Lieber 1389.,
ich war im März 1997 zum ersten und bisher einzigen Mal auf dem Athos. Um die formellen Sachen und auch mit Rat und Tat stand mir mein Bruder zur Seite, der sehr oft auf dem Athos war.
Nachdem er den Papierkram erledigt hatte, sind wir dann von Thessaloniki aus mit dem Bus nach Ouranoupolis gefahren, der Hafenstadt, von der man dann zum Athos fährt.
Der Athos darf nur über den Wasserweg angefahren werden. Je nachdem, in welches Kloster man will, kann man entsprechend aussteigen, die Fähren fahren mehrere Anlegestätten an.
Auf dem Athos hat ein Fahrzeug Seltenheinswert. Besuche anderer Kloster werden auf Schusters Rappen durchgeführt. Da kommt schon mal ein mehrstündiger Fußweg in Betracht, aber den sollte man genießen!
Auf dem Athos wird es schneller dunkel als woanders in Europa... Das bedeutet, dass Strom nicht überall zu finden ist. Man versteht plötzlich, dass zuviel Licht auch Verschmutzung sein kann.
1997 waren Handys noch nicht sehr verbreitet, deshalb trat die Benutzung eines solchen für mich nicht als Frage auf; ich würde zwar heute eins mitnehmen, aber nur im Notfall einschalten. Ich möchte nicht derjenige sein, dessen Handy mitten in der Liturgie klingelt.
Ein normaler Aufenthalt beträgt drei Tage. Darf man länger bleiben, dann muss man auch an den alltäglichen Arbeiten teilnehmen - was sehr fair ist.
Gespeist wird immer gemäß der tagesaktuellen Fastenregel, man kann also nichts falsch machen. Während des Essens wird aus der Hl. Schrift vorgelesen. Der Mönch, der ließt, darf nach dem Essen alleine speisen. Ich nehme an, dass sich die Leute dort abwechseln.
Die Mönche stellen vieles selber her: natürlich werden Ikonen gemalt, Gebetsknotenbänder geknüpft, Souvenirs gibt es auch; aber es wird auch gewinzert und gebrannt. Und das Zeug ist auch sehr lecker
An das Programm der Liturgien kann ich mich nicht genau erinnern, aber man wird durchaus auch mitten in der Nacht geweckt, um am Gottesdienst teilzunehmen (deshalb geht man ja auch hin - nicht des Tourismus' wegen). Auch daran erinnere ich mich nicht richtig, aber mir scheint, dass die Uhrzeit auf dem Athos unteschiedlich ist.
Ich hatte keinen einzigen Mönch erlebt, der mir die Chance gegeben hat, ihm die Hand zu küssen. Stets haben sie sich vor mir erniedrigt, indem sie ihre Hand (mit meiner) von mir wegzogen, indem sie sich vor mir verbeugten - das hat mich wirklich immer sehr beschämt.
Die Kleiderordnung ist kein großes Thema. Unnötig nackte Haut sollte man vermeiden. Ich empfehle festes Schuhwerk (die Wanderwege zu anderen Klöstern sind nicht asphaltiert).
Die Teilnahme an der Liturgie, speziell nachts nur mir Kerzenlicht, ist atemberaubend. Der Athos verfügt über solch einen geistigen Reichtum, dass meine Worte versagen, um all das zu beschreiben.
In den drei Tagen habe ich gespürt, wie meine Seele Frieden fand, etwas, dass mir noch kein einziger Urlaub gegeben hat. Kein übermäßiges Lachen (Spaßgesellschaft ade), kein Schreien, kein Fluchen, nur Leute, die die Situation ihres Aufenthalts würdigen. Man fühlt sich mit allen Menschen dort verbunden, auch wenn sie noch so unterschiedlich sind. Ich glaube, wir alle verhalten uns auf dem Athos menschlicher, unserer Taten und Worte sehr viel bewußter als im Alltag.
Ich hatte die Ehre, mit einem Klostervorsteher sprechen zu dürfen, den mein Bruder kannte. Er war damals krank und bettlägerig. In seinen jungen Jahren hatte er auf Samothraki (die Insel, aus der meine Eltern stammern) gedient und somit einen "besonderen Draht" zu uns, weil er viele unserer Alten kannte.
Der Mensch war so was von lieb. Ich war so traurig, als ich später erfuhr, dass er gestobern ist.
Abends saßen wir mit Mönchen in einem Gemeinschaftsraum. Wie gesagt, gab es keinen Strom - haben wir auch gar nicht gebraucht. Anstatt zu fernsehen, hat man sich unterhalten. Und dabei stellte sich auch heraus, dass die Mönche keine staubtrockenen Asketen sind, sondern durchaus über sehr guten Humor verfügen.
Von den Besuchern werden fast ausschließlich religiöse Themen angeschnitten, die natürlich auch besprochen wurden. Irgendwann mal aber hatte der Mönch dann die Augen verdreht und uns mit einem Grinsen gesagt, wir könnten ja mal auch mal erzählen, was so in der Welt vor sich geht, das fände er auch interessant. Komischerweise trat da immer Schweigen auf.

Von meiner Seite aus war es so, dass mein Hirn und mein Herz sich für diese drei Tage eigentlich von der Außenwelt verabschiedet hatten...
Frauen wird man nicht sehen, denn es ist ihnen nicht gestattet zum Athos zu gehen. Der Grund ist wohl, dass der Athos der Allheiligen gewidmet ist (Athos = der Garten der Allheiligen). Es gab aber wohl die eine oder andere Ausnahme. Gehört habe ich von einer byzantinischen Kaiserin, die tatsächlich den Athos betreten durfte (ins Kloster durfte sie aber nur durch einen Seiteneingang) und von einer Frau, deren Kind auf dem Athos gestorben war. Sie wurde mit einem Boot nahe ans Ufer gefahren, um die Stelle zu sehen, an der ihr Sohn starb, aber sie durfte nicht an Land.
Ich glaube nicht, dass ich mich durch Fasten vorbereitet hatte (ich kann mich allerdings nicht genau daran erinnern) würde es aber auf jeden Fall tun, um meine Seele vorzubereiten.
Ich speziell fühle mich - auch durch meinen Bruder - dem Kloster Iviron verbunden - wenn ich das so sagen darf. Dies soll die Bedeutung der anderen Klöster für mich nicht abmindern.
Der Grund ist, dass es im Dorf, aus dem meine Mutter stammt, ein kleines Kloster des Hl. Athanasios existiert (also mein Namensvetter). Das Kloster "untersteht" dem Kloster Iviron. Daher die Verbundenheit.
Ich würde so gerne wieder auf den Athos gehen und hoffe sehr, dass sich in Zukunft wieder die Möglichkeit hierzu ergibt.
Was ich nicht weiß, ist, wie es sich mit Besuchern, die nicht griechisch/slawisch reden, verhält. Aber ich denke schon, dass es Mönche gibt, die des Englischen oder sogar des Deutschen mächtig sind. Ich kann mich hierzu auch gerne mal erkundigen.
Ich hoffe, ich konnte hier ein bißchen Interessantes vermitteln. Bestimmt gibt es Forumteilnehmer, die öfter und länger dort waren und viel mehr zu berichten haben.
Einen gesegneten Sonntag,
Nassos