Glaubenskrieg im Veneto
Verfasst: 28.07.2010, 17:15
Wie kommt es, dass in Montanèr eine orthodoxe neben einer römisch-katholischen Kirche steht? Über ein Kirchen-Schisma in den italienischen Voralpen, das 1968 eine Ortschaft teilte.
Auf halber Höhe zwischen der Terraferma Venedigs und dem sagenumwobenen Wald von Cansiglio an der Flanke des Monte Cavallo erstreckt sich das Gemeindegebiet von Sàrmede. Im unteren Teil sind die Hügel von dichten Weingärten bewachsen, unterbrochen durch silbrig schimmernde Olivenhaine. Rotwein – Cabernet franc und Merlot – wird hier angebaut, den man zu leichtem Tafelwein keltert. Natürlich wächst hier auch die Prosecco-Traube – ihre Heimat Valdobbiadene ist ja nur eine halbe Autostunde entfernt.
Weiter oben, wo Akazien und Kastanienbäume gedeihen, liegt der Ortsteil Montanèr, wo dem aufmerksamen Wanderer ein kleiner Wegweiser ins Auge fällt: "Chiesa Ortodossa" . Wie, eine orthodoxe Kirche? Hier im katholischen Kernland zwischen Alpen und Adria? Die nächstgelegenen orthodoxen Kirchen befinden sich in Triest und Venedig. Im Veneto bestimmen die klassischen Campanile das Ortsbild; die Kirchen und Kirchlein im Trentino erinnern an Oberbayern.
In Montanèr aber erhebt sich unterhalb der stattlichen Kirche seit nunmehr vierzig Jahren ein trutziger, dunkelroter Bau, neben dem ein mächtiges, bronzenes, orthodoxes Kreuz aufragt. Es handelt sich um ein Gotteshaus mit angeschlossenem Frauenkloster.
Schwester Ivana empfängt mich, eine junge, hübsche, schwarz gekleidete Nonne mit fröhlichem Blick und wachem Intellekt. Sie stammt aus Lettland, spricht aber perfekt Italienisch. Wir betreten gemeinsam die, bis auf den Altarbereich, schlicht gehaltene postmoderne Kirche.
Rund vierzig ortsansässige Familien, erklärt Schwester Ivana, werden derzeit von hier aus betreut. Dazu kommen viele orthodoxe Gläubige aus dem Friaul und dem Veneto, die am Sonntag an der Messe teilnehmen, Gastarbeiter und Migranten aus dem Osten, vom Balkan oder den Ländern des Nahen Ostens. Die Kirche sei gut besucht. Pater Athenagora, der die Messe zelebriert, ist sehr beliebt. Zu hohen kirchlichen Feiertagen komme manchmal auch der zuständige Patriarch – ja sogar der von Antiochia sei schon zu Besuch gewesen.
Die orthodoxen Familien, von denen die Rede ist, waren bis Ende der 1960er Jahre allerdings brave Katholiken gewesen. Aber nach dem Tod des altehrwürdigen Monsignore Faè, der von 1927 bis 1967 Seelsorger im Ort war, brach – ausgelöst durch die Personalpolitik des Vatikans – eine Revolu- tion aus, welche die Dimension eines kalten Glaubenskrieges annahm. Die Ursachen für diesen lokalen Religionsstreit liegen jedoch noch weiter zurück: in der Mussolini-Ära und in den sozialen Veränderungen der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert.
Don Giuseppe Faè – Militärpfarrer im Ersten Weltkrieg und ob seines Engagements für die Kriegswaisen mit dem Orden "Cavalliere della Corona" ausgezeichnet – war Schriftleiter von "L’Azione", der Diözesan-Zeitung von Vittorio Veneto. Als es 1924 in Mailand zu einer Welle der Gewalt gegen Andersdenkende kam, schrieb er einen flammenden Artikel gegen die Barbarei des Faschismus unter dem Titel: "Brechen wir das Schweigen!"
Trotz der empörten Intervention des Bürgermeisters der Stadt beim Bischof wollte Don Faè nicht schweigen. Im November 1926 stellte man ihn zusammen mit anderen Antifaschisten vor dem Rathaus von Vittorio Veneto an den Pranger. Er wurde verhöhnt und angespuckt. Schließlich flößte man ihm zum Gaudium des Pöbels Rhizinusöl ein. Im Jänner 1927 wurde er als Dorfpfarrer nach Montanèr strafversetzt.
