen Kompromiss relativiert. Wie soll das Modell auf die »Neue Welt« übertragen werden?
B. Die radikale Lösung: Man nimmt den Missionsauftrag wie zu Zeiten der Urkirche universal und radikal wahr: Ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Religionen der Bevölkerung.
Vorteil: Beide Kirchen bräuchten sich keine Vorwürfe von wegen Nichterfüllung des Sendungsauftrages ihres Gründers machen.
Nachteil: Allerdings hat der Gründer auch nicht zum feindlichen Wetttaufen mit den eigenen Apostelbrüdern aufgerufen. Ergebnis wäre nicht endende gegenseitige Beschimpfungen, Bündnisse mit Medienmächten, am Ende Krieg, etc. Einzige Nutznießer wären dritte wie Freikirchen, Atheisten oder der Islam, die den Kampf der apostolischen Kirchen zum Beweis ihrer beider Unwahrheit machen.
C. Die Kompromisslösung: Man macht weiter wie bisher, überlegt aber,
einvernehmlich (!) neue Strukturen zu schaffen, die für die Gläubigen in Ost- und West Vereinfachungen bringen:
Einrichtung neuer hierarchischer Strukturen außerhalb der klassisch orthodoxen Gebiete, wie z.B. eine autonome Orthodoxe Kirche von Deutschland (bzw. Mitteleuropa), etc.
Gleichfalls eine Umwandlung der Unionskirchen in autonome Kirchen, im Gegenzug sollte auch die Möglichkeit lateinischer Gottesdienste in den klassisch- orthodoxen Ländern.
Noch intensivere Bemühung um Kircheneinheit (auch hier könnte mehr in den Dimensionen von Akribie und Ökonomie gedacht werden, auch was eine Einheit in Vielfalt angeht. Die gab es schon vor 1054. Ein Beharren auf »Rückkehr« zu einer akribischen Einheit in allen Formen (die es historisch nie gab) ist genauso falsch, wie eine uniforme Kompromiss-Einheit »in der Mitte«.
Vorteil: Diese Lösung kommt der ursprünglichen Kircheneinheit am nächsten, ist theoretisch machbar (wenn auch sicher nicht von heute auf morgen). Auch heute schon verbindet die Christenheit mehr, als sie trennt. Gemeinsamkeit (wenn auch nicht im Sakrament) ist im Handeln gegen den gemeinsamen Feind sehr wichtig.
Nachteil: Man wird es nie allen recht machen können.
Falsche Signale:
Auf jeden Fall darf die Orthodoxe Kirche nicht zu offensichtlich zweigleisig fahren, und sich nur öffentlich darüber aufregen, wenn Rom das auch tut. Zwei Beispiele:
Die Orthodoxe Kirche kann nicht gleichzeitig betonen, dass sie sich als universale Kirche versteht, nicht als Ostkirche, gleichzeitig dem Papst vorwerfen, er würde die Beziehungen zur Orthodoxie trüben, indem er den alten Titel »Patriarch des Abendslandes (=der Westkirche)« ablegt.
Der Metropolit Kyrill wird wie Putin nicht müde zu betonen, dass Russischsein und Orthodoxsein, ein und dasselbe ist. Mag man damit Nationalisten für die orthodoxe Kirche gewinnen, der Orthodoxie als Kirche aller Christen schadet dies. Zudem hat die Orthodoxe Kirche eigentlich Nationalismus streng verurteilt. Die anderen orthodoxen Kirchen schauen da aber gern weg oder hegen ähnliche, wenn nicht nationalistische, so doch panslawistische Gedanken. Auch das wirft ein falsches Licht auf die Orthodoxie.
LG
Walter