Philosophie und Orthodoxie / Dialektik
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peter
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Philosophie und Orthodoxie / Dialektik
Zwecks (Selbst-)Disziplinierung, wie vorhin unserem Erzpriester Peter
signalisiert, möchte ich hier eine Gratwanderung beginnen. Das Verhältnis
Philosophie / Glaube ist ja schon unendlich viele Male variiert worden, und ich will hier keinem Intellektualismus Vorschub leisten. Weltweisheit bleibt Weltweisheit, Göttliche Weisheit ist darüber unendlich erhaben (vgl. Korintherbrief). Philosophie ist im Christentum überwiegend Einfallstor, Schleuse von Häresien gewesen. "Leeres Geschwätz" sollen wir nach Paulus meiden. Andrerseits haben z.B. Basilios, Gregorios u.a. die antike Philosophie fruchtbar bearbeitet, beerbt. Die römisch-katholisch / scholastische Traditiondagegen gipfelte auf zu philosophischen "Summen" (v.Aquin), hat aber gerade deshalb, mit dem theologischen Rationalismus im Gefolge, den realen, gelebten Glauben entkernt. Aktuelle Orthodoxe Versuche habe ich auf Empfehlung von Erzpriester Nikolaj bei Simeon Frank im Buch über das "Unergründliche" bei Wladimir Losskij in "The mystical theology" bei Metropolit Hierotheos von Nafpaktos gefunden. In diesen letztgenannten drei Fällen dienen mehr oder minder die Lehren
des modernen Existentialismus als Bezugspunkt. Kierkegaard war ja
im 19. Jahrhundert ein christlicher Widerpart des Rationalismus und
Intellektualismus. Nun habe ich über diesen christlich-existentialistischen
Strang, dem sich auch römisch-katholische Geister wie Guardini und
de Chardin annähern, lebensgeschichtlich die judaisierende Philosophie des mittleren und ausgehenden 20. Jahrhunderts als Ausgangspunkt genommen (Bloch, Adorno), wo christliche Lehre "inkulturiert" wird.
Das heißt, das Transzendente wird bei Adorno vom Bilderverbot her gedacht, Christus bei Bloch sozialrevolutionär, höchstens messianisch
im Rahmen einer Hoffnungsphilosophie ausgedeutet. Bloch benennt hinsichtlich des Faschismus eine "Unheilslinie" (Schopenhauer / Nietzsche), hinsichtlich des Sozialismus eine "Heilslinie" (Spinoza, Hegel / Schelling / Marx). Ob sich die erstere bewahrheitet und die letztere erübrigt hat, mögt Ihr beurteilen. Mir geht es hier in diesem
"Thread" konkret um die Frage der Dialektik, die im Existentialismus
ausgeblendet, in der Unheilslinie hintersinnig verdeckt, in der Heilslinie instrumentalisiert wird. Was heißt Dialektik ? Traditionell: Widerspruch, Gegensatz, Kampf. Diamat und Histomat waren die stalinistischen
Keulen zum Zwecke der Bonzenmacht. Aber zentral enthält dieser
Begriff (meiner Weltweisheit letzter Schluß) im jeweiligen Extrem
den positiven und negativen Gehalt. Das führte mich, wahrscheinlich
eine singulärer Angelegenheit, auf philosophischem Erkenntniswege
heraus aus der materialistisch-historischen Vereinnahmung, logisch-zwangsläufig, praktisch-unwiderruflich, zu Gott und Satan.
Unter historischem Aspekt wude die Theophanie des Positiven, Jesus Christus, gleichfalls "not-wendig". Infolgedessen war der Heilige Geist, überhaupt unsere Allerheiligste Dreifaltigkeit, ihr Wesen und Wirken, nicht mehr fern. Gerade die judaisierende Unentschlossenheit, diesen "Fakt" anzuerkennen, wurde mir immer verdächtiger. Statt Jesus Christus
sollten messianisch-revolutionäre Kräfte, sprich' konkret Agitprop, prometheisch-luziferische Aufbrüche, unsere Geschicke, unsere Geschichte meistern. Die Ergebnisse sind ja evident. Sollte sich also jemand auf diese "Allgemeine Frage" einlassen wollen, würde ich gerne
wissen, 1) ob Ihr Christliche Philosophie für notwendig haltet, 2) ob Ihr Dialektik im Gott-Satan-Verhältnis, oder näher, im sittlich-moralischen
Kontext, für fruchtbar und tragfähig haltet, 3) ob Ihr die herleitbaren Reflexionskategorien des Positiven und Negativen, mitsamt Position
und Negation, in Orthodoxer Theologie anwenden würdet ???
Jetzt habe ich Eure Geduld sicher überstrapaziert, bitte um Vergebung,
danke im voraus für evtl. Antworten, und hoffe auf Gottes Gnade
Knecht Jesu Christi Peter
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protopeter
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Zunächst einmal allerherzlichsten Dank für die Eröffnung eines so interessanten Diskussionsthemas; ich möchte versuchen, einige allererste Grundgedanken zum Thema einer christlichen Philosophie nach orthodoxem Verständnis im Folgenden auszuführen.
Der Begriff philosophia im christlichen Kontext wird sehr klar durch den großen Kirchenvater Johannes von Damaskus, der im 8. Jahrhundert wirkte, umrissen; seiner Interpretation gemäß sollte der Christ damit die "Liebe zur Göttlichen Weisheit" (philo-sophia) zu ihrem allumfassendsten und vornehmsten Ausdruck bringen. In diesem Sinne ist sie ein wesentlicher Weg zur Erkenntnis der gottmenschlichen Synergie und der gesamten Heilsökonomie - allerdings unter der Voraussetzung, daß Glauben und Wissen/Erkennen eine zueinander komplementär stehende Einheit bilden.
Von diesen Prämissen ausgehend, die - wie Sie sehr zutreffend anmerkten - schon die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte wie vor allem Gregor v. Nyssa, Aurelius Augustinus (der allerdings durch die Scholastik wie auch zur Zeit von Reformation und Gegenreformation in katastrophaler Weise mißinterpretiert wurde) und Maximos der Bekenner so überzeugend vertraten, wurde ein neuer Blick auf Gott, Mensch und Schöpfung in der Perspektive der All-Einheit ermöglicht. Der orthodoxen Ablehnung der Gottesbeweise und der allgemein rational begründeten philosophischen Argumentation, wie sie das abendländische Mittelalter und die "humanistische" Neuzeit hervorbrachten, stehen die Annäherungen apophatischer (verneinend, "negativ") und kataphatischer (bejahend, "positiv") Natur zur Umschreibung des Gottesmysteriums gegenüber - diese Prinzipien sind vor allem mit dem Namen des großen Kirchenvaters Gregor Palamas (+1359) eng verbunden. Darin ist nun der Urgrund aller christlicher Philosophie, wie sie im Lichte rechtgläubigen Denkens verstanden werden kann, in prägnanter Weise zusammengefaßt.