Und dort begann Don Faè ein segensreiches Werk. Er war ein einfacher, aber praktisch denkender Mann. Dank seiner Initiativen erhielt der Ort ein kleines Waisenhaus, ein Postamt, sowie zwei tägliche Busverbindungen nach Vittorio. Er bestellte selbst den Garten des Pfarrhauses und gründete eine Seidenraupenzucht. Ihm zur Seite stand seine sieben Jahre jüngere Schwester Giovanna, die sich zu einer Art Mutter Teresa von Montanèr entwickelte – eine Frau von durchaus sanftem Gemüt, die in entscheidenden Situationen jedoch resolut zu handeln verstand.
Als Pfarrer war Monsignore Faè sozusagen der verkörperte Zorn Gottes. Er predigte im venezianischen Dialekt, herrschte die Gläubigen an, vor dem Herrgott in Demut niederzuknien, zu beten und Buße zu tun. Dennoch war ihm die Gemeinde zugetan, zumal da es wiederholt zu an Wunder grenzenden Heilungen von Tieren und Menschen kam, wenn seine rigiden Buß-Rituale befolgt wurden.
Die einen hielten ihn für einen Heiligen, andere verdächtigten ihn, Geheimwissenschaften oder gar Alchimie zu betreiben. Sicherlich war er ein schrulliger Kauz, ein eher schwieriger, komplexer Charakter mit einem Hang zu kompromissloser christlicher Lebensführung. Auch war sein Verhältnis zu Frauen – abgesehen von dem zu seiner Schwester – höchst problematisch.
Widerstandszelle Pfarre
Von Beginn des Zweiten Weltkriegs an war das Pfarrhaus Treffpunkt von Antifaschisten und Kriegsgegnern, zu denen auch zahlreiche örtliche Kommunisten gehörten; kurzum, eine Widerstandszelle. Als nach dem ersten Sturz Mussolinis im Oktober 1943 die deutsche Armee die Macht in Norditalien an sich riss – ihr Hauptquartier lag bis Kriegsende im nahen Treviso –, wurde Don Faè zu einer Zentralfigur der örtlichen Resistance.
Nur wenige hundert Höhenmeter oberhalb von Montanèr beginnt der Selva di Cansiglio, ein riesiges Waldgebiet unterhalb des Monte Cavallo, das sich bis hinauf ins Cadore erstreckt. Dort tauchte die wichtigste Partisaneneinheit des Veneto unter, die Division Nanetti, zu der auch der damals junge Maler Emilio Vedova gehörte.
Almen, Köhlerhütten und die Sandsteinhöhlen der "Grotte del Caglieròn" dienten als Verstecke für Menschen und Munition. Im Pfarrhaus von Montanèr wurden nicht nur Kommando-Aktionen besprochen, sondern dort fanden neben Partisanen auch Deserteure und entflohene politische Häftlinge Zuflucht. Versorgt von Schwester Giovanna, wurden sie im Morgengrauen von den Partisanen aus dem Kampfgebiet geschleust.
Im April 1944 wurde die Widerstandsgruppe verraten. Zwei angebliche Flüchtlinge tauchten im Pfarrhaus auf, doch verschwanden im Dunkel in der Nacht. Am nächsten Morgen holten faschistische Polizisten und Wehrmachtssoldaten Don Faè und Giovanna ab. Die beiden wurden zunächst ins Gefängnis nach Pordenone, später nach Udine gebracht, wo sie vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt – schließlich jedoch zu lebenslanger Haft begnadigt wurden. Der Pfarrer wurde auf Intervention des Bischofs von Vittorio im dortigen Konvent unter Hausarrest gestellt. Schwester Giovanna wurde im Oktober 1944 ins Konzentrationslager von Flossenbürg gebracht, wo sich ihre Spur verliert. Die Schule von Montanèr ist heute nach ihr benannt.
Monsignore Faè aber kehrte nach Kriegsende in seine Pfarre zurück, der er – von allen politischen Fraktionen und der Bevölkerung geachtet – bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1966 vorstand. Nun galt es, einen würdigen Nachfolger zu suchen.
