Präexistenz

Orthodoxe Kirche und Gesellschaft, Theologie
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Mirjanin
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Präexistenz

Beitrag von Mirjanin »

Eine Frage, die durch alle Jahrtausende hindurch die Menschen umtreibt ist wohl die Frage, ob es eine konkrete Existenz der Seele außerhalb des Leibes gibt. Im Gegensatz zu späteren Zeiten beschäftigte die antike griechische Philosophie sich ja noch viel stärker mit dem, was VOR der leiblichen Geburt passiert: Die Präexistenz.

Nun bin ich weit davon entfernt ein Philosoph zu sein, aber mich interessierte das Thema, als ich zufällig darauf stieß. Mein Verständnis der Lehre ist, dass der Mensch bereits ein vorgeburtliches Wissen besitzt, durch welches der Mensch nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht. (griech. anamnesis) Zum Beispiel nimmt der Mensch einen Stein nicht nur wahr, sondern kennt auch die Eigenschaften eines Steins. Denn er kannte vorgeburtlich bereits den Stein, den er nun später sinnlich wahrnimmt.
(Ergänzungen, Korrekturen, Anmerkungen von Mitgliedern mit größerem Wissens zum Thema herzlich Willkommen!)

Diese Lehre wird häufig mit Platon in Verbindung gebracht, soll aber sogar noch über Platon hinaus zurückgehen (Herodot, Empedokles, die Pythagoreer, .. ). Später wurde unter den Neuplatonikern insbesondere Origenes damit identifiziert.

Eine interessante These besagt, dass es diese Philosophie war, welche den alten Griechen die Annahme des Christentums leicht machte, weil es in ihren Augen der letzte fehlende Baustein war. Wenn ein Mensch vorgeburtlich bereits das Wissen darüber hat, was wahr, gut, gerecht und vollkommen ist, dann müsste man diese Erinnerung nur wachrufen, um die Liebe zum Wahren, Guten, Gerechten und Vollkommenen zu erwecken. Die christliche Botschaft vom liebenden Vater soll daher gerade den Philosophen äußerst plausibel erschienen sein. Wie gesagt, eine These.

In der Kirche wurde die Präexistenzlehre ja auch diskutiert. Im lateinischen Westen existiert unter dem Begriff "memoria" wohl ein ähnliches Verständnis zu dem sich u.a. Thomas von Aquin und Bonaventura äußerten. Es liest sich so in Richtung, dass ohne jene "memoria" unerklärt bleibe, wieso wir einen Begriff von etwas haben können, das wahrzunehmen wir auf Erden nicht in der Lage sind, es uns als Ideal aber vorschwebt.

Mich interessiert nun sehr, was die Lehre der Orthodoxie zum Thema Präexistenz ist? Ich weiß, dass man Origenes im 6. Jahrhundert verurteilte, der Gedanke an die Präexistenz allerdings innerhalb der Kirche recht umstritten gewesen sein soll und für Leute wie z. B. der Hl. Hieronymus die Präexistenz außer Zweifel gestanden haben soll.

Vielleicht kann mir jemand hierauf antworten. Herzlichen Dank vorab. :)
Was sie nicht verstehen können, ist das wir keine politische Partei bekämpfen, sondern die Mörder der spirituellen Kultur.
Elvis
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Re: Präexistenz

Beitrag von Elvis »

servus mirjanin,

wow, das du so tiefgehend dich mit dem wesen mensch befasst hätte ich nicht gedacht - respekt.

Nun so wie ich es aus einen theologischen Buch verstanden habe. Ist das was du schreibst totale häresie.

Die Philosophen zu derzeit waren wohl begabt - aber haben leider auch nur die verdorbene (Gottverlassene) Natur gesehn. Man muss bedenken das Platon auch eine art dualismus gelehrt hat - wodurch er GOTT beschreiben wollte. Wie genau das jetzt ist weiss ich nicht.

