Gott und die Vernunft

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Mirjanin
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Gott und die Vernunft

Beitragvon Mirjanin » 17.05.2010, 15:02

Hallo zusammen,

habe mir heute das Buch "Gott und die Vernunft" zum Preis von 9,90 Euro aus dem Christiana Verlag gegönnt. Autor Prof. Martin Kriele stellt darin die Frage, ob ein vernünftiger Mensch denn ungläubig sein könne. Ich habe bis jetzt die ersten 15 Seiten (von 160) durchgelesen und finde es ganz interessant, da sich Kriele in auch Laien leicht verständlicher Sprache an das Thema "Wissenschaft contra Glauben ?" heranwagt. Er tut dies zwar aus römisch-katholischer Sicht aber das macht es ja kaum minder interessant. Letztlich ist für mich auch interessant zu erfahren, ob dies ein Buch sein kann, dass auch Atheisten in meiner Umgebung zum Nachdenken anregen kann. Für ein entsprechendes Urteil habe ich bis dato viel zu wenig gelesen, aber bis hierhin liest es sich gut.

Hat jemand von euch bereits das Buch gelesen und weiß näheres zu berichten?
Was sie nicht verstehen können, ist das wir keine politische Partei bekämpfen, sondern die Mörder der spirituellen Kultur.

Nassos
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Nassos » 17.05.2010, 16:53

Lieber Mirjanin,

ich kenne das Buch nicht. Da aber das Thema "Vernunft" stets ein Thema ist, würde ich dich bitten, hier hin und wieder kurz zu schreiben, was dort gesagt wird. Wir können dann ja auch sehen, wie das aus orthodoxer Sicht ist.

Vielen Dank und Gruß,
Nassos

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Mirjanin
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Mirjanin » 18.05.2010, 08:53

Hallo Nassos,

na klar, gerne doch. Ich will mir allerdings nicht anmaßen die Worte Prof. Krieles in 3-4 Sätzen zusammenzufassen, daher stelle ich das erste Kapitel einfach mal hier rein als "Leseprobe" - Mit Kaffee bewaffnen und los... :)

1. Kapitel
Wissenschaft contra Glauben?

Szientismus ist nicht Wissenschaft

Die methodische Ausgangsfrage der modernen Wissenschaft war: Was können wir über die Beschaffenheit der Welt erkennen, wenn wir einmal von allen religiösen und metaphysischen Annahmen absehen? Was läßt sich empirisch beweisen oder widerlegen und ist deshalb für jeden Menschen einsichtig, Intelligenz und Vorbildung vorausgesetzt? Dieser methodische Ansatz führte zu eindrucksvollen Erkenntnissen und erzwang die Revision antiker und mittelalterlicher Weltvorstellungen.

Aber davon unberührt blieb die Frage: Wie ist die Welt beschaffen, wenn wir nicht von allen religiösen und metaphysischen Fragen absehen, sondern uns auch der jenseitigen, himmlischen Wlet in der ihr adaequaten Weise zuwenden? Und wie können wir etwas darüber erfahren?

Diese Frage schließt die Akzeptanz naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden nicht aus - im Gegenteil: Erkenntnisse über die Natur können unmöglich im Widerspruch zum Gottesglauben stehen. Heute ist das zumindest bei den Großkirchen im Wesentlichen anerkannt. Denn für sie ist die Natur ja Gottes Schöpfung, also sind Naturerkenntnisse zugleich eine Bereicherung der Gotteserkenntnis. In den biblischen Texten sind die Offenbarungsberichte mit antiken Weltvorstellungen vermengt, die sich als unhaltbar erwiesen haben. Mit dieser Einsicht hat man sich oft schwer getan. Die amerikanischen Fundamentalisten tun das noch heute. Doch was wissenschaftlich widerlegt ist, kann nicht wahr sein.

Die Astronomie hat uns die Einsicht in die unermeßliche Weite des Raums und der Zeit vor Augen gestellt. Das stellt Gott nicht in Frage, sondern bringt uns erst seine Größe zum Bewußtsein. Sie macht Gott nicht kleiner, sondern größer.



Entsprechendes gilt für andere Wissensgebiete. Z. B. hat die Hirnforschung nichts prinzipiell Neues gebracht. Seit der Arzt und Anatom Alkmaion, der Freund und Schüler Pythagoras, die Funktion des Gehirn entdeckte, ist das Prinzipielle schon bekannt, die moderne Forschung hat es nur im Einzelnen ausgefächert und belegt. SIe macht genaue Angaben darüber, an welchen Stellen des Gehirns die sinnliche Wahrnehmung, as Herausfiltern des Relevanten, die Erinnerung, die Orientierung usw. ihren Ort haben.

Zur Konfrontation zwischen Wissenschaft und Gottesglaube kommt es nur, wenn Gläubige den Naturerkenntnissen die Anerkennung verweigern oder wenn Szientisten aus den Naturerkenntnissen überschießende weltbildliche Folgerungen ziehen, die sich aus ihnen gar nicht ergeben. Dann steht der Glaube nicht mit der Wissenschaft im Konflikt, sondern mit philosophischen Schlußfolgerungen. Szientismus ist nicht Wissenschaft, sondern Philosophie, und zwar eine schwache, wenig durchdachte Philosophie, die schlichte Artikulation einer schlichten Weltanschauung.

Vor allem fordern uns die szientistischen "Philosophen" auf, zu glauben: Die in der Evolution sich selbst organisierende Materie habe alles Geistige hervorgebracht einschließlich Kultur und Religion, die Philosophie Platons und Kants, die Werke Shakespears und Goethes, Bachs und Beethovens, die Ich-Erfahrung des Menschen und die Wissenschaft, die dies alles als Hervorbringung der Materie erkennt.

Diese Zumutung an den Verstand beruht nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern ist eine weltanschauliche Annahme. Sie wird zwar durch allerlei Argumente gestützt, die sie aber gar nicht beweisen, sondern voraussetzen. Die Prämisse ist stets: Die Welt sei gottlos, das Leben sinnlos.

Ausgehend von dieser Prämisse sucht man sich zu erklären, warum sich so viele Menschen über diese Prämisse hinwegsetzen. Die Erklärungsversuche variieren vor allem drei Grundmuster:

1. Die Prämisse sei nicht begründungsbedürftig, sondern selbstverständlich. Der Gegner habe zu beweisen, dass könne aber nicht gelingen, weil der Beweis nur wissenschaftlich erbracht werden könne.