Zu dieser Zeit war Albino Luciani, der spätere Papst Johannes Paul I., Bischof von Vittorio. Er verweigerte die Ernennung des in Montanèr beliebten Seelsorgers Don Antonio Botteòn aus dem nahen Capella Maggiore zum Ortspfarrer, und entsandte stattdessen einen ortsfremden, als sehr konservativ geltenden Priester. Die Gemeinde protestierte – erfolglos.
Der Bischof blieb stur. Selbst der Canossagang dreier hochdekorierter alter Partisanen nach Rom fruchtete nichts. Sie wurden von der zuständigen Kurie nicht einmal empfangen. Da begann der Volkszorn zu kochen. Und als dann im Jänner 1967 der neue, ungeliebte Pfarrer mit dem Möbelwagen vorfuhr, wurde er von den aufgebrachten Dorfbewohnern am Aussteigen gehindert. Die Türen des Pfarrhauses und der Kirche wurden zugemauert.
Was nun folgte, klingt wie eine Episode aus "Don Camillo und Peppone". Der Bischof ließ die Mauern niederreißen. Aber niemand ging jetzt mehr in die Kirche. Die heilige Messe wurde aus Protestgesinnung in einer Garage zelebriert, die Gläubigen fuhren in die umliegenden Gemeinden zur Beichte, zu Priestern ihres Vertrauens. Alle Vermittlungsversuche zwischen Bischof und Gemeinde scheiterten. Schließlich kam als Kompromiss-Kandidat Padre Casimiro, ein verschlossener Mann, der sein Amt nach Vorschrift ausübte – und nach ein paar Monaten eines Nachts unter Zurücklassung seiner persönlichen Habe verschwand. (Niemand kann sagen, was aus ihm geworden ist.)
"Katzen" und "Mäuse"
Manche Katholiken waren inzwischen des Streites müde geworden und suchten die Versöhnung mit der Amtskirche. Die Mehrheit aber blieb unbeugsam und lebte weiterhin im Widerstand. Zu Ostern 1968 kam es zum Eklat. 68 Prozent der Gläubigen im Ort traten geschlossen aus der Katholischen Kirche aus – und schrieben sich noch am selben Tag in der Orthodoxen Kirche ein. Ein Pope aus Turin kam auf Vermittlung einer wohlhabenden Gemeindebürgerin nach Montanèr und zelebrierte das österliche Hochamt. Von nun an war der Ort durch eine geistige Mauer getrennt.
Die Parteigänger des Protests wurden i gatti , die Katzen, genannt; die verbliebenen römisch-katholischen – in der Hauptsache Bauern aus den dörflichen Randgebieten – topi (Mäuse). Und schließlich kristallisierte sich noch eine Fraktion heraus: die der cameleonti , der Chamäleons. Das waren jene, die in der Öffentlichkeit gewisser Vorteile wegen sich zwar der Anti-Rom Bewegung anschlossen, aber heimlich die katholischen Kirchen der umliegenden Städte frequentierten, dort die Beichte ablegten und ihre Kinder taufen ließen. Die Situation war grotesk. Was wie eine amüsante Provinz-Posse anmutete, entwickelte sich allerdings zu einem unerbittlichen Krieg zwischen den Fraktionen, samt sozialer Ächtung und Psycho-Terror. Die Religionsspaltung ging quer durch die Familien.
Es war dies eine Zeit politischer und sozialer Umbrüche in Italien, eine Zeit der Unruhe, die in den Jahren des "compromesso storico" begann und schließlich Craxi und seinen politischen Ziehsohn Berlusconi ermöglichte. Das alte Klassen- und Kastensystem auf der Apenninen-Halbinsel geriet ins Wanken, und neue Klassen bildeten sich heraus. Da gab es nun die sogenannten arrivati , die Angekommenen, die nach der Wirtschaftskrise der fünfziger Jahre erfolgreich neue Unternehmen gegründet und es zu ansehnlichem Wohlstand gebracht hatten. Sie wählten – im Gegensatz zur alten besitzenden Klasse – links, oft sogar die euro-kommunistische Partei Berlinguers, ebenso wie ihre Arbeiter, wie das neue Proletariat, das aus dem Mezzogiorno, aus Kalabrien und der Basilicata, zugezogen war.
Die alte Klasse der Besitzenden, der Landadel, die alten Unternehmer aber unterstützten die Demokrazia Christiana, die allen Reformplänen hartnäckig Widerstand leistete – auf nationaler wie auf kommunaler Ebene.