Auf jeden fall werden jegliche art von Philosophie, dass im gegensatz zur göttlichen offenbarung steht verurteilt. Nun, dass jetzt die lateiner dieses akzeptieren ist mir schleierhaft, aber was will man sagen.

Jetzt mal genau zu deiner Kernaussage.

Der Mensch hat keine Vorexistenz oder ähnliches, denn dadurch, dass er geschaffen ist hat er einen Anfang. Und man kann auch nicht behaupten das die seele als erstes geschaffen wäre ohne den leib - denn der leib macht einen menschen zum menschen.



Hoffe das hilft ein bissl.

Gruß

Elvis
Am Anfang war das Wort und das Wort war bei GOTT und GOTT war das Wort. Dieses war im Anfang bei GOTT. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts Geworden. Was geworden ist - in IHM war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen (begriffen, erfasst). (EVANGELIUM nach Johannes)

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Andromachi
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Re: Präexistenz

Beitrag von Andromachi »

Zu dem, was Elvis sagt, möchte ich noch den Apostel Paul erwähnen (Röm 2,14):
"Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz",
d.h. dass der Mensch mit einer Art innerem Gesetz geboren wird. Dem Propheten Moses hat Gott das Gesetz verkündet als eine Art Pädagogie: (Gal 3,24) "So hat das Gesetz uns in Zucht gehalten bis zum Kommen Christi". Das war der Sinn des Gewissens, das uns Gott gegeben hat. Diese Präxistenz existiert also nicht, so wie sie uns Mirjanin präsentiert hat.

Während ich schrieb, kam immer wieder der Gedanke, ob wir den Häretikern antworten sollten, wenn sie mit solchen Fragen kommen, ob wir Rechenschaft abgeben müssen, warum wir orthodoxe Christen sind. Und dann dachte ich an etwas, was ich selbst erlebt habe und mit Häretikern zu tun hat. Vorige Woche war ich bei einer Homilie eines Priesters und er sagte unter anderem: "Wir, die nicht vom Heiligen Geist überschattet sind, sind nicht in der Lage, einem Häretiker passend zu antworten". Fünf Minuten später war ich auf dem Heimweg, und ich wurde von einem Häretiker angesprochen, der mir ein Blatt in die Hand drückte. Ich sagte: "Warum macht ihr solche Propaganda? Unsere Kirche wartet darauf, dass die Leute zu ihr kommen, sie geht nicht auf die Straße". Und er antwortete: " Christus ist überall hingegangen". Ich wußte keine Antwort darauf. Als ich zu Hause war, fragte mein Mann, was ich in der Homilie gehört habe und ich las ihm den Satz des Priesters vor. In diesem Moment dachte ich daran, dass ich vor 5 Minuten nicht in der Lage war, dem Häretiker eine passende Antwort zu geben und das machte mich melancholisch, denn ich dachte: Der Heiige Geist wohnt nicht in dir.
Was sagt ihr dazu?
Elvis
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Re: Präexistenz

Beitrag von Elvis »

Andromachi hat geschrieben:Zu dem, was Elvis sagt, möchte ich noch den Apostel Paul erwähnen (Röm 2,14):
"Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz",
d.h. dass der Mensch mit einer Art innerem Gesetz geboren wird. Dem Propheten Moses hat Gott das Gesetz verkündet als eine Art Pädagogie: (Gal 3,24) "So hat das Gesetz uns in Zucht gehalten bis zum Kommen Christi". Das war der Sinn des Gewissens, das uns Gott gegeben hat. Diese Präxistenz existiert also nicht, so wie sie uns Mirjanin präsentiert hat.

