protopeter hat geschrieben:Liebe Forumsmitglieder !
Angesichts der Tatsache, daß die Orthodoxe Kirche in den letzten Jahrzehnten innerhalb der Industriegesellschaften Mittelwesteuropas Verbreitung fand, scheint es mittlerweile fraglos vordringlich, auch ihr eigenes gesellschaftsprägendes Profil deutlicher in Erscheinung treten zu lassen: Dazu zählen in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß eben auch Fragen, die auf die Orthopraxia - die aus dem Glaubensleben entspringende Lebenshaltung - Bezug nehmen.
Hallo Vater Peter,
nun sind schon einige Wochen seit deiner Themeneröffnung vergangen und ich kann mir vorstellen, dass dich unsere Meinung brennend interessiert.

Zum guten Anfang vielleicht eine kleine Definition des Begriffes Ethik, um hier einen Ausgangspunkt zu finden. Die für unsere Diskussion interessanten Aspekte habe ich hervorgehoben.
Wikipedia hat geschrieben:
Die Ethik (griechisch ηθική [επιστήμη], ?die Sittliche [Wissenschaft]?, von ήθος, éthos, ?gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch;
Charakter, Sinnesart?, vergleiche lateinisch mos) ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie. Die Ethik ? und die von ihr abgeleiteten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) ? bezeichnet man auch als
?praktische Philosophie?, da sie sich mit dem
menschlichen Handeln befasst (im Gegensatz zur ?theoretischen Philosophie?, zu der die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik als klassische Disziplinen gezählt werden).
Um nun auf deinen oben stehenden Einleitungsabsatz zurück zu kommen, möchte ich versuchen anhand
eines (es gibt wohl weit mehrere) gesellschaftlichen "Profilpunktes" orthodoxe Identität im westlichen Raum deutlich werden zu lassen:
- Das Auftreten des Orthodoxen Christentums in der Gesellschaft
Im klaren Gegensatz zu manch "globalisierten" , neueren Glaubensgemeinschaften zum Beispiel aus dem nordamerikanischem Raum (Mormonen) , den Zeugen Jehovas, oder Neuapostolen, aber auch weitaus älteren christlichen Gemeinschaften, wie der röm. Kath. Kirche übt die Orthodoxe Kirche keine "aufdringliche" Mission aus. Es finden keine großen (Werbe-)Kundgebungen, riesige Armenspeisungen (die auch und vor allem den sozialen Charakter einer Gemeinschaft betonen und Akzeptanz bewirken sollen) statt, auch kein "von Tür zu Tür" Gelaufe mit dem Zweck sich und seine Glaubenswelt "vorstellig" zu machen. Aus meiner Zeit in der Neuapostolischen Kirche ist mir noch in äusserst guter Erinnerung, wie man versuchte (und versucht) durch sogenannte "Gästegottesdienste" , deren Predigten auf austenstehende Ohren abgestimmt wurden, Menschen für den na-Glauben zu gewinnen. Das sogenannte Orthodoxe Zeugniss in der Welt hingegen basiert auf, der hier im Forum schon oft erwähnten, Grundlage von
Orthodoxia und
Orthopraxia und der aus diesem synergetischen Wirken nach Aussen strahlenden Kraft. Meine bescheidene Erfahrung zeigt mir, dass diese niemanden aufdringliche und schon gar nicht aufzwingende Haltung beim globalisierten, in Mitten der Gesellschaft stehenden Menschen Mehreres zugleich bewirkt: 1.) Sympathie (allein schon aus dem einfachen Grund, dass man nicht "belästigt" wird), 2.) Interesse (was haben diese Menschen, was ihnen soviel Freude im Leben bereitet?), 3.) Vermittlung eines authentischen Lebenswandels der Gläubigen im und mit dem Glauben.
Es wäre allerdings vermessen zu denken, dass der Grund für den stetigen Zuwachs der Orthodoxen Kirche von westlichen Erdenbürger(innen)n, allein auf dieses orthodoxe Gesellschaftsprofil/Zeugniss zurückgeht. Das Wirken des Hl. Geistes an dem Menschen darf mE nie zu gering geschätzt werden. Wobei wir uns bei der Lenkungsweise Gottes an dem Menschen gleichzeitig im Bereich des transzedenten, göttlichen Handelns und somit der "göttlicher Ethik" (sofern dieser Terminus erlaubt ist) aufhalten