2. Es sei psychologisch erklärbar, wieso viele Menschen die Religion ernst nehmen: Sie hielten z. B. die Sterblichkeit nicht aus, suchten Trost im irdischen Jammertal, projizierten ihre wünsche auf die Himmelsscheibe, bedürften der Unterordnung unter Dogmen und Autoritäten, seien psychisch instabil, neurotisch-infantil, nicht wirklich erwachsen geworden. Oder in wohlwollender Variante: Religion diene der Kontingenzbewältigung, d.h. der psychischen Verarbeitung der uns zufällig vorgegebenen Umstände.

3. Wer sich heute noch religiös orientiere, befinde sich nicht auf der Höhe der Zeit, sei wissenschaftlich ungebildet und irrational. Er falle aus dem Konsens der Moderne heraus.

So wie man früher dem Glauben durch sozialen Isolationsdruck nachgeholfen hat, so heute der szientistischen Weltanschauung. Auf dieser Grundlage hat sich in der Neuzeit die Annahme verbreitet, zwischen Religion einerseits und Wissenschaft und Aufklärung andererseits bestünde ein unüberbrückbarer Gegensatz, ein Konkurrenzverhältnis, in dem sich nur die eine oder andere Seite behaupten könne: Entweder - Oder. In Wirklichkeit besteht ein Komplementarverhältnis: Sowohl als auch.

Ein vernünftig durchdachter Gottesglaube hat keinerlei Probleme mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, sondern nur mit der szientistischen Weltanschauung.



2. Beispiel: Richard Dawkins, Der Gotteswahn


Worin der Unterschied zwischen Wissenschaft und szientistischer Weltanschauung besteht, läßt sich am besten durch ein Beispiel anschaulich machen. Dafür bietet sich Richard Dawkins Buch "Der Gotteswahn" (2007) an. Hier finden wir die wesentlichen Elemente der szientistischen Weltanschauung, die uns sonst diffus an verstreuten Orten und wenig greifbar begegnen, sehr hübsch zusammengestellt, und zwar in einem Band, der bei den Szientisten hohe Anerkennung genießt und auf den wir uns deshalb konkret beziehen können.

In seinen Ankündigungen wurde uns versprochen, der Evolutionsbiologe Dawkins werden den Beweis führen, daß der Gottesglaube mit der Evolutionslehre tatsächlich unvereinbar ist. Diesen beweis führt er a) mit wissenschaftlichen Argumenten, b) mit den philosophischen Argumenten die für die szientistische Weltanschauung charakteristisch sind.

a) Dem wissenschaftlichen Beweis ist das 4. Kapitel gewidmet. Die These ist, kurz zusammengefaßt: Die Evolution erklärt sich durch die natürliche Selektion, die das Unbrauchbare aussortiert, aber das schon halbwegs Brauchbare weiter vererbt. In langen Zeiträumen gibt es eine ununterbrochene Steigerung der Nützlichkeit durch zahllose kleine aufeinanderfolgende Modifikationen. Dazu bedarf es keiner Eingriffe Gottes, es bedarf aber unserer Bewußtseinserweiterung, um es einzusehen. Überraschend ist nur die Schlußfolgerung: "Wenn man die Argumentation dieses Kapitels anerkennt, ist die Grundvoraussetzung aller Religion - die Gotteshypothese - nicht mehr haltbar. Gott existiert mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Sie ist deshalb überraschend, weil die Selektion nie ein Problem war. Die Frage war doch: Wie kommt es zu den Mutationen, von denen sich einige als so zweckmäßig erweisen? Hoimar v. Ditfurth erläuterte das Problem u.a. am Beispiel des indischen Schmetterlings "Kaiseratlas": Dessen Raupe knabbert in ihrem Puppenstadium das Blatt eines Baumes an, so daß es trocknet und sich zusammenrollt. Zuvor spinnt sie das Blatt am Zweig fest, so daß es nicht herunterfällt. Ehe sie in die Blattröhre hineinkriecht, wiederholt sie den Vorgang mit mehreren Blättern, so daß die Futter suchenden Vögel auf Nieten treffen und aufgeben. Sie hat aber kein Gehirn, das so komplexe Wirkungen einschätzen könnte. v. Ditfurths Schlußfolgerungen: Es gibt Verstand ohne Gehirn, das sei "die bedeutungsvollste Konsequenz der modernen Naturwissenschaft".

Dawkins wehrt sich gegen die unter christlichen Fundamentalisten verbreitete These, in der Evolution zeige sich unmittelbar die lenkende Hand Gottes, gewiß zu Recht. Er fühlt sich vor allem durch jene amerikanische Schule herausgefordert, die unter dem Stichwort "intelligent design" bekannt geworden ist. Ihr Grundgedanke lässt sich so zusammenfassen: Sowohl die Zweckmäßigkeit als auch die Schönheiten der Natur ließen auf die Wirksamkeit von Gestaltursachen (causa formalis) schließen, die sich der materiellen Gegebenheiten als Stoffursache (causa materialis) bedienten. Diese aber hätten die Wirksamkeit von Zweckursachen zur Grundlage und Voraussetzung und ließen sich nicht allein auf Wirkursachen zurückführen. Alle vier von Aristoteles ausgemachten Typen von Ursachen seien zum Verständnis der Evolution heranzuziehen und ließen auf einen intelligenten Designer schließen, nämlich Gott.

In dieser Gedankenfolge steckt ein Fehler, der sie angreifbar macht. Die Zweckmäßigkeiten in der Natur dienen nicht immer dem Gesamtnutzen, sondern oft nur dem Nutzen einer Art auf Kosten anderer; überdies ist keineswegs alles schön, sondern oft von abscheulicher Grausamkeit. Offenbar waltet da nicht unmittelbar Gott, sondern der kollektive Verstand der Tierart, dessen Interessenkalküls einseitig und rücksichtslos sind. Wären Mutationen durch Gott veranlaßt, dann müßten sie alle nützlich sein und nicht nur einige, überdies könnte es nicht zu Fehlentwicklungen kommen, die durch Lösung eines Problems neue und größere Herbeiführen, wie Jörg Zittlau an zahlreichen Beispielen zeigt². Und schließlich dienen die Mutationen in erster Linie den Interessen der Tierart auf Kosten der anderer.