Während ich schrieb, kam immer wieder der Gedanke, ob wir den Häretikern antworten sollten, wenn sie mit solchen Fragen kommen, ob wir Rechenschaft abgeben müssen, warum wir orthodoxe Christen sind. Und dann dachte ich an etwas, was ich selbst erlebt habe und mit Häretikern zu tun hat. Vorige Woche war ich bei einer Homilie eines Priesters und er sagte unter anderem: "Wir, die nicht vom Heiligen Geist überschattet sind, sind nicht in der Lage, einem Häretiker passend zu antworten". Fünf Minuten später war ich auf dem Heimweg, und ich wurde von einem Häretiker angesprochen, der mir ein Blatt in die Hand drückte. Ich sagte: "Warum macht ihr solche Propaganda? Unsere Kirche wartet darauf, dass die Leute zu ihr kommen, sie geht nicht auf die Straße". Und er antwortete: " Christus ist überall hingegangen". Ich wußte keine Antwort darauf. Als ich zu Hause war, fragte mein Mann, was ich in der Homilie gehört habe und ich las ihm den Satz des Priesters vor. In diesem Moment dachte ich daran, dass ich vor 5 Minuten nicht in der Lage war, dem Häretiker eine passende Antwort zu geben und das machte mich melancholisch, denn ich dachte: Der Heiige Geist wohnt nicht in dir.
Was sagt ihr dazu?
ach komm nicht traurig sein - Er kommt wann er will und wie er will. Solche Häretiker sind immer wortverdreher und wenn die mit solchen antworten kommen - das jesus "überall" gegangen sei. Kann man doch nur sagen, dass sie hochmütig und eitel sind. Das sind erkennungsmerkmale von solchen leuten. Sie vergleichen sich oft mit propheten heiligen usw. aber wenn man genauer achtet, merkt man das jener in die irre gefallen ist.

Nun in diesem moment zu diesen menschen solltest auch keine passende antwort geben - weshalbe den auch?! Vielleicht wirst du ja auch im nächsten moment keine antwort parat haben oder im übernächsten. Aber beim richtigen fall zur richtigen zeit am richtigen ort würde er schon kommen.

Also nicht verzagen.

Gruß

Elvis
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Mirjanin
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Re: Präexistenz

Beitrag von Mirjanin »

Servus Elvis,

danke für die Antwort. In Zeiten des Internets ist es glücklicherweise einfacher geworden sein Wissen in bestimmten Themenbereichen zu vertiefen oder Dinge zu überprüfen.

Nun weiß ich also zumindest schon, was häretische Lehre ist. Ein Fortschritt 8) Nun interessiert mich aber noch die orthodoxe Lehre dazu. Gibt's dazu etwas?

Schau, was mich beschäftigt ist folgende Problemstellung:

Wenn ich die Präexistenzlehre komplett in Zweifel ziehe, ziehe ich dann im Endeffekt nicht die nachtodliche Existenz der Seele auch in Zweifel? Willkommen im weltanschaulichen Materialismus :? mal im Ernst, wie sind Tod und Auferstehung dann zu bewerten? Verfällt meine Seele dann nicht mitsamt des Körpers? Wenn sie doch aneinander gebunden sind?

Jedenfalls frage ich mich, ob man die Präexistenzlehre wirklich so einfach unter Dualismus einordnen und weiterziehen kann. Das scheint mir doch ein bisweilen recht komplexes Thema. Wie gesagt, ich bin nur ein Laie, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich doch verwirrt über gewisse Dinge. Daher würde ich mich über etwas Orientierung freuen - vielleicht geht's anderen ja ähnlich :wink:
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Elvis
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Re: Präexistenz

Beitrag von Elvis »

Mirjanin hat geschrieben:
Schau, was mich beschäftigt ist folgende Problemstellung:

Wenn ich die Präexistenzlehre komplett in Zweifel ziehe, ziehe ich dann im Endeffekt nicht die nachtodliche Existenz der Seele auch in Zweifel? Willkommen im weltanschaulichen Materialismus :? mal im Ernst, wie sind Tod und Auferstehung dann zu bewerten? Verfällt meine Seele dann nicht mitsamt des Körpers? Wenn sie doch aneinander gebunden sind?