Dies war der eigentliche politische Zwiespalt, auch in Montanèr. Die neue besitzende Klasse, unterstützt von den Kommunisten (!), war orthodox. In einem Handstreich wurden die örtliche Konsum-Gesellschaft übernommen und alle katholischen Angestellten gefeuert. Der kommunistische Arbeiter-Kultur- und Sportverein beanspruchte das Monopol der kommunalen Freizeitgestaltung. Die Vereinigung der Barbesitzer saß zwischen allen Hockern und blieb neutral. Die Übernahme der örtlichen Genossenschaftsbank durch die "gatti" scheiterte jedoch kläglich. Denn das Kapital blieb katholisch.
Fast eine Generation lang schwelte der kalte Glaubenskrieg weiter fort. Hochzeiten zwischen Mäusen und Katzen waren ein Sicherheitsrisiko für beide Familien; die Begräbnisse wurden zu posthumen Familientragödien von Strindbergscher Dimension. Wirtschaftliche und soziale Repressalien waren an der Tagesordnung. Erst gegen Ende des Jahrtausends entspannte sich die Lage. Man begann wieder miteinander zu reden, und die Familienfeste wurden zunehmend wieder in der katholischen Kirche gefeiert. Dazu kam, dass die orthodoxe Kirche keine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer Seelsorger bewies.
Als es Ende der achtziger Jahre im Umfeld der Jugendarbeit Drogenprobleme gab, folgte eine große Austrittswelle – und aus den Katzen wurden wieder Mäuse.
Friedliche Koexistenz
Heute leben Orthodoxie und Katholizismus in friedlicher Koexistenz. Geistliche Würdenträger besuchen einander wechselseitig in ihren Gotteshäusern, ökumenische Messen werden gefeiert. Und die Klassengegensätze innerhalb der Bevölkerung sind – wie auch im Rest Italiens – heute kein Thema mehr. Die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung wählt die Lega Nord. Der Rest huldigt Berlusconi. Die Linke hat keinerlei Bedeutung mehr.
Glaubenskriege waren und sind bekanntlich immer auch Wirtschaftskriege. So war es auch in Montanèr. Mittlerweile wohnen im Ort mehrheitlich Menschen, die erst nach 1968 zugezogen oder geboren worden sind. Die Erinnerungen an die Revolutionszeit verblassen immer mehr. Und irgendwann werden sie aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden sein.
http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefa ... cob=508833
Auf halber Höhe zwischen der Terraferma Venedigs und dem sagenumwobenen Wald von Cansiglio an der Flanke des Monte Cavallo erstreckt sich das Gemeindegebiet von Sàrmede. Im unteren Teil sind die Hügel von dichten Weingärten bewachsen, unterbrochen durch silbrig schimmernde Olivenhaine. Rotwein – Cabernet franc und Merlot – wird hier angebaut, den man zu leichtem Tafelwein keltert. Natürlich wächst hier auch die Prosecco-Traube – ihre Heimat Valdobbiadene ist ja nur eine halbe Autostunde entfernt.
Weiter oben, wo Akazien und Kastanienbäume gedeihen, liegt der Ortsteil Montanèr, wo dem aufmerksamen Wanderer ein kleiner Wegweiser ins Auge fällt: "Chiesa Ortodossa" . Wie, eine orthodoxe Kirche? Hier im katholischen Kernland zwischen Alpen und Adria? Die nächstgelegenen orthodoxen Kirchen befinden sich in Triest und Venedig. Im Veneto bestimmen die klassischen Campanile das Ortsbild; die Kirchen und Kirchlein im Trentino erinnern an Oberbayern.
In Montanèr aber erhebt sich unterhalb der stattlichen Kirche seit nunmehr vierzig Jahren ein trutziger, dunkelroter Bau, neben dem ein mächtiges, bronzenes, orthodoxes Kreuz aufragt. Es handelt sich um ein Gotteshaus mit angeschlossenem Frauenkloster.
Schwester Ivana empfängt mich, eine junge, hübsche, schwarz gekleidete Nonne mit fröhlichem Blick und wachem Intellekt. Sie stammt aus Lettland, spricht aber perfekt Italienisch. Wir betreten gemeinsam die, bis auf den Altarbereich, schlicht gehaltene postmoderne Kirche.