Wie kommt es also zu nützlichen Mutationen? Dazu Dawkins: Schon das Fragment eines Auges, das bloß Hell und Dunkel unterscheidet, kann Leben retten, bleibt also erhalten und kann im Lauf der Generationen zu einem vollkommenen Auge weiter entwickelt werden. Ebenso können erst halbe Flügel immerhin den Fall vom Baum bremsen, so daß er nicht tödlich endet.

Doch wie erklären sich die vielen kleinen Einzelschritte, die die Fragmente des Auges und der Flügel entstehen und bestehen ließen, obwohl sie für sich noch gar keinen Nutzen brachten, sondern eher lästig waren? Und: Mutationen entstehen nicht mit jeder Generation, sondern nur von Zeit zu Zeit. Erklärt man sie nicht mit "Trial & Error" sondern mit dem Prinzip "Zufall" hätte die Evolution dann nicht eines Vielfachen der 3 Milliarden Jahre bedurft?

Deshalb liegt nahe, daß nicht nur Wirkursachen, sondern auch Zweckursachen eine Rolle spielen. Wo sich eine Absicht zeigt, waltet ein Verstand. Dieser kann sich nicht in den Gehirnen der Tiere finden, die haben ja auch keinen Einfluß auf die Mutationen. Es gibt also so etwas wie den "Verstand der Tierart". Wie wirkt er auf die Gene? Wie ist er mit dem Verstand des Einzeltieres verflochten? Woher weiß der Storch in Afrika, wie er sein Nest in Mecklenburg wiederfindet? Was meinen wir genau mit "Instinkt" und "intelligenzanalogem Verhalten"? Wer oder was denkt da, wo sitzt das, wie wirkt es? Das sind alles Fragen an die evolutionsbiologische Forschung.

Für die Gottesfrage ist nur eines entscheidend: Es gibt Verstand ohne Gehirn. Folglich kann es Gott geben, auch Engel, auch ein unabhängiges Fortexistieren der Seele nach dem Sterben. Die szientistische Weltanschauung beruht auf der Behauptung: Es können keinen Geist ohne Gehirn geben. Diese Behauptung ist wissenschaftlich unhaltbar, das Gegenteil ist erwiesen. Die szientistische Weltanschauung ist ein durch nichts begründeter Glaube. Der Gottesglaube hingegen kann an die Erkenntnisse der Wissenschaft anknüpfen und sich im übrigen auf die jahrtausendalten religiösen Erfahrungen der Menschheit stützen. Das beweist nicth die Lehrinhalte der Religionen im einzelnen. Fest steht aber: Da es Geist ohne Gehirn gibt, sind sie nicht von vornherein ausgeschlossen.

b) Dawkins sagt dazu nichts, er arbeitet ja auch nicht mehr als Naturwissenschaftler, sondern versteht sich als Philosoph. "Ein Atheist oder philosophischer Naturalist" vertrete die Ansicht, "daß es nichts außerhalb der natürlichen, physikalischen Welt gibt: keine übernatürliche kreative Intelligenz... keine Seele, die den Körper überdauert." Auch die "Gedanken und Gefühle der Menschen erwachsen aus den kompliziertesten Verflechtungen physischer Gebilde im Gehirn" (S. 25)
Er bescheidet sich also nicht beim wissenschaftlich Erforschbaren, sondern präsentiert ein philosophisches Weltbild, das sich etwa so skizzieren läßt:

1. Das Tote bringt das Lebendige hervor.
2. Das Lebendige bringt das materielle Gehirn hervor.
3. Das materielle Gehirn bringt den Geist hervor.
4. Der Geist bringt die Kultur hervor.
5. Die Kultur bringt die Wissenschaft hervor.
6. Die Wissenschaft bringt die Einsicht hervor, daß das Tote das Lebendige hervorbringt.. und so fort.

Also: Die Prämisse bringt die Conclusio hervor.

Die Religionen gehen von der umgekehrten Prämisse aus: Gott bedarf keines materiellen Gehirns. Er bringt alles in Raum und Zeit Seiende hervor: die anorganische Materie, das Leben, das Gehirn, aber auch mit Geist und Freiheit ausgestattete immaterielle Wesen: Die Engel, die menschlichen Seelen, die den Körper überdauern, und vielleicht sonst noch mancherlei, z. B. den kollektiven Verstand der Tierarten.

Diese Prämisse hält der "Atheist oder philosophische Naturalist" für wahnhaft, eine Art Geisteskrankheit. Dawkins erklärt: "Ich in ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, daß wir die Welt nicht verstehen." Wir verstehen aber sehr viele Dinge nicht ohne die Annahme, daß es Geist ohne Gehirn gibt - was immer sich im übrigen daraus ergibt. Der materialistische Ansatz des "philosophischen Naturalismus" hingegen macht die Welt unverständlich. Er ist absurd, eine Zumutung an den Verstand, ein Wahn, eine Art Geisteskrankheit.

In den sogenannten Idiotenwitzen beruht die Pointe meist darauf, daß die Geisteskranken sich für die Gesunden und die Gesunden für die Geisteskranken halten. Wie können wir uns vergewissern, ob wir zu den Gesunden gehören? In der psychiatrischen Praxis können wir uns dessen gewiß sein, wenn wir die Anstalt verlassen und in die Normalität zurückkehren können. In der Philosophie entspricht dem, daß Begründungspflicht und Beweislast bei dem "philosophischen Naturalismus" liegt. Zur Normalität gehörte zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten die Voraussetzung, daß es selbstverständlich geistige Wesen gibt, die unabhängig von der materiellen Welt leben und auf diese einwirken können. Die gegenteilige Annahme ist begründungsbedürftig und beweispflichtig. Dawkins Versuch, sie aus der Evolutionslehre zu beweisen, ist mißlungen. Fragen wir also nach seinen weiteren philosophischen Begründungen.

Erstens: Die Gottesgläubigen haben viele Dinge gesagt, die logisch unsinnig, empirisch widerlegbar oder moralisch verwerflich sind. Das ganze Buch außer dem 4. Kapitel besteht aus einer mit großem Fleiß zusammengetragenen Sammlung von solchen Dingen. Das genügt freilich nicht, um den naturalistischen Ansatz zu beweisen. Es könnten ja auch beide Seiten verrückt sein.