Dafür, daß ein solcher Weg gewissermaßen als "naturgegeben" zu verstehen ist, zeugt auch das Beispiel des großen französischen Gelehrten Blaise Pascal, der - gleichwohl natürlich nicht orthodox - in seinem "Mémorial" aus dem Jahre 1654 die unmittelbare Erfahrung der göttlichen Präsenz und des Ungeschaffenen Lichtes niederlegte; seine Erkenntnis, nicht den "Gott der Philosophen" , sondern Ihn, Der durch die alttestamentlichen Patriarchen und Propheten verkündet und schließlich im Gottmenschen Jesus Christus offenbar wurde, wahrzunehmen und anzubeten, führt jegliche Dialektik (wie sie in "modernem" Sinne verstanden werden mag), um die sich die abendländische Philosophie - sowohl in der Apologie als auch im Widerstreit einer Existenz Gottes - müht(e), ad absurdum.
Fraglos knüpft sich daran die Frage nach der theologia, die in orthodoxem Verständnis eben nicht nur durch die Definition dogmatischer Lehrsätze, sondern im konkret erfahrbaren "Sprechen über und mit Gott" zum Ausdruck gebracht ist. Wenn Sie in diesem Zusammenhang (mit voller Berechtigung) den großen Theologen Vladimir Losskij nennen, so gestatte ich mir hier noch andere herausragende Repräsentanten traditionell-orthodoxen Denkens im Zeitalter der Moderne und Postmoderne, die alle auf Ihre Weise zur Herausbildung einer Philosophie mit authentisch-christlichen Wurzeln beitrugen, zu nennen; diese wären Archimandrit Justin Popovic sowie die Erzpriester Georgij Florovskij und Dumitru Staniloae. Ihnen allen ist die Auseinandersetzung mit der abendländischen philosophischen Argumentation, ihren Entwicklungen und Brüchen gemeinsam; in dieser Weise suchten sie eben auch nach entsprechenden Antworten, die den orthodoxen biblisch-kirchenväterlichen Geist reflektierten. Darin integriert war auch die Frage nach Gott (der das Sein an sich ist - wie es die Schriftoffenbarung in Ex 3,14 verkündet), nach der - um in kirchenväterlichen Denkkategorien zu bleiben - "Minderung des Seins", das wir als das "Böse" oder "Satan" begreifen und nach der "Begreifbarkeit" des göttlichen Erlösungsmysteriums. Die Antwort, die ein jeder dieser eminenten Vertreter orthodox-kirchenväterlichen Denkens gab, bezog sich letztendlich auf die schon genannte Annäherung in Apophase und Kataphase.
Wenn wir nun der rechtgläubigen Überlieferung entsprechende Reverenz und Treue erweisen wollen (ohne jedoch in ein "formelhaftes Rezitieren" offenbarter Tatsachen zu verfallen !), so scheint es wohl dringend nötig, sich an diesen Wahrheiten zu orientieren. Allerdings möge niemals außer acht gelassen werden, daß das orthodoxe theologische Denken in einem großen Maße eben auch als "pneumatisch" - vom Heiligen Geist durchweht - zu erfassen ist und die entsprechende Beschäftigung mit den darin enthaltenen Werten eben auch als Charisma (im buchstäblichen Wortsinne) erfaßt werden muß. Der höchste und vornehmste Ausdruck dieser Theologie ist denn auch die Realisierung der gottmenschlichen Synergie, die Eingliederung in jene Gemeinschaft, als deren wesentlichstes Ziel die Gotteskindschaft aller Gläubigen vor Augen steht.
Mit herzlichen Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter
Nach einem für mich sehr bewegendem, feierlichem und glückseligen Wochenende, verspüre ich mal wieder das Bedürfnis mich hier etwas mehr zu beteiligen. Lieber Peter, ich möchte dir für deinen sicherlich aufwendigen Beitrag danken.
Zuerst und zur Anregung der weiteren Diskussion hier mal eine kurze Erläuterung des Begriffes Philosophie:1) ob Ihr Christliche Philosophie für notwendig haltet
Gerade im Kontext der Lebenseinstellung halte ich christliche Philosophie für notwendig, da Glaube Leben bedeutet. Wie Vater Peter an anderer Stelle Vater Seraphim Rose richtig zitiert, betrachten wir die Orthodoxie und somit den Glauben als LEBEN.Langenscheidt hat geschrieben: Phi·lo·so'phie, die; -,-n 1. keine Mehrzahl Wissenschaft der Erkenntnislehre, wissenschaftliche Weltanschauung, Denkrichtung 2. Lebenseinstellung, Weltanschauung 3. Art und Weise des Angehens oder des Lösens eines Problems, Einstellung
Ebenfalls halte ich auch die wissenschaftlich (orth.-christliche) Weltanschauung für notwendig. Warum? Wissenschaftler tun nichts anderes als eine Sache / Vorfall a) zu betrachten b) zu analysieren und c) daraus einen Schluß / Konsequenz zu ziehen. Viel zu oft passiert es uns, dass wir Dinge, die auf uns einströmen ungeprüft zu konsumieren. Wir nehmen sprichwörtlich vieles unkritisch hin, ohne dabei das Heil unserer Seele zu bedenken; Sind doch gerade wir dazu aufgerufen die Dinge zu prüfen, mit denen wir konfrontiert werden. Unsere orthodoxe Weltanschauung (
Desweiteren denke ich, dass in uns die Erkenntnis über die Lehre Christi ständig vermehrt werden muss. Dies setzt vorraus, dass wir uns ernsthaft und in demütiger Haltung Gott nähern und uns mit der heilsbringenden Lehre des dreieinigen Gottes täglich befassen, um so mehr Erkenntnis, einen standfesten Glauben zu erlangen. In diesem Sinne kann also das Bewusstsein über Christi Leben und Opfer wachsen. Eine wachsende Erkenntnis bedeutet für mich einen wachsenden Glauben. Würde der Glaube nicht wachsen, würde Stillstand einkehren.
Verzeih' aber kannst du lieber Peter mir näher erläutern, wie du Frage 2 und 3. meinst? Entschuldige, ich bin halt etwas schwer von Begriff.
Liebe sonntäglich Grüsse
Euer Sebastian (Stephanus)
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protopeter
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Aus Sebastians Beitrag erscheint mir ein wesentlicher Aspekt gleichsam als Vorbedingung unserer weiteren Betrachtungen zu entspringen - die aufeinander abgestimmte, komplementäre Einheit von theoria und praxis, die als Fundament der orthodoxen Weltsicht zu gelten hat. Dieses Faktum als Ausgangspunkt nützend ist eine weitere Entwicklung, die im "Hineinwachsen" in das Christusmysterium besteht, möglich und notwendig.
