Lieber Filip
danke für die Klarstellung zu dem, was Du meinst…
Filip hat geschrieben:
naja ich vermeide den begriff Orthodoxe Kirchen... es gibt ja nur eine Orthodoxe Kirche... diese "serbisch", "griechisch" etc Kirchen bezeichne ich als gemeinden...
Ich möchte trotzdem, bevor ich auf die eigentliche Frage der Autokephalie zurückkomme, hier kurz einhaken.
Der Begriff
Kirche wird in der (deutschen) Sprache mehrfach verwendet.
1. Da ist die Kirche als „Braut Christi“, als Gesamtheit, die eine irdische und himmlische Kirche ist. Das ist die Bedeutung, die Du in Deiner Erläuterung meinst.
2. Kirche wird aber auch als Synonym für die lokalen Kirchen verwendet, welche in ihrer Einheit die Kirche (nach Bedeutung 1) bilden. Hierfür als Synonym im Sprachgebrauch den Begriff „Gemeinde“ zu verwenden, ist m.E. etwas irritierend.
Heitz schreibt dazu in
"Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit":
„Nach orthodoxem Verständnis verwirklich sich die kirchliche Einheit konkret in der lokalen Kirche, die sich um den Bischof versammelt, der in der Nachfolge der Apostel alle Sakramente verwaltet, der Verkündigung des Evangeliums vorsteht und die oberste seelsorgerliche Verantwortung trägt.“
Diese zweite Bedeutung steht auch in direktem Zusammenhang zur Frage nach der Autokephalie.
3. Kirche als das Gottesdiensthaus.
Zum ursprünglichen Thema
„Autokephalie“:
Wie oben geschrieben, besteht die Kirche in ihrer Einheit seit den Zeiten der Apostel aus den einzelnen Lokalkirchen. In den Frühzeiten bildeten sich Strukturen heraus, bei denen mehrere Lokalkirchen (Bistümer oder Diözesen) Patriarchate bzw. auch autokephale Kirchen bildeten.
Jede Lokalkirche hatte (bzw. hat) ein kanonisches Territorium. Anfangs gab es fünf Patriarchate, jedes war für ein bestimmtes Gebiet zuständig. Gewissen Kirchen wurde eine Selbständigkeit gewährt, diese wurden autokephal.
Die Autokephalie bedeutet, dass
a) die Lokalkirche ihr Oberhaupt selbst bestimmt (ohne Bestätigung des „Mutterpatriarchats“),
b) ein eigenes Bischofskonzil (Synode) besteht,
c) eine eigene Kirchengerichtsbarkeit besteht und sich die oberste Instanz in der Lokalkirche befindet,
d) das Myron für die Myronsalbung selbst hergestellt wird.
Wann kann eine Kirche autokephal werden? Es muss sich dafür eine bedeutende Mehrheit von Gläubigen, Bischöfen und dem Klerus dafür aussprechen und das „Mutterpatriarchat“ dieses dann auch bestätigen. Nur wenn
alle diese Bedingungen erfüllt sind, kann eine Lokalkirche autokephal werden.
Das heißt aber auch, dass die Lokalkirche z.B. mindestens vier Bischöfe hat, um überhaupt in der Lage zu sein, autokephal zu werden – damit sie selbst Bischöfe weihen kann, ein Oberhaupt bestimmen kann und ein bischöfliches Konzil stattfinden kann.
Soweit, so einfach. Nun gibt es aber auch Gebiete in der Welt, die nicht zu den ursprünglichen kanonischen Territorien der vier alten altkirchlichen Patriarchaten und den später in der nachkaiserlichen Zeit gegründeten Patriarchaten gehören. Ein besonderer Fall ist z.B. Mitteleuropa. Hier war das Patriachat von Rom zuständig, nach dem großen Schisma im Jahr 1054 gehört dieses aber nicht mehr zur orthodoxen Kirche, sondern bildet die römisch-katholische Kirche. Damit ergibt sich die Situation, dass sich Diasporagemeinden verschiedener orthodoxer Lokalkirchen gebildet haben und de facto mehrere Bistümer sich auf dem gleichen Territorium befinden, was dem Territorialprinzip widerspricht. Die Bildung einer Lokalkirche, die dann ggf. eine autokephale wäre, könnte diesen Widerspruch beseitigen, es ist aber dahin ein langer Weg. Für die aktuellen Entwicklungen s.a.
den Beitrag auf bogoslov.ru.
Soweit ein kurzer Abriss von mir dazu, für tiefergehendes empfehle ich sehr
die Beiträge von Erzpriester Vladislav Tsypin zum Thema Kirchenrecht (in russischer Sprache), die ich auch als Grundlage für das hier Geschriebene verwendete.
In Christo
Igor