Kenner des historischen Ablaufs der Wissenschaftsgeschichte mit ihren Paradigmenwechseln konnten vergleichbare Sammlungen von "fads and fallacies" zusammenstellen. Diese waren ebenfalls logisch unsinnig, empirisch widerlegbar und moralisch verwerflich bis hin zur Atombombe. Das sagt nichts gegen die Wissenschaft an sich. Fortschritt beruht auf der allmählichen Überwindung von Irrtümern, so ist der Lauf der Welt.

Zweitens: Dawkins geht nur auf Fragen ein, auf die er eine Antwort zu haben glaubt. Damit sind aber die Fragen nicht aus der Welt geschafft, auf die er antworten müßte, um seine Position schlüssig zu begründen. Einige wurden schon genannt, weitere Beispiele: Wie kommt es zu Fortpflanzung, Generationenfolge und Vererbung, die die Evolutionslehre ja nicht erklärt, sondern voraussetzt? Wie kommt es zu unserer Ich-Erfahrung, die die Wissenschaft nur in ihren objektiven Wirkungen beschreiben, aber nicht als solche erfassen kann, sondern ebenfalls voraussetzen muß? Wie kommt es, daß unser Geist zu wissenschaftlichen Erkenntnissen fähig ist, wie kommt es insbesondere zu der seltsamen Korrespondenz zwischen unserem Geist und den Strukturen der Welt? Wie kommt es, daß wir "Menschenwürde" anerkennen können und damit ethische Prinzipien, die sich mit utilitaristischen Kalküls allein nicht begründen lassen?

Drittens: Ein Hauptargument Dawkins ist, es komme darauf an, welches der beiden Weltmodelle das politisch Wünschenswertere ist - ein seltsames Argument, wenn man im Namen der Wissenschaft auftritt. Er meint: Eine friedliche und humane Welt könne sich erst entwickeln, wenn möglichst alle Menschen von seinem naturalistischen Ansatz überzeugt sein werden. Für Terror und Kriege sollten wir "nicht einen religiösen Extremismus verantwortlich machen, sondern die Religion selbst". Denn diese öffne "dem Extremismus Tür und Tor" (S. 426 f.)

Doch die Geschichte der Kriege kann ihm nicht völlig unbekannt geblieben sein. Von den antiken Eroberungskriegen bis zur Gegenwart ging es um Macht und Vorherrschaft, um wirtschaftliche Ressourcen und Handelsbedingungen, auch um Ehre und Rache, nur in Ausnahmefällen, die es allerdings gab, ging es um Religion. Doch da diente sie als legitimierender Vorwand zu Zwecken wie Motivation der Truppen und Anstachelung fanatischen Hasses. Das alles läuft dem eigentlichen Geist der Religion zuwider.

Was die Humanität der atheistischen Welt betrifft, läßt Dawkins zunächst außer Betracht, daß die totalitären Systeme in Deutschland, der Sowjetunion und China nur mittels der Verdrängung der Religionen ihre Massenbasis gefunden haben. Er fragt auch nicht, warum atheistische Intellektuelle in aller Welt deren Verbrechen geleugnet, beschönigt oder gerechtfertigt haben. Es rächt sich jetzt, daß sie ihre Mitschuld bis heute noch nicht aufgearbeitet haben. Im atheistischen Millieu ist die Geschichte des Totalitarismus deshalb ein Tabu-Thema. Das diplomatische Agieren von Vatikan und Bischöfen, das Schwiegen des Papstes und das Mitläufertum der protestantischen "Deutschen Christen" wurden mit Recht kritisch durchleuchtet. Wie aber kommt es, daß außer in Fachkreisen wenig bekannt ist, daß Hitler seine Wahlerfolge ganz überwiegend in den nicht-katholischen Gebieten errang und die Katholiken noch im März 1933 Zentrum und Bayerische Volkspartei wählten?

Dawkins versucht es so hinzudrehen, als hätte die nationalsozialistische Rassenideologie ihre Wurzel im christlichen Glauben. Das kann unmöglich wahr sein. Schließlich waren Jesus, seine Jünger und Apostel und die Mehrzahl der Evangelisten Juden, und sie alle knüpften an die jüdische Tradition an. Der absurde Gedanke, die Juden bildeten eine minderwertige Rasse, die es auszurotten gelte, war darwinistischen Ursprungs. Man hatte die Evolutionslehre dahin verstanden: In der Politik gehe es um den Kampf ums Dasein. Man stritt nur über die Frage: Um einen Kampf der Nationen, der Klassen oder der Rassen? Die Vernichtung des Christentums hatte Hitler für die Zeit nach seinem Endsieg vorgesehen.

Die Behauptung, die Welt würde durch eine atheistische Großkampagne friedlicher und humaner werden, ist so weltfremd, daß sich die Frage aufdrängt: Welche Absicht steckt dahinter? Oder, um nichts zu unterstellen, welche Wirkungen sind vorhersehbar?

In vielen Familien gibt es Spannungen zwischen Partnern, von denen der eine religiös, der andere atheistisch orientiert ist, aber man findet einen Modus des verträglichen Zusammenlebens. Nun wird der Atheist aufgefordert, dem anderen mit dem Argument entgegenzutreten: "Du bist geisteskrank und ein potenzieller Terrorist". So werden Zerwürfnisse und Scheidungskriege programmiert, und auf politischer Ebene Kampagnen der üblichen Nachrede gegen harmlose Gläubige und religiöse Minderheiten. Die Kirchen und ihre Präsenz in der Öffentlichkeit mit Gottesdiensten, dem Läuten der GLocken, den Jahresfesten und Symbolen werden Gegenstand von Wut und Hohn. Auf internationaler Ebene wird die Aggressivität gegen "den Westen" verschärft, nicht nur in der islamischen Welt, sondern allenthalben. Kooperative Problemlösungen werden aufs äußerste erschwert. Das ist sicher nicht, was unsere kämpferischen Atheisten bewußt beabsichtigen. Aber das ist es, was sie erreichen.

Die Prämisse aller Religionen - es gibt Geist ohne Gehirn - steht erstens mit den Erkenntnissen der Wissenschaft in Einklang und wird zweitens durch die Erfahrungen unzähliger Menschen in Geschichte und Gegenwart gestützt. Die szientistische Weltanschauung hingegen beruht auf einem Glauben, der die empirische Basis der Religionen ohne hinreichenden Grund prinzipiell bestreitet.
Was sie nicht verstehen können, ist das wir keine politische Partei bekämpfen, sondern die Mörder der spirituellen Kultur.