Eine orthodoxe Philosophie wird sich genau an diesem Kriterium messen und orientieren müssen - die Fragen nach Schöpfer und Schöpfung sind in dem gnadenhaften Licht der gottmenschlichen Manifestation wahrzunehmen. Das im Johannesevangelium verkündete Wort: "Im Anfang war der Logos" (Jo 1,1), wobei hier dieser vielbedeutende Terminus - der ausgehend von der griechischen Philosophie über die Schriftoffenbarung des Neuen Testamentes in das Denken der Kirchenväter (hier in besonderer Form in die christologischen Diskussionen) seinen Eingang fand - die umfassende Anbindung allen Seins an den gottmenschlichen, fleischgewordenen "Ur-Sinn" verkündet.
Der alttestamentliche Name Gottes erweist, daß alles Sein den einzigen, ungeteilten Ursprung in Ihm hat; Er ist dafür auch das absolute Kriterium. Ein buchstäbliches "Nicht-Sein" als Synonym des Bösen hat aber eben nicht den Charakter eines ebenbürtigen "Gegenpols" zu Gott (wie es dualistische Auffassungen, die beispielsweise während des byzantinischen Mittelalters in der Bogomilenbewegung zutage traten, postulierten); hier handelt es sich vielmehr um einen Verlust der Existenz, ein Verlieren des "Gut-Seins", das in der Schöpfungsgeschichte gewissermaßen als Bestätigung für die den Dingen innewohnende Harmonie zugebilligt wird.
Daraus nun ist eine orthodoxe Weltanschauung zu gewinnen, die sich dieser Gegebenheiten und damit möglicherweise auch verbundenen Risiken bewußt ist. Konsequenterweise wäre es aber auch allzu einfach, dem Guten "notwendigerweise" das Böse zuzuordnen - dazu sind die Grundlagen orthodoxen Glaubens, die in der allumfassenden Erlösungstat Jesu Christi, die das Troparion des Osterfestes eindrücklich zum Ausdruck bringt: "Christus erstand von den Toten, da Er den Tod durch den Tod zertrat und den in den Gräbern das Leben gab", ihren Höhepunkt finden, zweifellos allzu konkret auf das "unbegrenzt Positive" gerichtet.
Aus dieser Dynamik ist eine Verbreitung orthodoxer Philosophie im Geiste der Tradition nicht nur möglich, sondern dringend notwendig; dies besonders im Hinblick auf dualistische und analytische Versuchungen abendländisch-philosophischer Überlegungen. Ich würde durchaus soweit gehen und von der Notwendigkeit einer "orthodoxen Synthese" sprechen, die ihre Verankerung eben in der biblisch-patristischen Überlieferung findet. Die Vision eines umfassenden Kulturbegriffes orthodoxer Prägung erstellten in der Moderne vor allem die beiden großen russischen Gelehrten Aleksej Chomjakov und Ivan Kireevskij - die gesamte christliche Zivilisation sollte durch die von der Orthodoxen Kirche vertretenen Werte bereichert und veredelt werden.
Wenngleich es auch in der Welt von heute illusorisch sein mag, solches "im großen Stil" in die Tat umzusetzen, erscheint gerade die kleinste Bemühung um Vermittlung und Integration der entsprechenden Wertevorstellungen als bedeutende Manifestation dieser aus dem Glaubensethos faßbar gewordenen gottmenschlichen All-Einheit, die uns als unverzichtbare Basis eines jeden Strebens gelten möge.
In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter
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peter
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Sein und Nicht-Sein
Eure Antworten haben mich sehr bewegt. Ja, die "Reverenz und Treue" zur rechtgläubigen Überlieferung, das "Hineinwachsen in das Christusmysterium", sich "ernsthaft und in demütiger Haltung Gott nähern", dies alles muß für eine Orthodoxe Philosophie selbstverständlich vorausgesetzt werden. Dies gilt vor allem für den eigenen Erkenntnisweg, darf aber wohl als Maßstab generell herhalten, überall dort, wo bei Christen Fragen aufgeworfen werden. Da beginnt schon die persönliche Misere, die metanoia. Dank Ihnen, hochverehrter Erzpriester, dürfen wir in die Traditionslinie, auf der Basis des orthodoxen "biblisch-kirchenväterlichen Geist(es)" einreihen Johannes von Damaskus, Gregor Palamas, Blaise Pascal, in neuerer Zeit Aleksej Chomjakov, Ivan Kireevskij, Georgij Florovskij, Justin Popovic, Dumitru Staniloae. Dies ist, soweit noch nicht bewältigt, das gewaltige Leseprogramm, "aber" zum Trost ist die Philosophie des Glaubens nicht nur "Nach"denken, sondern auch (evtl. prophetisches) "Voraus"-Denken, oder fragendes "Leben", wie Stephanus anführt, und zudem theoria/praxis. Insoweit verstehe ich gelebte orthodoxe Tradition
als Einheit von Rezeption und christlichem Denken, Fühlen, Handeln.
Thematisch benennen Sie, lieber Vater Peter, so wichtige Fragen wie
das Thema "Weisheit", personifiziert im AT (bei Solovjew anfänglich
in Sophiologie mündend), die apophatisch-kataphatische Annäherung
und "Umschreibung des Gottesmysteriums", das grundsätzliche Verhältnis theologia/philosophia im "Blick auf Gott, Mensch, Schöpfung" und die
"gottmenschliche Synergie" sowie die "Heilsökonomie" (Sie ersehen, ich bin noch beim Auswerten und Ordnen).
