Lieber Sebastian, liebe Talita!
Danke für das Thema und Eure Meinungen dazu. Das sind meine Vostellungen über das (Ver)lieben und die christliche Ehe:
Nicht Liebe macht blind, sondern die Verliebheit. Worin liegt der Unterschied? Was ist Liebe?
In seinem Buch
How to be idle beschreibt Tom Hodgkinson im Kapitel über das Träumen sehr gut, was Verliebtheit ist (auch wenn er dafür öfters Liebe schreibt, meint er immer das Verliebstsein):
Auch die Liebe ist eine Art Traum, das fantasievolle Traumbild eines zukünftigen Zustands der Vollkommenheit. Wenn wir verliebt sind, projizieren wir unsere Hoffnungen auf ein besseres Leben auf das Objekt der Liebe. Wir glauben, der andere kann uns helfen, diesen Traum wahr werden zu lassen. Coleridge beschrieb dieses Gefühl als ein »instinktives Verlangen nach diesem unbekannten Glück«. Jeder, der einmal verliebt war, und sei es nur kurz, kennt diese erhebende und entrückende Wirkung auf den Geist; es versetzt uns in eine Art Tagtraum, einen wunderbaren Schwebezustand. ...
Beziehungen zerbrechen, weil keine der beiden Seiten der Liebe ? weder das zukünftige Glück noch der verträumte Schwebezustand ? auf lange Sicht einzutreten scheinen. Wenn uns vielleicht klar würde, dass sie Liebe ein Traum ist, können wir sie genießen und mit ihr leben, ohne zuzulassen, dass sie uns erst verzaubert und dann enttäuscht.
Der hier beschriebene Zustand des Verliebtseins gleicht einer Droge, die uns, ohne dass wir dafür etwas tun müssen, auch für kurze Zeit in einen Glückszustand versetzt. Soviel zum »Verknalltsein«.
Liebe hingegen ist etwas Aktives, eine Hingabe, die man nicht wie eine Droge konsumieren kann, sondern, die wir uns erarbeiten, ja erst einmal sogar erlernen müssen (vgl. Erich Fromm,
Die Kunst des Liebens), die aber dann stetig anwächst: Liebe nimmt zu ? Verliebtheit ab.
Eine besondere Form der Liebe ist sicher die Gottesliebe, die uns auch dauerhaft geschenkt ist, ohne dass wir dafür etwas tun müssen, wir müssen sie nur erkennen, die aber auch um so mehr zur Entfaltung kommt, wenn wir selbst aktiv auch Gott lieben (Benedikt XVI.,
Deus caritas est.).
Das Sakrament oder Mysterium der Ehe nun verbindet alle drei in Liebe: Mann, Frau und Gott, denn alle Sakramente binden uns fester an Gott. Die Ehe ist zudem mehr als das dauerhafte Aufrechterhalten des oben erwähnten Traumes, denn aus ihr erwächst neues Leben. Zudem ist die Ehe bzw. Familie als Hauskirche das kleinste Abbild der Kirche: »Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, ...«.
Ich will das Verliebtsein übrigens gar nicht abwerten, nur sehe ich es wie der oben zitierte Autor nicht als Selbstzweck, sondern dessen Hochgefühl kann helfen, eine aktive und dauerhafte Liebe zu entwickeln. Die Entscheidung ob man überhaupt (unabhängig von einem bestimmten Partner) eine Ehe eingehen will und kann, also ob man jemanden ein Leben lang ? in guten wie in schlechten Zeiten ? dienen und lieben will, sollte man (und frau) sich allerdings besser vor dem Verlieben machen, denn es kann, wie gesagt blind machen.
Welche Konsequenzen ergeben sich nun dadurch für die (orthodoxe) Partnerwahl?
Wie talitaNEU finde ich es wichtig, daran zu denken, dass man die Kinder später einmal im und zum wahren Glauben erziehen will. Noch schlimmer ist es freilich, wenn man in der Ehe sogar den eigenen Glauben nicht mehr ausüben kann. Ich habe schon gehört, wie orthodoxe Frauen klagten, dass ihre Männer sie nur ganz selten in die Kirche lassen, und einmal habe ich erlebt, dass eine Frau fast einen hysterischen Anfall bekommen hat, weil sie Angst hatte, sie käme nicht mehr mit dem Beichten dran. Ihr evangelische Mann hatte sie vor der Kirche abgeladen und ihr gedroht, er werde um Punkt 19 Uhr wieder fahren, zur Not auch ohne sie (es war eine längere Strecke).