Jedenfalls frage ich mich, ob man die Präexistenzlehre wirklich so einfach unter Dualismus einordnen und weiterziehen kann. Das scheint mir doch ein bisweilen recht komplexes Thema. Wie gesagt, ich bin nur ein Laie, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich doch verwirrt über gewisse Dinge. Daher würde ich mich über etwas Orientierung freuen - vielleicht geht's anderen ja ähnlich :wink:
nun ja wie soll ich es beantworten. Das was Gott geschaffen hat währt ewig - d. h. es ist zu vergleichen mit einen strahl, ein anfang aber kein ende, d. h. das man versterben kann - aber nicht ausgelöscht wird (deswegen existiert auch der verdammte obwohl er tod ist). Denn wenn man doch der Präexistenz folgen würde, würde man doch feststellen, dass wir so gesehn vom himmel sind und dadurch auch diverse erinnerungen hätten vor unserer geburt - die Präexistenz steht nur unserm HERNN UND GOTT JESUS CHRISTUS zu. Wir normalos sind aus erde um es so zu sagen.

Nun ja man weiss nicht genau mit was für einen leib man wiederaufersteht aber zumindest wird es nicht genau der sündhafte leib sein den wir jetzt haben - und er bekleidete sie mit einen ledernden gewand (Genesis). Wie es genau nach dem versterben ist - kann auch die orthodoxie nicht genau sagen. Zumindest weiss man das man entweder leidet oder ruhe hat. Wie es jetzt mit den Tage des HERRN ist weiss ich nicht. Auf jedenfall wird jeder im angesicht GOTTES sein - himmel oder hölle.

ich hoffe ich habe dich dadurch nicht mehr verwirrt - frag einfach nochmal :D

Gruß

Elvis

p.s. wo sind den die anderen hobby-theologen :P
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Nassos
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Re: Präexistenz

Beitrag von Nassos »

Hallo Mirjanin,

es wurde ja schon einiges gesagt.

Die Philosophie ist eine Suche des Menschen nach Gott von UNTEN nach OBEN. Er versucht im Ermessen seines eigenen Verstandes Gott zu erklären, was aber nicht geht. Dies erklärt auch die verschiedenen Schulen der Philosophie.
Die Theologie wiederum ist eine Offenbarung Gottes an den Menschen. Also von OBEN nach UNTEN. Der menschliche Verstand und seine Logik können nun eingesetzt werden, Erfahrenes in Worte zu kleiden.

Die Orthodoxie verwirft die Lehre der Präexistenz. Warum daraus nicht zwingenderweise die Vernichtung der Seele mit dem Tod des Leibes einhergeht hat auch damit was zu tun, dass es keine Reinkarnation gibt. Es ist ein unheimlich breites und spannendes Thema.
Die Seele wird im Moment der Zeugung von Gott erschaffen. Was von Gott erschaffen ist, wird durch seine Energien am Leben erhalten. So stirbt die Seele nicht nach dem Tod (was mit ihr passiert ist ein anderes Thema) und was der Sinn ihres Aufenthaltes auf Erden ist mag ein anderes Kapitel sein.
Doch laut dem Credo glauben wir an die Auferstehung der Toten, also auch der Leiber (in welchen Zustand vermag ich nicht zu sagen).

Alles hörte auf, so Gott wollte: Seelen, Schöpfung, einfach alles. Doch da Er das offensichtlich nicht will, stirbt die Seele auch nicht (man spricht zwar vom Tod der Seele, aber ich glaube damit ist das nicht erreichte Heil gemeint).

Etwas spezifischere Fragen zum (Neo)platonismus wurden an dieser Stelle schon mal gefragt. Ich gebe zu, dass ich hier meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Die zahlreichen Texte auf oodegr erzählen über die Fehler und Verfehlungen des Platonismus, aber auch, warum die Philosophie ein Trägerelement war (in "Zusammenarbeit" mit dem Altgriechischen).