.
Im Versuch, Klärungen, die aus der rechtgläubigen Tradition kommen, vorzunehmen, sollten eigentlich Darstellung und Auslegung eigener Grundprinzipien Vorrang haben; indessen geschieht es in der Praxis allzu oft, daß zur Darlegung orthodoxer Wertevorstellungen an (zumeist im Allgemeinen wesentlich bekanntereren) heterodoxen Positionen Maß genommen wird und solchermaßen die ursprüngliche Lehre unserer Kirche deutlich relativiert erscheint.
Ein zweiter "Profilpunkt" orthodoxer Identität in der Gesellschaft ist die Ausgewogenheit in der Betrachtung profaner, sowie spiritueller Bedürfnisse der Gläubigen. Um dem Versuch der Beschreibung einer orthodoxen Ethikshaltung gerecht zu werden, kommt man wohl nicht drum rum, auch zu schauen, was "die anderen" machen. Um dies in keiner abwertenden Art zu tun hebe ich die positiven Beispiele hervor: Es ist lobenswert, wie sich vor allem "die großen Kirchen" in Deutschland für Arbeitslose engagieren, gegen Krieg und Terror zu protestieren, Kindergärten/heime, Schulen, Krankenhäuser und ausgebildetes Personal zur verfügung stellen, Armen und Obdachlosen helfen etc. Dies alles ist sehr lobenswert, auch wenn bei all dem gewisse Hintergedanken eine Rolle spielen mögen, denn davon sind auch wir nicht immer frei). Wenn auch nicht in dieser Art, so wird doch auch in unserer Kirche, der Begriff Nächstenliebe groß geschrieben. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass sich die "Großen Kirchen" eines schleichenden "Martaprozesses" ergeben (dies war auch Diskussionsgrundlage im kleinen Kreis in unserer Gemeinde; Gruß an Robert aka Nikolaj falls du dies liesst

).
Die Hl. Schrift / LK 10, 38 - 42 hat geschrieben:
38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. 39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. 42 Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
Marta kümmerte sich ausschließlich um das leibliche Wohlergehen ihres gottmenschlichen Gastes, während Maria das Gute erwählte. Das Bemühen um irdisches Wohlergehen bzw Zufriedensein ist im Hinblick auf die Praxis in der Nächstenliebe überhaupt nicht verwerflich, allerdings hinterfrage ich, wie bei dieser Fokusierung auf irdische Belange, die gläubige Seele ihre Wegzehrungen zum ewigen Heil erhält? Es hat für mich den Anschein, als hätte der Martaprozess in manchen Teilen der sog. "Großen Kirchen" bereits Einzug gehalten. Man wuselt hier, gibt dort Stellungnahmen zur wirtschaftlichen Situation und der globalen Erderwärmung, kritisiert Teile von Hartz 4, läuft Sturm gegen den Kosovoeinsatz der Bundeswehr, befasst sich mit dem demographischem Faktor und dem ja ach so ungerechten Gesundheitssystem etc. Nochmals anmerken möchte ich, dass diese Punkte sicherlich ihre Bedeutung haben, in Hinblick auf unser Seelenheil jedoch meist eine zweitrangige Rolle "spielen". Nach orthodoxer (Wert)Vorstellung ist mE eine klare Ausgewogenheit bzw Prioritätensetzung zu erkennen; die Kirche weiß sehr wohl um unsere profanen Sorgen und Nöte und leistet Hilfestellung, wo sie kann (das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen)! Der spirituelle Teil unseres Lebens wird jedoch nicht nur leicht akzentuiert, sondern erfährt die volle, ihm gebührende Zuwendung. Die Kirche sorgt sich nicht nur um unser leibliches, sondern auch um das seelisches Heil der Gläubigen. Aus dieser Fürsorge herraus ruft sie u.a. zum Fasten, zur Besinnung auf Christi, zum häufigen Gebet, zur Buße, Beichte und Umkehr, zum häufigen Empfang der Hl. Kommunion auf. Dieses wird von Aussenstehenden sehr wohl zur Kenntnis genommen und ist daher mE ein großartiger Orthodoxer Profilpunkt in einer immer hektischeren, nach irdischen Gütern strebenden und global agierenden Gesellschaft, zumal Dinge wie Fasten im westlichen Raum z.T. ganz abgeschafft wurden, in Vergessenheit gerieten, oder einfach nicht verstanden werden (Fasten ? Nee, dat is mir zu extremistisch).
Um einen Abschluß zu finden, versuche (ob es mir gelingt ist eine andere Sache) ich in einem Satz zu verdeutlichen, was orthodoxe Ethik im Zeitalter der Globalisierung ist: Orthodoxe Ethik ist geprägt vom Hinführen der Gläubigen zum ewigen Heil in Christus, bei gleichzeitigem "Nicht - die - Augen verschließen" vor irdischen, gesellschaftlichen oder globalen Herrausforderungen, Problemen, Sorgen und Ängste.
Ich hoffe ich konnte zumindest ansatzweise deinem Thema förderlich sein und verbleibe mit brüderlichen Grüßen
S.