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Igor » 15.01.2012, 14:12

Einen zum Thema passenden Artikel habe ich auf dem wissenschaftlich-theologischen Portal bogoslov.ru gefunden:

:arrow: "Wissenschaft und Glaube"

Folgender Vortrag wurde am 25. November im Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften auf einer Sitzung des Katechon-Klubs, gegründet von Arkadij Maler und Jelena Maler-Matjasowa, von dem orthodoxen Journalisten, ständigem Autor der Zeitschrift „Foma“ und Programmchef der Radiostationen „Radonesch“ und „Theos“ Sergey Khudiyev gehalten. Thema des Treffens war die Frage nach dem Verhältnis bzw. dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube. Wie tief und unvereinbar sind die etwaigen Widersprüche? Wie können biblische Angaben über die Welt mit modernen wissenschaftlichen Daten vereinbart werden? Wir bieten hier den Lesern des Portals „Bogoslov.Ru“ die Vorlesung von Sergey Khudiyev in einer verkürzten Zusammenfassung.


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Als der Höchste hernieder fuhr, verwirrte Er die Sprachen, zerteilte Er die Völker, nun, da Er Feuerzungen ausgeteilt, ruft Er alle zur Einheit: Einmütig preisen wir deshalb den Heiligen Geist. (Pfingstkondakion im 8. Ton)

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Igor » 07.02.2012, 08:07

Der folgende Artikel dürfte auch in diesem Zusammenhang von Interesse sein:

:arrow: Priester Oleg Mumrikov: "Die biblische Sicht auf das Phänomen des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes: Arche Noah oder Turm von Babel?"

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt verändert laufend die Existenzbedingungen der Menschheit. Dabei werfen Entdeckungen und technologscher Fortschritt ständig neue Fragen in den Bereichen Weltanschauung und Ethik auf, die sich der Gesellschaft und der Kirche stellen. Welchen Standpunkt nimmt das christliche Bewusstsein gegenüber dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt ein? Dr. theol. Priester Oleg Mumrikov, Lehrer am Moskauer Geistlichen Seminar und Akademie und Dozent an der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften, beantwortet diese Fragen in seinem Artikel.
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Hermann
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Hermann » 22.02.2012, 21:10

Hallo an die Leser dieses Threads,

Igor hat mich auf diesen Thread mit dem verwiesen, was mich derzeit beschäftigt: Ausgehend von einer Passage im letzten "Der schmale Pfad" wie man Naturgesetze verstehen kann in Verbindung mit der Kausalitätslehre beim Hl. Nikolaj Velimirovic, siehe etwa hier: http://www.impantokratoros.gr/nikolaj-velimerovic-kausalitatslehre.de.aspx ist mir einiges aufgegangen, auch bezüglich Naturwissenschaften und bezüglich der Unterscheidung natürlich/übernatürlich wie es sie in der westlichen Theologie gibt.

Im Schmalen Pfad (Bd. 38, S. 145) schreibt Metropolit Hierotheos (Vlachos):
Wenn unser nous erleuchtet und befreit ist, dann ist die ganze Welt ein Geschenk Gottes. Dann sehen wir in der ganzen Natur die inneren Prinzipien der DInge, wie die Heiligen Väter sagen; denn statt der sogenannten Naturgesetze gibt es ungeschaffene Prinzipien in der Natur, das ist die Energie der Vorsehung Gottes, Der persönlich die ganze Welt lenkt. Wo auch immer Wiederholung und Konsistenz existieren, ist das nicht auf die Existenz sogenannter Naturgesetze zurückzuführen, sondern auf die Verlässlichkeit der göttlichen Energie. Mit anderen Worten, dies ist die Art und Weise, in der Gott wirken will.


Ich verstehe das etwa so: Wenn ich einen Stein fallen lassen, so ist es die Energie Gottes, die den Stein zu Boden lenkt. Um mir aber meine menschliche Freiheit zu ermöglichen muss die Konsequenz meines Handelns vorhersehbar sein, das heißt, Gott handelt verlässlich so, wie ich es erwarte. Er könnte aber genausogut immer anders handeln. Bis jetzt war mir als recht stark vom naturwissenschaftlichen Denken geprägten Menschen diese Sicht auf "Naturgesetze" fremd, was aber immer das Problem mit sich gebracht hat, Naturgesetze und Vorsehung unter einen Hut zu bringen. Diese orthodoxe Sicht der Vorsehung, die m. E. auch eine Unterscheidung zwischen natürlich/übernatürlich obsolet werden lässt, ist mir neu, obwohl ich mich viel mit dem Themenbereich schon beschäftigt habe - und zugleich leuchtet sie mir auch ein. Ich empfinde sie auch nicht als Angriff auf die Naturwissenschaften, die ja Gott methodisch ausblenden, im Gegenteil die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen indem sie viele Gesetzmäßigkeiten aufzeigen, zu welchem präzisen und vielfältigen Handeln Gott fähig ist.

Ich hoffe mich, verständlich ausgedrückt zu haben, ist für euch diese Sicht auf die Naturgesetze und Kausalitäten in der Natur normal, habe ich die Aussagen des griechischen Metropoliten richtig verstanden...?
Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch hinzugeschenkt.

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Nassos » 22.02.2012, 22:39

Mein lieber Hermann,

wie sagt Klitschko in der Werbung? "Schwääääre Kost"....

Puh. Also ich hatte stets und habe den Gedanken in mir, dass durchaus alles von Gott kommt, so auch die sog. Naturgesetze. Nur ist die Natur und da was natürlich ist, weit mehr als das, als wir denken.
Wunder sind für mich auch natürlich (auch wenn sich mein Hirn dagegen sträuben will, denn ich vermag leider nur mit meinen körperlichen Augen zu sehen, aber nicht mit meinen geistlichen), sie haben eine andere, ähm, Auftretenswahrscheinlichkeit. Ob und welchen Gesetzen sie unterliegen vermag ich nicht zu sagen (das will ich auch überhaupt nicht). Und ja, Gott kann sehr wohl ein Naturgesetz "umdrehen". Lazarus könnte das bestätigen.