Ich sollte mir echt mal die Zeit nehmen, und das ganze Zeugs lesen. Sind ja nur ein paar hundert Seiten. Bild

Gruß,
Nassos
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Mirjanin
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Re: Präexistenz

Beitrag von Mirjanin »

Habt Dank für eure Antworten ihre beide. So wirklich weiter bin ich aber immer noch nicht. Habe gestern noch ein wenig in den Weiten des www nach Antworten gesucht, aber so wirklich bin ich dabei nicht voran gekommen. Viel viel Esoterik Reinkarnation Kram dabei. Die Verlinkung zum Kreuzgang Beitrag habe ich dann auch noch übersehen und als ich ihn bemerkte beim erneuten Besuch hier, war's dann doch schon relativ spät. Ist also erstmal aufgeschoben für heute oder morgen :)
Nassos hat geschrieben: Die Orthodoxie verwirft die Lehre der Präexistenz. Warum daraus nicht zwingenderweise die Vernichtung der Seele mit dem Tod des Leibes einhergeht hat auch damit was zu tun, dass es keine Reinkarnation gibt. Es ist ein unheimlich breites und spannendes Thema.
Die Seele wird im Moment der Zeugung von Gott erschaffen. Was von Gott erschaffen ist, wird durch seine Energien am Leben erhalten. So stirbt die Seele nicht nach dem Tod (was mit ihr passiert ist ein anderes Thema) und was der Sinn ihres Aufenthaltes auf Erden ist mag ein anderes Kapitel sein.
Doch laut dem Credo glauben wir an die Auferstehung der Toten, also auch der Leiber (in welchen Zustand vermag ich nicht zu sagen).
Danke für diese Antwort. In der Tat ein sehr spannendes Thema, da es mit vielen Bereichen zusammenhängt und von z. B. Erkenntnissen der modernen Abstammungslehre beeinflusst wird. Vielleicht habe ich deshalb etwas Schwierigkeiten mir das vorzustellen. Ich meine, es erfordert etwas Vorstellungskraft daran zu denken, dass Gott ständig im Auge hat wann irgendwer irgendwo auf der Erde mal wieder am "schnakseln" ist, um dann, wenn dabei eine menschliche Eizelle befruchtet wird, die passende Seele hinzuzufügen. Oder interpretiere ich das falsch? Kann denn Gott nur eine Seele erschaffen, wenn der Mensch ihm quasi einen Körper vorgibt, dem er sie hinzufügen kann? Wohl kaum, die Engel im Himmel hat er ja auch geschaffen? Allerdings unabhängig von einer irdischen (leiblichen) Existenz!? Und wie ist das bei einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas? Vielleicht lese ich heute Abend als Bettlektüre besser noch einmal den Schöpfungsbericht...

Vielleicht auch um das breite Thema nochmal etwas einzugrenzen: Mich interessiert der (Neu)Platonismus im Grunde nicht. Bin kein Platoniker, will auch keiner sein. Mich interessiert vielmehr, in welchen Bereichen sich die Präexistenzlehre, wie sie offenbar auch in der Kirche in den ersten Jahrhunderten vorhanden war, von der Kirchenlehre unterscheidet bzw. aus welchen Gründen sie verworfen wurde. "Weil es dualistische Häresie ist" mag vollkommen richtig sein, aber das stellt einen Fragenden natürlich nicht zufrieden :)
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peter
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Re: Präexistenz

Beitrag von peter »