Meine Frage nach der Dialektik in diesen noch unaufgearbeiteten Zusammenhängen entstand, wie Sie das beschreiben, aus den "dualistische(n) und analytische(n) Versuchungen abendländischer
Überlegungen". Diese Versuchungen gehören zum Standardprogramm
weltlich-akademischer Vorlesungen: Vom Formalismus und Relativismus bis zum logischen Positivismus, von Heraklit bis zum deutschen
Idealismus, von Hegel / Marx bis Bloch / Adorno. In der Theologie
sind mir vor allem die manichäischen Versuchungen bekannt. Im Zusammenhang der vielzitierten Theodicee (Leibniz) wird ja vor allem
Gott das Böse vorgeworfen (als müßte sich Gott angesichts des Bösen, und nicht Satan vor Gott rechtfertigen). Was ich aufgrund des realen
Schreckens, der "wie ein Löwe" alles verschlingenden Satanie, nie so recht verstanden habe, wie man vom Negativen, das doch irgendwie aus dem "Nichts" der Nihilisten (z.B. bei Nietzsche, Sartre etc.) abstammt,
als von einem "Nicht-Sein", bzw. von einer "Minderung des Seins", von
einem bloßen "Verlieren des 'Gut-Seins'" reden kann, wo wir doch alle
unsere Sünde scharf bekennen sollen, und das reale Grauen in Kriegen, Elend und Not, im denaturierten Tod vor aller Augen steht. Also sozusagen
ein störendes, aufdringliches Seiendes, das jedes wahrhaft "wahre" Sein zu verunmöglichen trachtet. Und das führt mich zur Frage nach dem
Positiven. In der weltlichen Geistesgeschichte verlief die Linie in etwa
vom platonischen Ideenhimmel über den aristotelischen unbewegten
Weltbeweger hin zu den Substanzlehren (z.B. Descartes und Spinozas), über den subjektivierten "Weltgeist" Hegels hin zum aktivierten Menschheitssubjekt bei Feuerbach (Proletariat bei Marx), mündend im Utopiegedanken bei Bloch (korrelierend mit den Möglichkeitslatenzen
in der Welt). Utopie, gleich Ou-Topos, Nicht-Ort, kann theologisch mit
positiver Transzendenz ineinsgesetzt werden (was bei den Neomarxisten
nicht geschieht). Und orthodox, das ging mir durch Kopf und Gemüt,
ist die wahre Utopie die "basileia ton ouranon", das Königreich der Himmel, die Herrlichkeit Gottes, die ureigentliche doxa Gottes, die
in der Verklärung Christi auf dem Tabor vorscheint. Und die Herrlichkeit
unseres Herrn Jesus Christus überstrahlt auf "utopische", unfaßliche
Weise alle "Religionsstifter", Weltweisen, Führer, Gurus usw. Insofern
möchte ich anknüpfen an ihre abschließende Bemerkung, daß "die kleinste Bemühung um Vermittlung und Integration der entsprechenden
Wertevorstellungen" dem Entstehen einer "orthodoxen Synthese" für eine immerhin noch denkbare christliche Gesamtzivilisation auf diesem Planeten hilfreich sein könnte. Nachdem ein gottloser Kommunismus, das praktische Resultat der materialistischen "Aufklärung", der Ablösung der "Heilsgeschichte" durch Geschichtsphilosophie, und einer "umgestülpten"
Dialektik, zumindest theoretisch diskreditiert ist, nachdem auch die
Linie des elitären Herrenmenschentums als neo-faschistoide Utopie
eines genmanipulierten Menschheits- und Völkerdesigns zumindest mit Basiswiderstand rechnen muß, besteht aktuell eine philosophische Chance, den Kategorienschatz hegelianisch-marxistischer, der kritischen
und utopischen Philosophie des ausgehenden 20. Jahrhunderts christlich-orthodox zu wenden. Auf diesem Wege werden
die kabbalistisch-talmudistischen Geister und die chiliastisch-sozialistischen Träumer hinderlich sein. Mir ist bewußt, daß ich hier ein heißes Eisen anfasse, aber zumindest in Deutschland ist ein
"umfassender Kulturbegriff orthodoxer Prägung" nur denkbar in Auseinandersetzung mit diesen jüngeren Entwicklungen. Dagegen scheint mir der Existentialismus der Vor- und Nachkriegszeit schon kaum mehr
fruchtbar zu sein.
Zu Deiner Frage, Stephanus, noch ein Wort: mit "Reflexionskategorien"
meinte ich jene, die in der o.g. "weltlichen" Tradition die zentrale Rolle
spielen: Position im Positivismus, Negation bei Hegel, Marx, Adorno
(das Problem der sog. "bestimmten" Negation), das Positive bei Bloch
(als "Utopie" subjektiv und objektiv), das Negative bei Marx (Ausbeutung, Unterdrückung, Entrechtung), bei Adorno ("Negative Dialektik"), bei
Bloch (das "Widersacherische" und die "Entwürdigung").
Christus lebt, trotz all diesem, auch in mir
Peter
Bevor ich auf deinen Beitrag eingehen werde (was wohl etwas länger dauern wird), möchte ich dir und den anderen eine kleine selbst erlebte Anekdote erzählen, worraus sich meine orthodoxe Philosophie ergibt.
Vor einigen Jahren kam ich an einem Plakat vorbei, was mich den ganzen Tag ärgerte. Auf dem Plakat stand:
Gott ist tot!
mit der Signatur von Nietzsche. Friedrich Nietzsche hat 1882 in "Die fröhliche Wissenschaft" Gott bekanntlich für tot erklärt.
Am nächsten Tag als ich am besagten Plakat vorbeiging, wurde ich sehr erfreut. Unter dem Nietzschezitat "Gott ist tot!" stand in fetter Eddingschrift:
Falsch! Nietzsche ist tot! Gez. GOTT.
Gott ist existent und hält die Welt in seinen Händen (und eben nicht der Humanismus, Kommunismus, die Demokratie etc), Er gab uns seinen Sohn um unseres Heils Willen.
Gruß
Stephanus
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protopeter
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Ausgehend von Ihren Überlegungen zum Thema ist es in weiterer Folge nicht unwesentlich, auf das zentrale Ziel der gelebten orthodoxen Philosophie (wenn wir der grundlegenden Gleichung Glaube = Leben folgen) hinzuweisen - sie ist die Gemeinschaft mit Unserem Schöpfer und Herrn, der Prozeß des "In-Gott-Aufgehens", die lebendig-unmittelbare Teilhabe an Seinen allheiligen Mysterien, die in kirchenväterlicher Diktion als theosis benannt ist. Diese "Vergottung" oder "Gottwerdung" des Menschen (und mithin der gesamten Schöpfung !) ist eben dieses Ziel, das sich so sehr und in einer solchen Prägnanz von sämtlichen menschengemachten "Heilslehren", den unzähligen -ismen und ihren unendlichen Begrenzungen eklatant unterscheidet. Hier offenbaren sich Unmittelbarkeit und Weite der uns anvertrauten Berufung, hier wird dann die von Ihnen schon genannte scheinbare Utopie des Königreichs der Himmel zur einzig beständigen, greifbaren Realität.