Was mir wichtig scheint ist wiederum, dass dem allem das Element der Liebe hinterliegt. Wichtig in den Aussagen des Hl. Nikolaj Velimirovic erscheint mir, dass dem Menschen die Macht über die Natur gegeben ward, und Gott sich umbringen lässt, um sein Geschöpf zu retten und es damit wieder zu erhöhen und quasi zu restaurieren. Ich habe zwar die Ausgabe des Schmalen Pfades, weil ich mich gegen mein Naturgesetz der Faulheit durchgesetzt und es abboniert habe, aber gelesen habe ich es noch nicht.
Sagt Metropolit Hiertheos Vlachos denn irgendetwas bezüglich der Liebe als "Faktor" in diesem Artikel?
(und nebenbei: geht es bei den ungeschaffenen Prinzipien um die ungeschaffenen Energien?)

Letzte Frage: wieso sollte die Physik sich außerhalb Gottes Willen bewegen? ;-) Oder die Mathematik als Sprache der Naturgesetze?

Lieben Gruß,
Nassos

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Nassos » 22.02.2012, 23:09

Ein Artikel des Metropoliten bzgl Theologie und Wissenschaft auf Englisch.

http://www.parembasis.gr/0000/00_88_04.htm

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Igor » 23.02.2012, 17:01

Lieber Hermann,

zuerst vielen Dank für die Initiierung dieser Diskussion. Ich möchte in Ergänzung dessen auf einen Artikel in der gleichen Ausgabe dieser Zeitschrift zurückgreifen: Erzpriester Prof. Dr. Dr. Georgios D. Metallinos über „Glaube und Wissenschaft in der orthodoxen Erkenntnislehre und Methodologie“ (erschienen in „Der schmale Pfad“ Nr. 38, S. 87…98). Diesen Artikel kann ich sehr empfehlen! Ein Kernsatz ist für mich darin:
„Der Glaube ist die Erkenntnis des Ungeschaffenen, die Wissenschaft die Erkenntnis des Geschaffenen.“


Gott als das (bzw. korrekterweise: der) einzig ungeschaffene kann also nur durch Theosis (Θεωσις, Schau des Ungeschaffenen), als „Erfahrung der Teilnahme des Ungeschaffenen“ erkannt werden, dagegen entsteht säkuläre Weisheit in der Erkenntniss des Geschaffenen durch die Wissenschaft.

Diese Trennung und auch die Hierarchie zwischen beidem sollte stets beachtet werden. Ich möchte daher an dieser Stelle eine Passage eines früheren Beitrags wiederholen, da diese hier ausgezeichnet passt:

Diakon Andrej Kuraev brachte in seinem Buch „Der nicht-amerikanische Missionär“ folgende Geschichte dazu:

Der Wissenschaftler Werner Heisenberg sprach mit Atomphysiker Wolfgang Pauli über seine Vision des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft bei einem Besuch des Kopenhagener Hafens. Dabei wurde das Gespräch unterbrochen, weil nur wenige hundert Meter an uns vorbei ein großes Passagierschiff schwamm, dessen Fenstern von Licht erleuchtet waren. Heisenberg gingen mehrere Fragen durch den Kopf: Er träumte von diesem Moment von dem Leben der Menschen in den Kabinen, und in seinem Kopf kreiste die Frage: Was ist eigentlich dieses Schiff?

Die Bewegung des Schiffes konnte auf zwei Arten beschrieben werden. Wir können sagen, dass eine solche Maschine installiert ist, in der ein Kraftstoff verbrannt wird, der Verbrennungsgase unter Druck auf den Kolben, dessen Bewegung auf den Propeller übertragen wird und der das Schiff treibt, damit es fährt. Und wir können sagen, dass dieses Schiff hier ist, weil es von einer Firma gechartert worden ist, um die Ladung von Baumwolle aus Amerika nach Europa zu bewegen. Die erste Beschreibung ist wissenschaftlich. Die zweite - religiös.

Die Wissenschaft beantwortet die Frage „Warum“ und „Wie“.
Religion - die Frage nach dem „Weshalb“.


Weiter schreibt Kuraev:

Wenn ich irgendwo hin will, muss ich den Fahrplan studieren. Obwohl der Fahrplan auf einer wissenschaftlichen Grundlage erstellt worden ist, kann ich den noch so sehr studieren, ich werde durch ihn nie wissen, wohin ich fahren soll.

Dies ist ein Beispiel des Verhältnisses von Ethik, Religion und Wissenschaft. Religion gibt Werte:
Weshalb, für was ein Mensch lebt, was die angestrebten Ziele sind.
Die Wissenschaft sagt, auf welche Art und Weise können wir die Zielstation erreichen.


Letztendlich, ist dabei so, wie Du, lieber Hermann, Metropolit Hierotheos (Vlachos) zitierst:
Hermann hat geschrieben: Im Schmalen Pfad (Bd. 38, S. 145) schreibt Metropolit Hierotheos (Vlachos):
Wenn unser nous erleuchtet und befreit ist, dann ist die ganze Welt ein Geschenk Gottes. Dann sehen wir in der ganzen Natur die inneren Prinzipien der DInge, wie die Heiligen Väter sagen; denn statt der sogenannten Naturgesetze gibt es ungeschaffene Prinzipien in der Natur, das ist die Energie der Vorsehung Gottes, Der persönlich die ganze Welt lenkt. Wo auch immer Wiederholung und Konsistenz existieren, ist das nicht auf die Existenz sogenannter Naturgesetze zurückzuführen, sondern auf die Verlässlichkeit der göttlichen Energie. Mit anderen Worten, dies ist die Art und Weise, in der Gott wirken will.


Die (sog.) Naturgesetze fußen also darauf, dass eine „Verlässlichkeit der göttlichen Energie“ besteht. Das ist aber quasi nur ein Teil des Gesamtbildes, welches erst durch Theosis geschaut werden kann.

Hermann hat geschrieben:Ich verstehe das etwa so: Wenn ich einen Stein fallen lassen, so ist es die Energie Gottes, die den Stein zu Boden lenkt. Um mir aber meine menschliche Freiheit zu ermöglichen muss die Konsequenz meines Handelns vorhersehbar sein, das heißt, Gott handelt verlässlich so, wie ich es erwarte. Er könnte aber genausogut immer anders handeln.


