Archimandrit Spiridon - Verstoßene Seelen
-
christodoulos
- Beiträge: 614
- Registriert: 21.12.2008, 15:48
Archimandrit Spiridon - Verstoßene Seelen
Ein Priesterleben im Alten Russland
erschienen im Styria Verlag 1994
Kennt diese Buch jemand bzw. den genannten Archimandrit Spiridon?
In diesem Buch wird das Leben von Archimandrit Spiridon (1875-1930) beschrieben bzw. seine Erfahrung als Priester in den Straflagern Russlands. Diese Berichte sind oft sehr ergreifend - obwohl Vater Spiridon gewisse "liberale" Ansichten hat. Er selbst war aber von tiefer orthodoxer Frömmigkeit geprägt.
Seine Kindheit war geprägt von der russischen Natur, Orthodoxie, Starzen bzw. Stranizen und Narren Christi.
Ein Bericht unter vielen aus diesem Buch:
Der Ingenieur und Kirchenschänder
Beim nächsten Häftling handelt es sich um einen 55jährigen, großgewachsenen Mann, der hager wirkte, aber kräftig gebaut und sehr energisch war. Er stammte aus Moskau und war technischer Ingenieur. In der Kirche traf man ihn zwar fast nie an, er nahm aber sehr häufig an meinen Gesprächen teil. Einmal wünschte er, sich mit mir allein zu unterhalten. Ich war einverstanden.
"Vater Spiridon, ich habe mir die ganze Zeit alle Mühe gegeben, mit ihnen allein zu sein, um mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen, aber aus Selbstliebe habe ich mich nicht dazu durchringen können. Jezt habe ich mich endlich überwunden und bin zu Offenheit mit Ihnen entschlossen. Es geht um folgendes: Bei mir hat sich ein Hang zum Stehlen herausgebildet, und was für einer! Ich leide sehr unter diesem Hang. Allerdings fällt mir das Eingeständnis schwer, Ihnen allein aber will ich es machen; Ich bin von der wilden Leidenschaft besessen, die Beschläge und die wertvollen Edelsteine von verschiedenen Ikonen abzureißen. Sie können sich vorstellen, dass diese Neigung mich weder Tag noch Nacht in Ruhe lässt; derart zieht es mich in irgendeine Kirche. Als ich noch aufs Gymnasium ging, in die dritte Klasse, wandte ich schon unwillkürlich meine Blicke auf alle kirchlichen Wertgegenstände mit dem Wunsch, sie für mich selber zu brauchen. Als ich dann Student geworden war, brach ich - bald aus Rechthaberei, bald aber auch aus Mutwillen - in Kirchen Opferstöcke und Kisten auf, um für mich selber etwas zu haben.
Einmal drang ich in eine Kirche mit einer wundertätigen Ikone. Kaum war ich an sie herangetreten, um die Gelegenheit zum Raub beim Schopf zu fassen, als mein Blick auf das Christuskind fiel. Ich erstarrte auf der Stelle. Als ich nach ein paar Minuten die Hand wieder nach dieser Ikone ausstrecken wollte, lähmte das göttliche Kind Christus meinen Willen wieder mit Seinem Blick. Nun, dachte ich, meine Sache darf auch einmal mißlingen. Ich ging in die hinterste Ecke der Kirche und fing an inbrünstig zur Gottesmutter zu beten, damit sie mir meine Sünde vergebe und mich frei aus der Kirche lasse. Es wurde Morgen. Um sechs Uhr schloß man die Kriche auf. Da konnte ich die Kirche ganz unbemerkt verlassen.
Am nächsten Tag legte ich mich ein wenig hin und schlief ein. Denken Sie Vater Spiridon, im Traum erschien mir die Muttergottes mit ebendiesem Kind, das ich am Tag zuvor in der Kirche gesehen hatte. Und sie trat nahe an mich heran und sage zu mir: "Tu das nicht wieder, sonst gerätst du ins Gefängnis, und nachher kommt es nocht schlimmer!"
Als hätte ich mich gebrannt, sprang ich gleich nach diesen Worten sogleich auf und verlor vor Angst schier den Kopf.
Es vergingen anderthalb Jahre, da lernte ich eine Gymnasiastin kennen. Ihretwegen setzte ich alles Erdenkliche daran, mir wo und wie auch immer materielle Mittel zu verschaffen. O weh! Überall sah es karg und ärmlich aus. Schlußendlich rang ich mich zu einem Diebstahl in einer Kirche in Moskau durch. Man faßte mich, und ich wurde nach Sibirien geschickt. Von dort lief ich weg. Man verbannte mich ein zweites Mal.
Nach einiger Zeit lief ich wieder davon und brachte auf der Flucht einen Kaufmann vom Land um, nahm ihm seine Papiere ab, und mit diesen Papieren lebte ich rund zehn Jahre in Tiflis. Ich lebte gut, aber ich schonte die Kirche Gottes nicht: Ich brachte Wachen um und beraubte Kirchen und Klöster. Da fand mich der Finger Gottes. Ich wurde lebenslänglich ins Straflager geschickt. Was meinen Sie, wenn ich reumütig bin und meine früheren Gewohnheiten endgültig aufgebe, vergibt mir Gott dann?"
"Mein Sohn", erwiderte ich, "Christus kam gerade darum in die Welt, um solche wie dich und mich zu retten. Sieh es gibt keinen einzigen Heiligen, der vor Gott nicht gesündigt hätte. Und es gibt keinen Sünder, der nicht auch schon gutes getan hat. Die Heiligkeit des Menschen vor Gott beruht nicht auf der Menge seiner guten Taten, sondern auf der Art seines Verhältnisses zu Gott und seinem Heiligen Willen."
"Ach Vater, schon sehe ich den sehr tiefen Abgrund in mir und dieser Abgrund wird von mir ganz als kaltes Grab empfunden. Was kann ich jetzt tun, seit zwanzig Jahren habe ich nicht mehr kommuniziert und ich fürchte mich zu kommunizieren, weil ich mich für einen durch und durch großen Sünder halte."
Ich gab ihm ein russisches Evangelium. Nach gut zwei Wochen wünschte er, bei mir zweimal zu beichten, und nachher empfing er schon die Heilige Kommunion. Einen Monat später, kurz vor dem Abgang ins Straflager, teilte mein Häftling mir mit Tränen in den Augen mit, er hätte im Traum wieder die Muttergottes mit dem Kind gesehen, welche ihm Mut zugesprochen habe; "Wenn du so weiterlebst, wie du jetzt angefangen hast, wirst du gerettet werden." Auf dieses Traumgesicht hin beichtete und kommunizierte er nochmals.
Re: Archimandrit Spiridon - Verstoßene Seelen
ich kenne es leider nicht, aber es liest sich faszinierend. Erlaube, dass ich folgendes hervorhebe:
Lieben Gruß,
Die Heiligkeit des Menschen vor Gott beruht nicht auf der Menge seiner guten Taten, sondern auf der Art seines Verhältnisses zu Gott und seinem Heiligen Willen.
Nassos