Gemäß orthodoxer Anschauung ist der Christ in der Tat ein "Himmelsbürger" (um hier den Gedanken des Kirchenvaters Augustinus einzubringen), ist die gottmenschliche Institution der Kirche fraglos eine "Verlängerung" von Gottes Reich; ihr Anspruch ist damit im besten Sinne universell. Sie sprechen in Ihrem Beitrag die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit den diversen philosophischen Strömungen der Moderne an; ich stimme diesbezüglich absolut mit Ihnen überein, da hierin auch die Erfüllung eines wesentlichen Sendungsauftrages - das sprichwörtliche "Zeugnis vor der Welt" - erfaßt ist. In dieser Form müssen die großen Apologeten der ersten Zeiten der Kirche, allesamt kirchenväterliche Persönlichkeiten - Justin der Philosoph und Märtyrer, Aristides, Athenagoras von Athen und Theophilos von Antiochia - Vorbilder und Wegweiser sein. In der Erfüllung ihrer Aufgabe bewegten sie sich in der Spannung zwischen "Disput" und "Dialog" - demgemäß müßte auch eine zeitgenössische orthodoxe Philosophie ihren angemessenen Weg finden können.
Es handelt sich im Wesentlichen vor allem darum den - um ein Wort von Archimandrit Justin hier einzubringen - "philosophischen Abgründen" konstruktiv entgegenzuwirken. Vergessen wir nicht, daß die schon zitierte lexikalische Definition des Philosophiebegriffes in orthodoxer Perspektive nicht ohne Weiteres stehengelassen werden kann: In der Lehre der Kirchenväter (beispielhaft etwa in den Schriften des Clemens von Alexandria an der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert) wird immer wieder klar gezeigt, daß einzig der Christ der "wahre Philosoph" sein muß (will heißen, dies ist seine aus dem Glauben entspringende unbedingte Pflicht und Verantwortung !), da er sich eben nicht diversen Ideologien und Denksystemen ausliefert, sonden im ursprünglichsten und tiefsten Wortsinne "Weisheitsfreund" (der Sophia Theou, des fleischgewordenen Sohnes Gottes) ist. Dieses Bewußtsein gebietet es auch, die im abendländischen Denken zum Weltbild offensichtlich so festgefügt zählenden Kategorien von "Immanenz" und "Transzendenz" zurückzustellen und dagegen die schon genannte All-Einheit von Geist und Materie, von Diesseits und Jenseits als Grundprinzip zu erkennen.
Soweit zunächst einmal grundsätzlich einige Reflexionen zu dem mit ungeheuerer Weite verbundenen Themenkomplex; ein nächster Schritt müßte es dann sein, den von Ihnen gerade in Ihrem letzten Beitrag angesprochenen grundlegenden Fragestellungen nahezukommen - ich möchte demnächst versuchen, hier einige Gedanken aufzugreifen.
Mit herzlichen Segensgrüßen,
Erzpr. Peter
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protopeter
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Ihre Fragestellung nach dem Bösen, nach dem Urgrund allen Übels ließ mich nicht zur Ruhe kommen; um gemäß orthodoxer Überlieferung zumindest den Versuch einer Antwort geben zu können, ist es zunächst nötig, auf die Schriftoffenbarung des Buches Genesis zu blicken. Hier heißt es zum einen in Gen 1,26 f. : "Und Gott sprach: Laßt Uns den Menschen machen, nach Unserem Abbild und Unserer Ähnlichkeit"; demgegenüber steht - gleichsam antithetisch - Gen 3,5: "Euch werden die Augen geöffnet werden und Ihr werdet wie Götter sein, Gut und Böse erkennend". In dieser Spannung zwischen der ursprünglich gottgewollten Grundlegung des Menschen und der Versuchung, einen eigenen, dem Schöpfungsplan zuwiderlaufenden Weg zu beschreiten, zeigt die Schrift den offenkundigen Zweifel, das Schwanken und die (allzu oft sich zeigende) Orientierungsunfähigkeit unseres Daseins auf. Wenn der kappadokische Kirchenvater Gregor der Theologe in der Interpretation der Versuchung und des Sündenfalls anmerkt, daß der Mensch der Elementarkenntnis - Unterscheidung von Gut und Böse - teilhaftig zu werden begehrte, konstatiert er gleichfalls, daß das menschliche Wesen im paradiesischen Urstand offenkundig der entsprechenden Reife entbehrte, diese Last auf sich zu nehmen.
So ist der Mensch prinzipiell also zum "Gut-Sein" in Gott geschaffen, er ist durch Ihn in einem besonderen, unvergleichlichen Naheverhältnis grundgelegt, er ist dazu berufen, im umfassendsten Sinn in Sein Mysterium "hineinzuwachsen"; dagegen steht die Manifestation der pervertierten, in Versuchung gelangten menschlichen Willensautonomie, vollkommene "Unabhängigkeit" zu erlangen, Eigenwege zu beschreiten, sich "frei" von jeder Bevormundung zu machen. In diesem Sinne wurde das Wort des Nihilisten Nietzsche "Der Wille zur Macht" in grauenvoller Weise Realität - in der Auflehnung gegen das göttliche Gebot, in der Verneinung und bewußten Entsagung von allen Heilszusagen. Nicht umsonst betont der (schon zur Epoche der Moderne zählende) Kirchenvater Nektarios von Ägina den für das christliche Menschenbild so entscheidenden Begriff der "ethischen Freiheit", die er als die "Übereinstimmung des menschlichen Willens mit den göttlichen Geboten" kennzeichnet. Einzig in dieser Ausrichtung vermag der Mensch wahre Autonomie zu erlangen, ist er befähigt, seine wirkliche Bestimmung zu erkennen.
Sie verwenden in Ihren Ausführungen mit vollem Recht den Begriff "denaturiert" - genau dies ist das Wesen des Bösen, das sich eben nicht der Schöpfungsordnung entsprechend umtut. Wenn in diesem Zusammenhang von einer "Seinsminderung" gesprochen ist, so darf dies jedoch keinesfalls in nihilistischem Sinne interpretiert werden, sondern entspricht im vollen Umfang kirchenväterlicher Denkweise, die den Sündenfall als eine "Verdunkelung" von Gottes Abbild (als Seinsgrund des Menschen) begreift: Würde und unvergleichlicher Stellenwert des Menschen sind grundsätzlich vorhanden, doch fiel auf ihn der Schatten (Finsternis als Symbol der Mächte der Unterwelt !) der Urschuld, die eben diesen Machtwillen Luzifers, dessen Sturz bei Jes 14,12 bekundet ist, zum Ausdruck bringt. Die Denaturierung des gefallenen Zustandes bringt es mit sich, hier von "Nicht-Sein" zu sprechen - ein Sein, das pervertiert ist und seinen Ursprung nicht im göttlichen Schöpfungswillen, der Ordnung und Harmonie zum Ausdruck bringt, haben kann. Sämtlichen dualistischen Konzepten - Sie erwähnten im christlichen Bereich den Manichäismus - mag es leicht sein, den Gang der Weltgeschichte als ein ständiges Ringen zwischen den beiden Faktoren Gut und Böse wahrzunehmen; alleine, einer orthodoxen Auffassung widerspricht solches auf das Grundlegendste.