Lieber Mirjanin,

Versuch einer Annäherung: der Gedanke der Präexistenz verhöhnt die konkret Existierenden, in ihrer ganz persönlichen Existenzweise, in ihrer ganz individuellen Lebensspanne ab Empfängis bis zum Tod. Wäre die personale Seele schon vor der Empfängnis "existent", hätte sie quasi ein gelebtes
Schicksal gehabt, noch bevor das Leben begann. Das widerspricht der vollen Verantwortung, die alle Lebenden für die Zeit ihres Lebens nach christlicher
Auffassung zu übernehmen haben. Zwar sind unsere Namen, und d.h. wohl unsere Seelen der reinen Möglichkeit nach, bei Gott "eingeschrieben" von
Ewigkeit her, aber eine Realisierung erfährt diese Möglichkeit erst in Zeit und Raum, also ab Empfängnis und Geburt. Nur so kann die Seele ihre konkrete
Gestalt, ihre unverwechselbare Eigenheit erlangen. Nur Lehren, wie z.B. die hinduistische, die eine Präexistenz in Zeit und Raum propagieren, können
logischerweise positiv oder negativ von Karmabelastung reden. In der Ewigkeit macht die Seele "keine Erfahrung", sondern sie ist als solche "vorgedacht".
Ich erkläre mir den Drang, Präexistenz der Seele zu fordern, aus dem Druck der Wiedergeburtslehren, die in der Dimension des "Samsara" verweilen, also
innerweltlich orientiert sind. Die christliche Seele entsteht erstmalig, durchläuft die anamnetische Phase (bis etwa zum 3. Jahr), wird dann langsam über
Erfahrungen und Beziehungen bewußt, später selbstbewußt, erhält die Möglichkeit sittlicher Reife, erwacht zum wissenschaftlichen, kulturellen, religiösen Bewußtsein, beschreitet den Weg kirchlichen Lebens, der Reinigung, Erleuchtung, Vergöttlichung", wird nach dem Tod aufgenommen ins ewige Leben.
Das ist bekanntlich kein Automatismus, sondern hängt in jedem Augenblick ab von freier persönlicher Entscheidung. Die Idee ist aber, die kleine, winzige
Seele ab Befruchtung und Empfängnis wachsen zu lassen bis ins Himmelreich. Und nicht, wie die Anamnesislehren platonischer Herkunft versprechen,
durch "Erinnerung" an Vorgewesenes sich seines Wesens bewußt zu werden. Der unermeßiiche Glanz des Himmelreichs "zieht uns hinan", und nicht
ein atavistischer Orkus. Ich könnte auch sagen, aus der Finsternis zum Licht.

peter
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Nassos
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Re: Präexistenz

Beitrag von Nassos »

Wenn die Präexistenz Kirchenlehre gewesen sein soll, dann frage ich mich, ob das auch im Osten so war (oder verwechsle ich das jetzt mit der Prädestination).

Mirjanin, wenn Gott dem Menschen den freien Willen lässt, unterwirft er sich dann nicht diesem auch? (Wenn also kein Mensch mehr Nachwuchs zeugen wöllte, dann würde Gott, den freien Willen des Menschen wahrend, auch keine Seele mehr erschaffen. Oder sehe ich das falsch?)
Nassos
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Re: Präexistenz

Beitrag von Nassos »

@peter: klasse Beitrag! Beim Lesen habe ich in wenigen Zeilen ein ganzes menschliches Leben vor dem geistigen Auge "vorbeischwirren" sehen....
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Priester Alexej
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Re: Präexistenz

Beitrag von Priester Alexej »

Origenes hatte einen guten Grund anzunehmen, dass es eine Präexistenz gibt - in der Schrift steht ja, dass Gott alles, was er schaffen wollte, bereits erschaffen hat. Die Schlussfolgerung, dass es einen Baum der Seelen gibt, an dem die geschaffenen, aber noch nicht geborenen Sellen weilen, war natürlich nahe liegend, besonders wo es auch einen solchen philosophischen Ansatz gab.

Auch wenn es überraschend klingen mag, bei der Zeugung eines Kindes wird keine neue Seele geschaffen. Die Seele ensteht genauso, wie der neue Körper. Aus Samen und Eizelle entsteht der neue Körper, und aus der Verbindung der beiden Seelen entsteht auch eine neue Seele. Daher kommt auch die Ähnlichkeit, die Kinder mit ihren Eltern habe. Ich habe meinen Vater das erste mal mit 21 Jahren kennengelernt, und habe in ihm viele Charakterzüge entdeckt, die auch ich besitze. Und wie körperliche Krankheiten vererbt werden, so werden auch die seelischen vererbt. Nicht, weil man an der Sünde der Eltern schuld hat, sondern weil es natürlich ist. Und so wird auch das Gewissen vererbt, bestimmte Ängste oder Stärken.

