Nun bin ich weit davon entfernt ein Philosoph zu sein, aber mich interessierte das Thema, als ich zufällig darauf stieß. Mein Verständnis der Lehre ist, dass der Mensch bereits ein vorgeburtliches Wissen besitzt, durch welches der Mensch nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht. (griech. anamnesis) Zum Beispiel nimmt der Mensch einen Stein nicht nur wahr, sondern kennt auch die Eigenschaften eines Steins. Denn er kannte vorgeburtlich bereits den Stein, den er nun später sinnlich wahrnimmt.
(Ergänzungen, Korrekturen, Anmerkungen von Mitgliedern mit größerem Wissens zum Thema herzlich Willkommen!)
Diese Lehre wird häufig mit Platon in Verbindung gebracht, soll aber sogar noch über Platon hinaus zurückgehen (Herodot, Empedokles, die Pythagoreer, .. ). Später wurde unter den Neuplatonikern insbesondere Origenes damit identifiziert.
Eine interessante These besagt, dass es diese Philosophie war, welche den alten Griechen die Annahme des Christentums leicht machte, weil es in ihren Augen der letzte fehlende Baustein war. Wenn ein Mensch vorgeburtlich bereits das Wissen darüber hat, was wahr, gut, gerecht und vollkommen ist, dann müsste man diese Erinnerung nur wachrufen, um die Liebe zum Wahren, Guten, Gerechten und Vollkommenen zu erwecken. Die christliche Botschaft vom liebenden Vater soll daher gerade den Philosophen äußerst plausibel erschienen sein. Wie gesagt, eine These.
In der Kirche wurde die Präexistenzlehre ja auch diskutiert. Im lateinischen Westen existiert unter dem Begriff "memoria" wohl ein ähnliches Verständnis zu dem sich u.a. Thomas von Aquin und Bonaventura äußerten. Es liest sich so in Richtung, dass ohne jene "memoria" unerklärt bleibe, wieso wir einen Begriff von etwas haben können, das wahrzunehmen wir auf Erden nicht in der Lage sind, es uns als Ideal aber vorschwebt.
Mich interessiert nun sehr, was die Lehre der Orthodoxie zum Thema Präexistenz ist? Ich weiß, dass man Origenes im 6. Jahrhundert verurteilte, der Gedanke an die Präexistenz allerdings innerhalb der Kirche recht umstritten gewesen sein soll und für Leute wie z. B. der Hl. Hieronymus die Präexistenz außer Zweifel gestanden haben soll.
Vielleicht kann mir jemand hierauf antworten. Herzlichen Dank vorab.