Somit kommen wir zu einer wesentlichen (wiederum durch die Lehre der Kirchenväter gestützten) Wahrnehmung: Der Mißbrauch der grundsätzlich-menschlichen Faktoren Freiheit und Verantwortung liegt (angesichts der durch den Gottmenschen Jesus Christus prinzipiell erfolgten "Wiederaufrichtung" der gesamten Schöpfung) dem Weiterbestehen dieser mehr als offenkundigen Disharmonie zugrunde - vor allem, wenn dies alles noch zusätzlich mit der agnoia, dem (bewußten) Nichterkennen der offenbarten Wahrheiten, des Guten, Schönen und Erlösenden verbunden ist. Ungezählt sind die daraus resultierenden Versuchungen, katastrophal die Resultate, deren Ursache allzu oft Ignoranz und Verblendung sind und waren - Kriege, Genozide und eine sogenannte "neue Weltordnung", die nihilistischer und utilitaristischer nicht gedacht und verwirklicht werden könnte. Eine orthodoxe Philosophie und Weltdeutung müßte hier versuchen, eine umfassende metanoia auf Basis der Bewußtmachung der "beiden Wege" zu verkünden; letztendlich führt dies alles in die unbedingt notwendige Zusammenspannung von Denken und Tun.
In der Liebe Christi grüßt herzlich
Erzpr. Peter
Grüß Gott, alle gemeinsam!1) ob Ihr Christliche Philosophie für notwendig haltet,
2) ob Ihr Dialektik im Gott-Satan-Verhältnis, oder näher, im sittlich-moralischen Kontext, für fruchtbar und tragfähig haltet,
3) ob Ihr die herleitbaren Reflexionskategorien des Positiven und Negativen, mitsamt Position
und Negation, in Orthodoxer Theologie anwenden würdet ???
V. Peter, segnen Sie.
Meine Lieben, das ist schon sehr beachtlich was da an "Hirngymnastik" geleistet wird.
Ich frage mich was wohl meine analphabetische Oma, die wohl größeren Glauben inne hat als ich, dazu sagen würde? Wahrscheinlich würde sie gähnend davonlaufen. Oder mich fragen, Kind willst du was essen/trinken?
Bitte mit Humor aufzufassen.
Zum Glück gibt es da das orthodoxe Postulat/Axiom welches lautet:
Die Philosophie ist nur als Dienerin der Theologie hinnehmbar.
Lieber Peter, als Grünling auf diesem Terain, möchte ich für mich auf deine Fragen antworten.
Zu 1: Nur im Sinne des o.g. Postulats und der Apologetik
Zu 2: Dialektik als Technik Apophatik-Kataphatik-Orthodoxe Theologie: ja! Als übrige bekannte philosophische Formen der "Wahrheitsbestimmung": nein!
Zu 3: siehe erste Antwort
Noch ein paar freie Gedanken von mir zu den Beiträgen...
Es gilt einzusehen das der Mensch von sich aus, aus eigener Kraft eben nie im Stande ist Gott zu begreifen, erkennen, beschreiben usw. Ohne dass "das Licht ins Auge scheint, kann das Auge auch nicht sehen".
Daher ist die "orthodoxe Dialektik" szs. zwei Seiten einer Medailie (Theologie): eben apophatische und kataphatische Theologie.
Was will ich hier hervorheben? Das ja die von Gott offenbarte Wahrheit um Ihn selbst eben von uns rezeptiv und bejahend umschrieben, ja überhaupt bewusst gedacht werden darf...dagegen alle anderen Versuche zur Klärung der Wahrheit die sich nicht auf die Selbstoffenbarung Gottes referenziert, nur verneinend/apophatisch unternommen werden dürfen.
Das gibt uns nicht nur die Gewissheit evtl. "über das Ziel (Wahrheit) hinaus zu schießen", sondern legt uns gleichzeitig ein "leichtes Joch auf" (Mt11.30).
Um den Apostel Paulus wieder einmal zu zittieren:
1.Kor 1.18Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. 19Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): «Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.» 20Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. 22Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, 23wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; 24denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
Wozu sind wir also berufen? V. Peter merkte bereits an das die ersten christlichen Apologeten (wie Justin Philosoph, Aristid usw.), sich wagten den Irrsin und Irrweg der diesweltlichen "Liebe zur Weisheit" aufzuzeigen, um dann die orthodoxe christliche Theologie in das Hirn und Herz jener einzupflanzen.
Das selbstverschuldete Nicht-Sein (Zersetzung), das wir durch unseren freien Willen zur Ungehorsam gegenüber Gott unserm Schöpfer selbst verursacht haben, können wir durch die unermässliche Gnade unseres Schöpfers und des Grundes des Allen-Sein (Existenz/Leben), wieder Rückgängig machen in dem wir wahr nehmen:
Mk9.7...Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören!
Hier endet die suche nach der absoluten Wahrheit.
Dann bleibt nur noch die Reue, die Umkehr, die Metanoia, die Theosis.
Euer primitivdenkender Br. in Christus,
milo
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protopeter
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Irgendwie könnte man schon dazu neigen, der von Ihnen vermuteten Reaktion Ihrer Oma zuzustimmen
Sie erwähnen - als (wie Sie sagen) "orthodoxes Postulat" - ein Wort, das eigentlich aus der Scholastik stammt ("philosophia ancilla theologiae est") und ursprünglich zum Ausdruck bringen wollte, daß der philosophische Diskurs als "Hilfsmittel" zur Erkenntnis von Glaubenswahrheiten dienen sollte; dazu zählen beispielsweise die schon genannten und nach orthodoxer Auffassung unannehmbaren "Gottesbeweise".
Wenn wir eine orthodoxe Philosophie wahrnehmen, so muß sie vor allen anderen Eigenschaften christozentrisch angelegt sein. Sämtliche von Menschen konzipierte Systeme sind fehlerbehaftet, ein klarer Ausdruck der eigenen Begrenzung und Sündhaftigkeit, im umfassendsten Wortsinne vergänglich. Einzig die Logoshaftigkeit der gottmenschlichen Erlösungsbotschaft erhebt sich über sämtliche enggefaßte Kategorisierungen, gibt Kunde von der wahren Universalität und ermöglicht die Überwindung des Abgrundes von Sünde und Tod. So ist genau hier die Begegnung mit der lebendigen, absoluten Wahrheit verwirklicht, konkretisiert demgemäß sich unser Sendungsauftrag und führt uns zur Zeugenschaft für das "Wort des Lebens".
Herzliche Grüße sendet
Erzpr. Peter
Dank für die Wünsche und Grüße!