Rund vierzig ortsansässige Familien, erklärt Schwester Ivana, werden derzeit von hier aus betreut. Dazu kommen viele orthodoxe Gläubige aus dem Friaul und dem Veneto, die am Sonntag an der Messe teilnehmen, Gastarbeiter und Migranten aus dem Osten, vom Balkan oder den Ländern des Nahen Ostens. Die Kirche sei gut besucht. Pater Athenagora, der die Messe zelebriert, ist sehr beliebt. Zu hohen kirchlichen Feiertagen komme manchmal auch der zuständige Patriarch – ja sogar der von Antiochia sei schon zu Besuch gewesen.
Die orthodoxen Familien, von denen die Rede ist, waren bis Ende der 1960er Jahre allerdings brave Katholiken gewesen. Aber nach dem Tod des altehrwürdigen Monsignore Faè, der von 1927 bis 1967 Seelsorger im Ort war, brach – ausgelöst durch die Personalpolitik des Vatikans – eine Revolu- tion aus, welche die Dimension eines kalten Glaubenskrieges annahm. Die Ursachen für diesen lokalen Religionsstreit liegen jedoch noch weiter zurück: in der Mussolini-Ära und in den sozialen Veränderungen der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert.
Don Giuseppe Faè – Militärpfarrer im Ersten Weltkrieg und ob seines Engagements für die Kriegswaisen mit dem Orden "Cavalliere della Corona" ausgezeichnet – war Schriftleiter von "L’Azione", der Diözesan-Zeitung von Vittorio Veneto. Als es 1924 in Mailand zu einer Welle der Gewalt gegen Andersdenkende kam, schrieb er einen flammenden Artikel gegen die Barbarei des Faschismus unter dem Titel: "Brechen wir das Schweigen!"
Trotz der empörten Intervention des Bürgermeisters der Stadt beim Bischof wollte Don Faè nicht schweigen. Im November 1926 stellte man ihn zusammen mit anderen Antifaschisten vor dem Rathaus von Vittorio Veneto an den Pranger. Er wurde verhöhnt und angespuckt. Schließlich flößte man ihm zum Gaudium des Pöbels Rhizinusöl ein. Im Jänner 1927 wurde er als Dorfpfarrer nach Montanèr strafversetzt.
Und dort begann Don Faè ein segensreiches Werk. Er war ein einfacher, aber praktisch denkender Mann. Dank seiner Initiativen erhielt der Ort ein kleines Waisenhaus, ein Postamt, sowie zwei tägliche Busverbindungen nach Vittorio. Er bestellte selbst den Garten des Pfarrhauses und gründete eine Seidenraupenzucht. Ihm zur Seite stand seine sieben Jahre jüngere Schwester Giovanna, die sich zu einer Art Mutter Teresa von Montanèr entwickelte – eine Frau von durchaus sanftem Gemüt, die in entscheidenden Situationen jedoch resolut zu handeln verstand.
Als Pfarrer war Monsignore Faè sozusagen der verkörperte Zorn Gottes. Er predigte im venezianischen Dialekt, herrschte die Gläubigen an, vor dem Herrgott in Demut niederzuknien, zu beten und Buße zu tun. Dennoch war ihm die Gemeinde zugetan, zumal da es wiederholt zu an Wunder grenzenden Heilungen von Tieren und Menschen kam, wenn seine rigiden Buß-Rituale befolgt wurden.
Die einen hielten ihn für einen Heiligen, andere verdächtigten ihn, Geheimwissenschaften oder gar Alchimie zu betreiben. Sicherlich war er ein schrulliger Kauz, ein eher schwieriger, komplexer Charakter mit einem Hang zu kompromissloser christlicher Lebensführung. Auch war sein Verhältnis zu Frauen – abgesehen von dem zu seiner Schwester – höchst problematisch.
Widerstandszelle Pfarre
Von Beginn des Zweiten Weltkriegs an war das Pfarrhaus Treffpunkt von Antifaschisten und Kriegsgegnern, zu denen auch zahlreiche örtliche Kommunisten gehörten; kurzum, eine Widerstandszelle. Als nach dem ersten Sturz Mussolinis im Oktober 1943 die deutsche Armee die Macht in Norditalien an sich riss – ihr Hauptquartier lag bis Kriegsende im nahen Treviso –, wurde Don Faè zu einer Zentralfigur der örtlichen Resistance.