Dass die Seelen nach dem Tod weiterleben, erscheint in dem Kontext auch leichter zu verstehen. Eine Seele ist außerdem nicht Materiell, sondern geistlich. Das Materielle hört auf zu existieren, das geistliche aber nicht.

Gruß,

L. Alexej
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Re: Präexistenz

Beitrag von peter »

Lieber Alexej,

es tut mir leid, aber ich würde dem widersprechen wollen. Die seelische Determination aus dem genetischen Erbe abzuleiten, hat sicher einiges für sich, weil wir, um mit Goethe zu sprechen, "vom Vater die Statur, vom Mütterchen die Frohnatur" ernten. Aber diese Überlegung führt in ein Bedingungsgefüge hinein, was lediglich räumlich-zeitlich in die Vergangenheit hinein sich erstreckt. Es ist eine innerweltliche Betrachtung, mit der Evolutionstheorie vergleichbar, wo sich letztlich auch die Seele natürlich entwickeln soll vom Einzeller über den Bandwurm, zum Affen, zum Menschen hin. Das aber ist mit der für die Ewigkeit bestimmten Seele nicht gemeint. Ihr Ursprung liegt in Gott, der gedachten Möglichkeit nach, und sie "fällt" quasi in dieses Bedingungsgefüge hinein bzw. wird von ihm angezogen, und "erleidet" ab Empfängnis eine innerweltlich bedingte "Präformation". Das ist aber keine "Präexistenz", sondern ein materieller Faktor, von dem die Seelensubstanz sich "unendlich" unterscheidet. Das Fortleben nach dem Tod "lebt" aus zwei Naturen: der humangenetisch geprägten (angereichert im konkreten Leben) und der ewig-göttlichen: namentlich, unvermischt, ungeteilt.

peter
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Re: Präexistenz

Beitrag von Nassos »

Gäbe es die Präexistenz der Seele, dann herrschte eine Notwendigkeit zur Erschaffung (so wäre das auch, wenn die Materie der Schöpfung präexistierte oder aus den Gedanken Gottes gebildet wird).
Die Notwendigkeit würde dem freien Willen widersprechen bzw. was geschieht mit den Seelen, die nicht geboren werden könnten? Wären sie schon vor der Geburt fähig zur Sünde oder in einer Art "standby"? Würden sie vom Gericht ausgenommen werden und wären unabhängig von der Auferstehung der Toten, an die wir gemäß des Credos glauben und bekennen?
Wenn keine zurückbleiben dürfte und jede geboren werden müsste, dann würde genau dies die o.g. Notwendigkeit entstehen lassen, selbst wenn diese Seele vor der Geburt aus dem Nichts geschaffen werden würde.

Ein paar Gedanken...
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Priester Alexej
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Re: Präexistenz

Beitrag von Priester Alexej »

Mit meiner Überlegung zu Origenes wollte ich nicht sagen, dass er recht hat!

Gott hat die Seele geschaffen, und zwar die von Adam. Deshalb beinhaltet sein Name ja auch die gesamte Menschheit. Alle übrigen Seelen wurde aus dieser Geboren. Sogar bei der Geburt von Eva wird nicht mehr das Verb für das göttliche kreative Schaffen <bara> verwendet. Eine Evolution gibt es aber nicht, die Seele von Adam wird geschaffen, und ist genauso vollwertig, wie unsere Seelen. Auch gibt es keine Determination, jeder hat die Möglichkeit, selbst Entscheidungen zu treffen. Und jede Seele existiert nach der Geburt für sich, genauso wie es einen Körper nicht gegeben hat, dieser aber nach der Geburt vollständig selbstständig und unabhängig wird.
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