Das dieses "Postulat" der Sholastik ursprünglich entstammt ist mir neu...ich habe es damals aus dem Werk "Apologetik" des bereits verstorbenen Erzpr. und Theologen Lazar Milin (Prof theol. Fak. Belgrad) entnommen, als eine besonders wichtige Priortätsfrage. Was kann wem dienlich sein? Die Philosophie der Theologie, ja...die Theologie der Philosophie, nein. Wo ist szs. die absolute Wahrheit "begraben"? Also Frage der Rangordnung, der Onthologie.
Das die christliche Philosophie auf jeden Fall, wenn sie schon ins Spiel kommt, christozentrisch sein muss, stimme ich Ihnen absolut zu.
In diesem Sinne bleiben wir doch Sklaven unseres HErrn, damit wir auch wirklich im Geiste frei sind.
Ihr fauler und nichtznutziger Schüler
Milo
Peter hat geschrieben: Im Zusammenhang der vielzitierten Theodicee (Leibniz) wird ja vor allem
Gott das Böse vorgeworfen (als müßte sich Gott angesichts des Bösen, und nicht Satan vor Gott rechtfertigen). Was ich aufgrund des realen
Schreckens, der "wie ein Löwe" alles verschlingenden Satanie, nie so recht verstanden habe, wie man vom Negativen, das doch irgendwie aus dem "Nichts" der Nihilisten (z.B. bei Nietzsche, Sartre etc.) abstammt,
als von einem "Nicht-Sein", bzw. von einer "Minderung des Seins", von
einem bloßen "Verlieren des 'Gut-Seins'" reden kann, wo wir doch alle
unsere Sünde scharf bekennen sollen, und das reale Grauen in Kriegen, Elend und Not, im denaturierten Tod vor aller Augen steht.
Lieber Peter !protopeter hat geschrieben: Lieber Peter !
Ihre Fragestellung nach dem Bösen, nach dem Urgrund allen Übels ließ mich nicht zur Ruhe kommen;
Auch mich ließ dies nicht zur Ruhe kommen.
Mit einem kurzen Einstieg in die Philosophie der Ungläubigen möchte ich versuchen dir zeigen, dass schlicht die Betrachtung des Übel Ausgangspunkt zur weiteren (Denk-)entwicklung/Lebenseinstellung ist.
Oft hören wir doch folgendes:
Es kann keinen Gott geben; denn wenn es einen gäbe, so würde dieser das Elend auf dieser Welt nicht zulassen!
Man argumentiert so, dass aufgrund allen Übels Gottes Existenz ausgeschlossen ist. Ein Widerspruch, der der fragenden Seele keine Antwort gibt. Keine Antwort nach dem Sinn des Lebens. Eine für uns nicht nachzuvollziehende Rechtfertigung des Unglaubens bzw. der Bequemlichkeit. Die Fragen bleiben.
Als Orthodoxe philosophieren wir anders:
Gerade, weil Gott uns liebt, legt er uns Bürden auf, gibt ER uns ein Kreuz, lässt Er nicht alles Üble von uns!
Dies stellt ebenfalls einen Widerspruch dar, allerdings nur auf den ersten Blick. Betrachten wir den Schmerz, Verlust, Trauer etc. als Mittel zur Verfestigung im Glauben, so erkennen wir, dass Christus uns damit enger an sich binden möchte. Auch hier ist entscheidend wie interessant der Ausgangspunkt: Aus der Liebe herraus lässt Gott das Böse (für uns verträglich) zu. Auch werden wir davor geschützt nicht überheblich zu werden. Im Schmerz, oder mit lasterfülltem Herzen suchen wir den Beistand Gottes intensiver. Man könnte sagen, wir besinnen uns stärker. Aus diesem anfänglich scheinenden Widerspruch erwächst uns die wunderbarste Perspektive. Die Liebe Christus zu den Menschen (nicht umsonst trägt Er den Namen "Menschenliebender"). Wir erhalten Antwort für den Sinn des Leidens.
Ich entschuldige mich, wenn ich in der Diskussionsführung etwas nachhinke bzw abweiche vom eigentlichen Thema. Ich wollte aber gerne noch ein paar Sätze dazu schreiben.
Stephanus
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protopeter
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Es ist wirklich erfreulich, daß sich unsere Betrachtungen in einer vielgestaltigen Weise auffächern und nunmehr gewisse grundsätzliche Standpunkte zur Darstellung gelangen. In diesem Zusammenhang seien mir einige zusätzliche Anmerkungen gestattet.
@ Br. Milo
Das von Ihnen genannte Postulat ist in der Tat scholastischen Ursprungs - ungeachtet der Tatsache, daß es von Prof. Milin verwendet wurde. Allerdings finden sich in seiner Argumentation (Ähnliches gilt übrigens für Prof. Kalezic) zahlreiche aus der abendländischen Argumentation übernommene Denkmuster - wohl mit der Intention einer allgemeinen Apologie des Christentums gegenüber atheistisch-materialistischen Angriffen; in diesem Sinne hatte dies durchaus seine gewisse Berechtigung. Demgegenüber steht jedoch die von Archimandrit Justin und seinen Schülern (insbesondere Bischof Atanasije) "spezifisch-orthodox" geprägte Apologie, die aus dem Schatz der kirchlichen Überlieferung schöpft und bewußt den Weg einer biblisch-kirchenväterlich gestützten Auslegung beschreitet.
@Sebastian
In Deinem Beitrag spiegelt sich die von Gregor dem Theologen so genannte "göttliche Pädagogie" wider, die dieser Kirchenvater schon in der Konsequenz der Urschuld, da die Menschen mit dem physischen Ende ihrer Existenz konfrontiert wurden, wahrnimmt:"...damit das Übel nicht grenzenlos werde, wird die Strafe zur Menschenliebe". Ein zusätzlicher Faktor ist die Verklärung des Leidens, die Überwindung der nach irdischer Maßgabe gesetzten Grenzen; hier integriert sich das menschliche Wesen zur Gänze in das Christusmysterium, wird - wie die Heiligen Väter sagen - zu Seinem "Mitbürger", zum Teilhaber eben auch der Auferstehung, wodurch eine definitive Sinngebung erfahrbar wird. Für eine orthodoxe Philosophie wäre es daher unstatthaft, in einer Art "Leidensmystik", wie sie in der abendländischen Spiritualität durchaus verbreitet ist, zu versinken: "Gestern wurde ich mit Dir begraben, o Christus; heute bin ich gemeinsam mit Dir, der Du auferstandest, auferweckt" - diese Worte des Osterfestkanons geben nicht nur eine Perspektive vor, sondern demonstrieren die Realität, in der wir als "Kinder des Lichtes" wider alle Bedrängnisse unseren Weg beschreiten sollen - dies ist unsere Hoffnung, unsere Erwartung und unser Wissen.
In der Liebe Christi grüßt
Erzpr. Peter
Dialektischer Idealismus?