Nur wenige hundert Höhenmeter oberhalb von Montanèr beginnt der Selva di Cansiglio, ein riesiges Waldgebiet unterhalb des Monte Cavallo, das sich bis hinauf ins Cadore erstreckt. Dort tauchte die wichtigste Partisaneneinheit des Veneto unter, die Division Nanetti, zu der auch der damals junge Maler Emilio Vedova gehörte.
Almen, Köhlerhütten und die Sandsteinhöhlen der "Grotte del Caglieròn" dienten als Verstecke für Menschen und Munition. Im Pfarrhaus von Montanèr wurden nicht nur Kommando-Aktionen besprochen, sondern dort fanden neben Partisanen auch Deserteure und entflohene politische Häftlinge Zuflucht. Versorgt von Schwester Giovanna, wurden sie im Morgengrauen von den Partisanen aus dem Kampfgebiet geschleust.
Im April 1944 wurde die Widerstandsgruppe verraten. Zwei angebliche Flüchtlinge tauchten im Pfarrhaus auf, doch verschwanden im Dunkel in der Nacht. Am nächsten Morgen holten faschistische Polizisten und Wehrmachtssoldaten Don Faè und Giovanna ab. Die beiden wurden zunächst ins Gefängnis nach Pordenone, später nach Udine gebracht, wo sie vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt – schließlich jedoch zu lebenslanger Haft begnadigt wurden. Der Pfarrer wurde auf Intervention des Bischofs von Vittorio im dortigen Konvent unter Hausarrest gestellt. Schwester Giovanna wurde im Oktober 1944 ins Konzentrationslager von Flossenbürg gebracht, wo sich ihre Spur verliert. Die Schule von Montanèr ist heute nach ihr benannt.
Monsignore Faè aber kehrte nach Kriegsende in seine Pfarre zurück, der er – von allen politischen Fraktionen und der Bevölkerung geachtet – bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1966 vorstand. Nun galt es, einen würdigen Nachfolger zu suchen.
Zu dieser Zeit war Albino Luciani, der spätere Papst Johannes Paul I., Bischof von Vittorio. Er verweigerte die Ernennung des in Montanèr beliebten Seelsorgers Don Antonio Botteòn aus dem nahen Capella Maggiore zum Ortspfarrer, und entsandte stattdessen einen ortsfremden, als sehr konservativ geltenden Priester. Die Gemeinde protestierte – erfolglos.
Der Bischof blieb stur. Selbst der Canossagang dreier hochdekorierter alter Partisanen nach Rom fruchtete nichts. Sie wurden von der zuständigen Kurie nicht einmal empfangen. Da begann der Volkszorn zu kochen. Und als dann im Jänner 1967 der neue, ungeliebte Pfarrer mit dem Möbelwagen vorfuhr, wurde er von den aufgebrachten Dorfbewohnern am Aussteigen gehindert. Die Türen des Pfarrhauses und der Kirche wurden zugemauert.
Was nun folgte, klingt wie eine Episode aus "Don Camillo und Peppone". Der Bischof ließ die Mauern niederreißen. Aber niemand ging jetzt mehr in die Kirche. Die heilige Messe wurde aus Protestgesinnung in einer Garage zelebriert, die Gläubigen fuhren in die umliegenden Gemeinden zur Beichte, zu Priestern ihres Vertrauens. Alle Vermittlungsversuche zwischen Bischof und Gemeinde scheiterten. Schließlich kam als Kompromiss-Kandidat Padre Casimiro, ein verschlossener Mann, der sein Amt nach Vorschrift ausübte – und nach ein paar Monaten eines Nachts unter Zurücklassung seiner persönlichen Habe verschwand. (Niemand kann sagen, was aus ihm geworden ist.)
"Katzen" und "Mäuse"
Manche Katholiken waren inzwischen des Streites müde geworden und suchten die Versöhnung mit der Amtskirche. Die Mehrheit aber blieb unbeugsam und lebte weiterhin im Widerstand. Zu Ostern 1968 kam es zum Eklat. 68 Prozent der Gläubigen im Ort traten geschlossen aus der Katholischen Kirche aus – und schrieben sich noch am selben Tag in der Orthodoxen Kirche ein. Ein Pope aus Turin kam auf Vermittlung einer wohlhabenden Gemeindebürgerin nach Montanèr und zelebrierte das österliche Hochamt. Von nun an war der Ort durch eine geistige Mauer getrennt.