Ein Freund sagte mir einmal, seine russische Familie würde gar keine Schwiegertochter dulden, die nicht orthodox sei, und sei es, dass sie sich noch schnell vor der Hochzeit aufnehmen ließe.
Wenn die Konversion oder Taufe nur durch Zwang erfolgt (ich hoffe, das würde der Priester schon nicht mitmachen), ist das wohl kaum besser, als eine interkonfessionelle Ehe zu schließen. Auch die sollte wenn schon, dann unbedingt in der orthodoxen Kirche erfolgen und nicht nur im Dabeisein eines orthodoxen Priesters. Eheschließungen in der ev. Kirche sind zudem nicht einmal ein Sakrament, sondern nur eine Segnung der standesamtlich geschlossenen Ehe (Anmerkung dazu: Die EKD versucht immer, die jetzt erlaubte sog. Homoehe herunter zu spielen, in dem sie sagt, es sei
nur die Segnung einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Nichts anderes ist aber dort auch die trad. Ehe von Mann und Frau).
Leider kenne ich zwei ähnliche Fälle, in denen die evangelische Frau wirklich vieles brav mit gemacht hat: Trauung in der orthodoxen Kirche, ebenso orthodoxe Taufe der Kinder, zweimal Ostern und Weihnachten feiern. Sie ist sogar an diesen beiden Terminen mit in die Kirche gegangen, sonst aber ist Papa immer allein mit den Kindern hin, mit dem Erfolg, dass die Kinder, sowie sie im Alter waren, das auch durchzusetzen, sich weigerten, weiter mitzugehen. Ich habe darüber einmal mit dem Priester gesprochen und der sagte, dass sei leider immer so der Fall, wenn die Kinder hier die Orthodoxie nicht auch in Form der Hauskirche erleben, sondern nur sonntags morgens. Schule, Fernsehen und nichtorthodoxe Freunde machen es den Kindern schwer genug, der Kirche treu zu bleiben.
Die Katholische Kirche ist zwar der orthodoxen Kirche am nächsten, jedoch wird hier auf die Gläubigen auch besonderer Druck ausgeübt, nicht zu konvertieren. Im Gegenzug wird Orthodoxen besonders leicht gemacht, römisch-katholisch zu werden. Wie Talita schon schrieb sind Orthodoxe zur Teilnahme an der römisch-katholischen Kommunionsfeier immer eingeladen. Man muss aber wissen, dass man mit der Teilnahme auch stillschweigend die römische Glaubenslehre und das Papsttum annimmt. Katholiken dürfen von ihrer Kirche aus nur in ganz besonderen Ausnahmesituationen an der orthodoxen Kommunion teilnehmen, wenn z.B. im Urlaub oder auf Reisen keine Katholische Kirche erreichbar ist. Die Orthodoxe Kirchen verbietet Interkommunion hier wie da, ob es Priester gibt, die eigenmächtig Ausnahmen zulassen, ist mir nicht bekannt.
(Kirchliche) Eheschließungen mit Nichtchristen lehnt die Orthodoxe Kirche m.W. ab. Das halte ich auch für am problematischsten, besonders bei anderen Religionen, die selbst hohe Anforderungen an die Familie stellen, wie z.B. der Islam, der das Ausüben anderer Religionen streng bestraft.
Wenn keine Einigung in Frage der Konfession/Religion herrscht, werden Kinder meist auch gar nicht getauft und religiös erzogen, nach dem Motte, das sollen sie selbst entscheiden, sobald sie religionsmündig sind (bei uns ist das m.W. ab 16). Wie in Talitas Beispiel kommt es sicher nicht selten vor, dass Kinder sich dann aber einfach entscheiden, bei ihrem
Heidentum zu bleiben.
Sollte man nun dennoch (aus welchen Gründen auch immer) einen nicht-orthodoxen Christen als Lebenspartner Erwägung ziehen, sollte man von Anfang mit Mut und Offenheit zeigen, welchen Wert der eigene Glaube einem im Leben ist, und dass es ebenso wichtig ist, ihn unverfälscht den eigenen Kindern weiter zu vermitteln. Also nicht auf Tischgebete verzichten und den oder die Geliebte gleich in die Liturgie mitschleppen (Verliebte lassen ja bekanntlich viel mit sich machen

). Vielleicht läßt sich so der Partner sogar wirklich vom wahren Glauben der Orthodoxen Kirche überzeugen. Wenn man erst in den konkreten Hochzeitsvorbereitungen oder nach der Geburt eines Kindes anfängt, darüber zu
verhandeln, ist es wohl zu spät.
LG
Walter