Die Frage nach der Relevanz dialektischer Methode für eine orthodoxe Philosophie ist ein Teil der ?großen? Frage danach, wie sophia denn zu erlangen sei: gelingt sie nur durch göttliche Offenbarung, ist alles Philosophieren eitel und Windhauch. Gelänge es dagegen, aus der menschlichen Betrachtung der Schöpfung zu Gotteserkenntnis bzw. Offenbarung absoluter Wahrheit zu gelangen, würde es sich lohnen, über die Frage nachzudenken.
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert...
Jedes philosophische Denksystem ist von seinem Erfinder geprägt ? sonst gäbe es nicht so viele davon. Der Denker wiederum kann nur im Rahmen seines gesellschaftlichen Umfeldes genial sein ? Grenzen entstehen immer wieder neu. Dies alles sind starke Indizien dafür, dass die Hoffnung auf eine orthodoxe (rechte, richtige, wahre) Philosophie unbegründet ist.
Es mag von gewissem Interesse sein, die Bewegungen des philosophischen Diskurses zu verfolgen und dort, wo Philosophie Erkenntis über die Göttlichkeit der Schöpfung fördert, zu partizipieren. Die Gefahr ist groß, dabei ?erkenntnissüchtig? zu werden und sich in Spekulationen zu verlieren.
... es kommt aber darauf an, sie zu verändern.
Besonders problematisch wird es, wenn sich Philosophie zu Utopien hinreißen lässt und versucht, ihren Ideen ?materielle Gewalt? zu geben, indem sie die Massen davon zu überzeugen sucht. Auch die Idee einer ?orthodoxen Weltordnung? ist da nicht ausgenommen.
Das hier stimmt mich da etwas nachdenklich:
(Peter schrieb: )
Was uns anstelle einer denkbaren christlichen Gesamtzivilisation erwartet, steht in der Offenbarung des Johannes....für eine immerhin noch denkbare christliche Gesamtzivilisation auf diesem Planeten hilfreich sein könnte. Nachdem ein gottloser Kommunismus, das praktische Resultat der materialistischen "Aufklärung", der Ablösung der "Heilsgeschichte" durch Geschichtsphilosophie, und einer "umgestülpten"
Dialektik, zumindest theoretisch diskreditiert ist, nachdem auch die
Linie des elitären Herrenmenschentums als neo-faschistoide Utopie
eines genmanipulierten Menschheits- und Völkerdesigns zumindest mit Basiswiderstand rechnen muß, besteht aktuell eine philosophische Chance, den Kategorienschatz hegelianisch-marxistischer, der kritischen
und utopischen Philosophie des ausgehenden 20. Jahrhunderts christlich-orthodox zu wenden.
Ein vielleicht bekannter Aphorismus sagt:
?Ich habe das erste Drittel meines Lebens damit verbracht, die Welt zu verändern; das zweite, meine Nächsten zu verbessern; erst jetzt habe ich verstanden, dass das Einzige, was ich ändern kann, ich selbst bin.?
Um die Welt zu verändern, brauchte es unseren Erlöser.
Um den Nächsten zu beeinflussen, muss man wohl zumindest heilig sein.
Bleibt die Arbeit an sich selbst.
Was ich damit sagen will, ist: Die ?Dialektik? für die orthodoxe Gotteserkenntnis produktiv zu machen, ist etwa so problematisch, wie die Integration der Zwölftonmusik oder des Kubismus in die orthodoxe Tradition. Man sollte von Gott dazu berufen sein und fünfzig Jahre gefastet und gebetet haben, oder die Finger davon lassen.
Gottes Segen wünscht euch
Hans-Peter
P.S.
M.W. ist der Begriff ?dialektische Theologie? schon vergeben für Theorien von Schleiermacher bis (vor) Barth. Charakteristisch ist hier die Abwendung vom Absoluten, die Relativierung des Glaubens, der Versuch, den Glauben herbeizudenken. Auch dies ein Indiz dafür, dass gerade das Wesentliche unserer Theologie mit dialektischen Mitteln nicht erfasst werden kann, weil es zum Absoluten eben keine Antithese gibt (ist ja schon gesagt worden).
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protopeter
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Ihr Beitrag bringt uns der orthodoxen Philosophieauffassung, ihrer Christozentrizität und der Notwendigkeit geistlicher Einübung (askésis) um ein wesentliches Stück näher. Die Annäherung an die offenbarte Wahrheit gottmenschlicher Dimension in Christus kann und darf kein Gegenstand der Dialektik sein; wie Sie überaus zutreffend sagen, erweist sich in ihr zwangsläufig der jeweils subjektive Zugang des einzelnen Urhebers.
Allerdings würde ich die Hoffnung auf eine orthodoxe Philosophie a priori doch nicht aufgeben; sie ist vor allem als eine Manifestation des kirchlichen Sendungsauftrages zu begreifen. Ein wesentlicher Kernpunkt - und auch diesen erwähnen Sie - ist die Erfüllung der Heiligkeitsberufung; die Heiligkeit ist dementsprechend ja die unmittelbare Berufung des Christen; dies ist uns sowohl durch die Lehre der Apostel und Kirchenväter als auch durch ungezählte Beispiele im Laufe der Kirchengeschichte klar vor Augen geführt. Als Folge davon wäre das einzig wahrhaftig philosophische Leben eine Existenz, die sich in entsprechender Weise orientiert.
In weiterer Folge bleibt allerdings auch die Aufgabe zur alles umgreifenden und integrierenden Zeugenschaft bestehen - es ist mehr als evident, daß man dabei an der Übereinstimmung von Wort und Tat gemessen wird; es handelt sich dann vor allem darum, den Grundwert der Erlösungsbotschaft erfaßt zu haben und ihn vor der Welt glaubhaft vertreten zu können. Da nun die orthodoxe Sicht der Dinge eben den Aspekt der All-Einheit zu vermitteln trachtet, ergibt sich daraus eine Verflechtung der Seinsbereiche (Diesseits und Jenseits); in dieser Realität entwickelt sich wahrhaft umfassende Liebe zur (Göttlichen) Weisheit, die sich nicht an Abstraktionen orientiert oder diversen Utopien nachzujagen bemüht ist, sondern die konkrete Heilsgewißheit vor Augen hat.
Es ist auch mehr als klar, daß die Eingliederung und Teilhabe an einem solchen universell-dynamischen Prozeß zuallererst durch die schon apostrophierte "Arbeit an sich selbst" geschehen muß; der Mensch als mit unvergleichlicher Würde ausgestattetes Wesen ist gerufen, das Notwendige zu erkennen und es dann auf Basis des aus dem Glauben kommenden Ethos entsprechend zu verwirklichen.
Mit besten Segenswünschen grüßt
Erzpr. Peter