Die Parteigänger des Protests wurden i gatti , die Katzen, genannt; die verbliebenen römisch-katholischen – in der Hauptsache Bauern aus den dörflichen Randgebieten – topi (Mäuse). Und schließlich kristallisierte sich noch eine Fraktion heraus: die der cameleonti , der Chamäleons. Das waren jene, die in der Öffentlichkeit gewisser Vorteile wegen sich zwar der Anti-Rom Bewegung anschlossen, aber heimlich die katholischen Kirchen der umliegenden Städte frequentierten, dort die Beichte ablegten und ihre Kinder taufen ließen. Die Situation war grotesk. Was wie eine amüsante Provinz-Posse anmutete, entwickelte sich allerdings zu einem unerbittlichen Krieg zwischen den Fraktionen, samt sozialer Ächtung und Psycho-Terror. Die Religionsspaltung ging quer durch die Familien.
Es war dies eine Zeit politischer und sozialer Umbrüche in Italien, eine Zeit der Unruhe, die in den Jahren des "compromesso storico" begann und schließlich Craxi und seinen politischen Ziehsohn Berlusconi ermöglichte. Das alte Klassen- und Kastensystem auf der Apenninen-Halbinsel geriet ins Wanken, und neue Klassen bildeten sich heraus. Da gab es nun die sogenannten arrivati , die Angekommenen, die nach der Wirtschaftskrise der fünfziger Jahre erfolgreich neue Unternehmen gegründet und es zu ansehnlichem Wohlstand gebracht hatten. Sie wählten – im Gegensatz zur alten besitzenden Klasse – links, oft sogar die euro-kommunistische Partei Berlinguers, ebenso wie ihre Arbeiter, wie das neue Proletariat, das aus dem Mezzogiorno, aus Kalabrien und der Basilicata, zugezogen war.
Die alte Klasse der Besitzenden, der Landadel, die alten Unternehmer aber unterstützten die Demokrazia Christiana, die allen Reformplänen hartnäckig Widerstand leistete – auf nationaler wie auf kommunaler Ebene.
Dies war der eigentliche politische Zwiespalt, auch in Montanèr. Die neue besitzende Klasse, unterstützt von den Kommunisten (!), war orthodox. In einem Handstreich wurden die örtliche Konsum-Gesellschaft übernommen und alle katholischen Angestellten gefeuert. Der kommunistische Arbeiter-Kultur- und Sportverein beanspruchte das Monopol der kommunalen Freizeitgestaltung. Die Vereinigung der Barbesitzer saß zwischen allen Hockern und blieb neutral. Die Übernahme der örtlichen Genossenschaftsbank durch die "gatti" scheiterte jedoch kläglich. Denn das Kapital blieb katholisch.
Fast eine Generation lang schwelte der kalte Glaubenskrieg weiter fort. Hochzeiten zwischen Mäusen und Katzen waren ein Sicherheitsrisiko für beide Familien; die Begräbnisse wurden zu posthumen Familientragödien von Strindbergscher Dimension. Wirtschaftliche und soziale Repressalien waren an der Tagesordnung. Erst gegen Ende des Jahrtausends entspannte sich die Lage. Man begann wieder miteinander zu reden, und die Familienfeste wurden zunehmend wieder in der katholischen Kirche gefeiert. Dazu kam, dass die orthodoxe Kirche keine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer Seelsorger bewies.
Als es Ende der achtziger Jahre im Umfeld der Jugendarbeit Drogenprobleme gab, folgte eine große Austrittswelle – und aus den Katzen wurden wieder Mäuse.
Friedliche Koexistenz
Heute leben Orthodoxie und Katholizismus in friedlicher Koexistenz. Geistliche Würdenträger besuchen einander wechselseitig in ihren Gotteshäusern, ökumenische Messen werden gefeiert. Und die Klassengegensätze innerhalb der Bevölkerung sind – wie auch im Rest Italiens – heute kein Thema mehr. Die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung wählt die Lega Nord. Der Rest huldigt Berlusconi. Die Linke hat keinerlei Bedeutung mehr.
Glaubenskriege waren und sind bekanntlich immer auch Wirtschaftskriege. So war es auch in Montanèr. Mittlerweile wohnen im Ort mehrheitlich Menschen, die erst nach 1968 zugezogen oder geboren worden sind. Die Erinnerungen an die Revolutionszeit verblassen immer mehr. Und irgendwann werden sie aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden sein.
http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefa ... cob=508833