Ich würde es etwas anders formulieren, denn das interpretiere ich ein wenig in Richtung „Gott auf einen ‚Erfüllungsgehilfen‘ zu reduzieren“ (vielleicht habe ich das aber auch nur falsch verstanden): Wenn wir die Konsequenz unseres Handelns komplett vorhersehen möchten, dann ist dafür die Voraussetzung die Theosis.

Noch ein Zitat zur Vorsehung, dessen letzter Satz insbesondere das o.g. unterstreichen soll. Es stammt von Altvater Paisios (Eznepidis) vom Berg Atos (gefunden in „Der schmale Pfad“ Nr. 15, S. 100):

Die göttliche Vorsehung

Die Vorsehung Gottes sorgt für jedes Geschöpf. Alles, was gemäß der göttlichen Vorsehung geschieht, ist voller Segen. Es geschieht auf beste Weise und kann nicht besser sein. Dass Er auf diese Weise für uns gut vorsorgt, davon kann sich jeder mittels folgender Überlegung überzeugen:

Da Gott gut ist, sorgt Er für Seine Geschöpfe, denn wenn Er nicht für sie sorgen würde, wäre Er nicht gut. Genauso folgen Menschen und die stummen Tiere ihrer Natur und sorgen für ihre Kinder; wer das nicht tut, den hält man für böse. Da Gott ewig-weise ist, richtet Er die Fürsorge für Seine Geschöpfe auf bestmögliche Weise ein. Wenn wir aufmerksam die Dinge der göttlichen Vorsehung beobachten, können wir nicht anders als erstaunt sein über die göttliche Güte. Daher müssen wir Ihn anbeten und ergeben Seine Sorge um uns entgegennehmen, obgleich die Wege Seiner Vorsehung manchmal für uns nicht völlig verständlich sind.


Noch ein sehr schöner Spruch zum Schluss meines Beitrags – entdeckt in einem sehr alten Strang dieses Forums:

“Das Göttliche ist unendlich und unfasslich und das einzige, was an ihm fasslich ist, ist seine Unendlichkeit und Unfasslichkeit.“

Johannes von Damaskus (650 - 754)

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Nassos » 23.02.2012, 19:52

Du meine Güte, da hast Du aber was hervorgeholt mit dem letzten Strang... da wurde ich zum ersten Mal als Atheist beschimpft.
Nein, waren das Zeiten.

Dort hatte ich aber zum ersten mal die Schöpfung, Gott, den Verstand und die Logik ins Verhältnis gesetzt. Ohne kompliziert; und ich kann mich immer noch damit intendifizieren.

Mein Gott, ist das schon mehr als vier Jahre her?

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Christ7777777 » 23.02.2012, 21:13

Ohne jetzt auf die Beiträge eingehen zu wollen (sry). Ich denke Gott wird schon einen Weg finden, wie er die ganzen atheisten und falschgläubigen errettet. Die sollen auch Gott der Gnade nach werden ( wie ich oder wir), denn es ist eine Ehre so zu sein und zu denken wie Gott. Amen. :mrgreen:

Einen glücklichen Abend noch euch Kindern...
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Hermann » 24.02.2012, 15:36

Danke für eure Antworten, besonders dir Igor für die sehr ausführliche Antwort.
Den Artikel von Erzpriester Georgios Metallinos habe ich gelesen und er hat mir sehr gut gefallen auch der Satz vom Geschaffenen und Ungeschaffenen ist mir sofort ins Auge gesprungen. Aber da mich die Thematik Wissenschaft - Glaube seit langem schon sehr interessiert und mich auch persönlich betriftt (habe zwar katholische Theologie studiert, bin aber von meinen Interessen her sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet) ist da doch noch eine Frage offen geblieben: Wie steht es mit Engeln und Dämonen, die sind zwar geschaffen aber doch eher dem Glauben als der empirischen Wissenschaft zugeordnet. Die Frage mag manchen vielleicht übertrieben erscheinen und ist es vielleicht auch, aber das Thema Glaube und Wissenschaft ist schon seit langem für mich so eine Art Lebensthema geworden und deshalb will ich da auch nochmals nachhaken.

Zu Nassos:
Letzte Frage: wieso sollte die Physik sich außerhalb Gottes Willen bewegen? ;-) Oder die Mathematik als Sprache der Naturgesetze?


Nein ich glaube nicht, dass sich die Physik außerhalb des Willens Gottes bewegt. Ich glaube sogar, dass sie das wunderbare Wirken Gottes zum Teil offenbaren kann. Wenn der Hl. Nikolaj Velimirovic sagt, dass es im Weltall nur personale Kausalität gibt, ein Physiker aber so genau im voraus berechnen kann, wie etwas geschieht, auf viele Dezimalen genau, dann ist das offensichtlich ein Hinweis für die wunderbare Allmacht Gottes, der im ganzen Weltall alles so präzise zu lenken versteht, ohne sich eines Vehikels namens "Naturgesetz" zu bedienen - denn so erscheint nur uns außerhalb der Theosis die Leitung Gottes, wenn ich den Hl. Nikolaj etwa richtig verstanden habe.

Sagt Metropolit Hiertheos Vlachos denn irgendetwas bezüglich der Liebe als "Faktor" in diesem Artikel?
In dem Artikel geht es nicht primär um den Zusammenhang von Wissenschaft und Glaube sondern um die Heilung der Seele, aber trotzdem hat mich gerade in dem Artikel die eine Passage angesprochen.

Aber eines ist sicher bei all der Fragerei, letztlich hat Johannes von Damaskus recht im von Igor zitierten Satz
Das Göttliche ist unendlich und unfasslich und das einzige, was an ihm fasslich ist, ist seine Unendlichkeit und Unfasslichkeit.
Und wichtig ist sicher auch bei all diesen Fragen nicht die alltägliche Liebe zu vergessen, sollte ja gerade in dieser Woche Thema sein...zumindest muss ich mir das selber immer wieder vorsagen. :wink:

Liebe Grüße, Hermann
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Hermann » 25.02.2012, 09:10

Nassos hat geschrieben:Ein Artikel des Metropoliten bzgl Theologie und Wissenschaft auf Englisch.

http://www.parembasis.gr/0000/00_88_04.htm

Hallo Nassos, Danke für diesen Link, der Artikel scheint sehr interessant zu sein, habe ihn bisher aber nur überflogen und nicht durchstudiert.

Aber das Fazit aus der ganzen Diskussion ist für mich, dass Gott in der Welt und an uns viel umfassender handelt und alles viel mehr von seiner Liebe erfüllt ist, als ich es jetzt außerhalb der Theosis erkennen kann.
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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Igor » 25.02.2012, 18:54

Lieber Hermann!

Hermann hat geschrieben:[…] ist da doch noch eine Frage offen geblieben: Wie steht es mit Engeln und Dämonen, die sind zwar geschaffen aber doch eher dem Glauben als der empirischen Wissenschaft zugeordnet. Die Frage mag manchen vielleicht übertrieben erscheinen und ist es vielleicht auch, aber das Thema Glaube und Wissenschaft ist schon seit langem für mich so eine Art Lebensthema geworden und deshalb will ich da auch nochmals nachhaken.


Ja, damit ist es nicht so einfach. Sie sind von Gott geschaffen, aber unstofflich – damit tut sich die Naturwissenschaft mit ihnen eher schwer.

Ich möchte gern auf ein Buch zurückgreifen, welches ich hier regelmäßig empfehle:

Erzpriester Sergius Heitz „Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit. Orthodoxes Glaubensbuch“ (ISBN 3-525-56832-0), wo er in Frage 56 auf die Engel und Dämonen eingeht. Zu letzteren schreibt er:

Diese sind vernunft- und willensbegabte Wesen, zunächst als Engel erschaffen, die dann von Gott abgefallen sind, in dem sie sich für Gott hielten.


(vergl. auch diesen Strang).

Erzpriester Sergius Heitz schreibt des Weiteren in Beantwortung der Frage 12: Unser Glaubensbekenntnis sagt, dass Gott nicht nur der Schöpfer der sichtbaren Dinge und Wesen dieser Welt sei, sondern auch der unsichtbaren. Was ist damit gemeint?

Antwort: Es gibt, wie wir eben gesehen haben, in unserer Welt Wahrheiten und Erscheinungen, die die Wissenschaft nicht objektivierbar wahrnehmen und deuten kann, und die sie daher aus ihrer Forschung und ihrem Weltbild ausblenden muss. Eine solche Erscheinung ist beispielsweise das Wirken des Heiligen Geistes. Aber auch die Gegenwart der Engel und Dämonen gehört dazu. Diese sind mit den Unsichtbaren' in unserem Bekenntnis gemeint.

Wir wissen von Engeln aus der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche. Engel zeigen schon im Alten Testament die unsichtbare Gegenwart Gottes an. So bewirtet Abraham in Gestalt von drei Engeln den dreipersönlichen Gott Selbst. Jakob sieht auf der Himmelsleiter Engel auf- und niedersteigen. Bileam und seiner Eselin tritt ein Engel in den Weg. Tobias wird von einem Engel in die Fremde geleitet. Cherubim und Seraphim umgeben nach den Visionen von Jesaja und Ezechiel anbetend den Thron der Herrlichkeit Gottes.

Doch erst im Neuen Testament und in der Tradition der Kirche werden Wesen und Dienste der Engel deutlicher erkennbar. Wie sie den Thron der Herrlichkeit Gottes anbetend und dienend umgeben, so sind sie auch dem Mysterium Seines Heilswerkes zur Erlösung der gefallenen Schöpfung dienstbar zugeordnet. Die Engel sind daher gegenwärtig bei der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, bei Seiner Taufe, Seiner Kreuzigung, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt und Seiner Wiederkunft zum Gericht.


Abschließend noch ein weiterer Buchtipp.

Hermann hat geschrieben:… habe zwar katholische Theologie studiert, bin aber von meinen Interessen her sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet …


Bei mir ist es genau umgekehrt, ich habe naturwissenschaftlichen Hintergrund und interessiere mich für Theologie. Das letztere dem ersteren nicht entgegensteht, lernte ich von Erzpriester Leonid Tsypin, der vor einem reichlichen Jahr entschlafen ist. Das Werk, dem seine Dissertation in Theologie zu Grunde liegt, erscheint übrigens in Kürze in Deutsch in der Edition Hagia Sophia:

Erzpriester Leonid Tsypin: Das Geheimnis der Schöpfungstage

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Das Buch von Vater Leonid lädt zur Entwicklung einer neuen Sicht auf die Erschaffung der Welt, die auf den neusten wissenschaftlichen Daten und der modernen orthodoxen Exegetik beruht. Die Frage nach der Dauer der Schöpfungstage wird in diesem Werk - aufgrundlagen der Väterlehre - faktisch beantwortet und dem Dialog mit der modernen Wissenschaft steht nach diesem Buch nichts mehr im Wege.


Ein paar mehr Details zum Buch gibt es in einem Interview dazu aus dem Jahr 2010.

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Re: Gott und die Vernunft

Beitragvon Hermann » 26.02.2012, 17:27

Hallo Igor,

Danke für deine Ausführungen. Danke auch für den Hinweis auf das Buch von Vater Sergius Heitz, steht bei mir ohnehin im Regal, nur zur Hand sollte ich es öfter nehmen, noch dazu wo ich merke, dass er für mich als "Westler" sehr verständlich schreibt. Danke auch für die Hinweise auf Vater Leonid Tsypin, das Interview ist eine geballte Ladung...die Lehre von den Logoi, die er bei Maximus dem Bekenner gefunden hat, finde ich interessant:

Allerdings blieben noch die „Farbtöne" des Lichts der Göttlichen Energien zu erklären. Wodurch waren diese „Farbtöne" zustande gekommen? Ich las den Hl. Maximus wieder und wieder, und einmal bemerkte ich, dass ja unterschiedliche Logoi existieren: „Logoi der Natur", „Logoi der Vorsehung" und „Logoi des Gerichts". Durch die „Logoi der Natur" werden die Naturgesetze vorgegeben, in den „Logoi der Vorsehung" und „des Gerichts" dagegen das gesamte Leben des Weltgebäudes und alle Ziele seiner Bewegungen. Aber die Logoi sind ja eben eine der Äußerungen des „Inhalts" des Lichtes der Göttlichen Energien. Ist dieser „Inhalt" „sichtbar"? Ja, er soll sichtbar sein! Denn das Licht der Göttlichen Energien ist das Innere Licht. Und dieses zu „sehen" bedeutet ja eben es zu „verstehen".


Liebe Grüße, Hermann
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